Reisen mit Kindern: Große Familie, große Ansprüche

Von Kerstin Walker

Wer mit vier Kindern und mehr verreist, stößt schon bei der Organisation auf Hindernisse. Zu wenig sind Veranstalter und Hotels bisher auf ihre Ansprüche eingestellt. Doch es gibt Hoffnung - denn die Zahl der reiselustigen Patchwork-Familien wächst.

Reisen im XXL-Format: Wenn eine Großfamilie Urlaub machen will Fotos
DPA

Wenn Ariane und Jean-Jacques Glaesener in den Urlaub fahren wollen, dann ist schon der Start aufwendig: "Die Reiseplanung für eine Großfamilie beginnt bereits an der Haustür", sagt Ariane Glaesener, Mutter von vier Kindern. Dabei ist das Problem, ein Großraumtaxi zum Flughafen oder Bahnhof zu finden, noch zu lösen. Doch wenn der Nachwuchs am Reiseziel weit weg von den Eltern untergebracht wird oder die Tische im Hotelrestaurant nicht ausreichend Platz für sechs Personen bieten, dann bringt der Urlaub keinen Spaß mehr.

Ihren letzten All-inclusive-Urlaub verbrachten die Glaeseners auf Kreta. Dort musste die Familie in Schichten essen, "die Tische waren einfach zu klein, das Restaurant komplett überfüllt", erzählt Ariane Glaesener. Ähnlich ergeht es vielen XXL-Familien - sie sprengen bei etlichen Reiseveranstaltern die Kapazitäten. Wenn etwa Birgit Beckmann aus Nordrhein-Westfalen im Reisebüro einen Familienurlaub buchen will, wird oft ungläubig nachgefragt: "Wie viele Kinder haben Sie?" Auch die Beckmanns sind zu sechst. Zu der Patchwork-Familie gehören vier Mädchen und Jungen zwischen 5 und 15 Jahren.

Die Glaeseners buchen inzwischen individuell statt pauschal und entscheiden sich lieber für kleinere Unterkünfte mit Selbstversorgung im Internet: "Das ist mit mehr Aufwand verbunden, weil jeder Baustein von der Anreise bis zur Unterkunft einzeln gesucht werden muss", sagt Ariane Glaesener. "Am Ende aber lohnt es sich, weil alle zufrieden sind." Und Birgit Beckmann, Anfang 40 und Reiseverkehrskauffrau, entdeckte eine Marktlücke: Sie gründete ein Portal für Großfamilien und ging im Februar mit familienurlaub-xxl.de online.

Immer mehr reiselustige Großfamilien

"Ich habe ein ganzes Jahr lang Klinken geputzt", erzählt sie. "Rund tausend E-Mails musste ich schreiben, bis ich die ersten Reisepartner gefunden hatte, die mit mir arbeiten wollten." Heute vermittelt sie kleine Pensionen und Hotels, "ganz oben im Ranking liegen Österreich und die Ostsee". Die meisten Unterkünfte kennt Beckmann durch persönliche Besuche. "Die Betreiber müssen flexibel sein, das ist ganz wichtig", sagt sie. "Wem zwei Zustellbetten im Elternzimmer oder ein großer Familientisch zu aufwendig sind, der kommt gar nicht erst in Frage."

Großfamilien bilden zwar eine Minderheit, doch Konstellationen wie Patchwork-Familien wie die Beckmanns finden sich immer häufiger: So leben zurzeit von den rund 82 Millionen Einwohnern der Bundesrepublik etwa 5,2 Millionen in Familien mit mindestens drei Kindern, wie das Bundesamt für Statistik erhoben hat. Das ergibt immerhin einen Anteil von 6,3 Prozent.

Dass diese XXL-Zielgruppe reiselustig und lukrativ ist, das haben Spezialveranstalter bereits vor Jahren erkannt. "Urlaub mit der Großfamilie wird zukünftig ein wichtiges Thema in der Reisebranche", sagt Bettina Boll, Sprecherin von Vamos Eltern-Kind-Reisen. Seit acht Jahren steigen bei dem Unternehmen in Hannover die Buchungen in dem Segment, zurzeit machen sie 17 Prozent des Gesamtaufkommens aus. Daher stockt Vamos das Angebot an Hotels und Apartments für größere Familien weiter auf. Gleichzeitig investiert der Veranstalter in die zeitaufwendige Kundenberatung, ob am Telefon oder im firmeneigenen Büro in Hannover.

Ein Mehraufwand, der bei Bambino-Tours ebenfalls einkalkuliert wird. 20 Prozent der Kunden des Marburger Unternehmens haben mehr als drei Kinder, Tendenz steigend. Der Vize-Geschäftsführer Thomas Eberhardt sagt: "Meist sprechen wir zwei-, dreimal mit unseren Kunden, bis eine Buchung abgeschlossen ist. Fasst eine Familie mit drei kleinen Kindern ein Haus mit Treppe ins Auge, empfehlen wir schon mal ein besser geeignetes Domizil. Das kann eben manchmal dauern."

Auch Birgit Beckman braucht Zeit für die Recherche, bis sie ein individuelles Komplettpaket fertig geschnürt hat. Und um Fragen zu klären wie: "Werden zwei, drei oder mehr Schlafzimmer benötigt? Braucht die Familie vor Ort ein Mietauto mit mehreren Kindersitzen oder soll die Anreise vielleicht lieber mit dem Flieger oder dem Nachtzug stattfinden? Welche Aktivitäten vor Ort sollen machbar sein?" XXL-Familien haben eben besondere Ansprüche.

Neue Familienmodelle, neue Urlaubskonzepte

Inzwischen verfolgen auch Pauschalreiseanbieter wie TUI und Co. den Aufwärtstrend bei Großfamilien mit Interesse und richten sich zunehmend darauf ein. "Der Anteil der Reisenden mit mehr als drei Kindern steigt", bestätigt Marco Friedrich, Leiter Produktlinienmanagement bei TUI, - trotz der hohen Kosten. "Für Reiseveranstalter ist die Zielgruppe Familie eine der wichtigsten. Sie wird größer, bei TUI und im gesamten Markt." Deswegen baue das Unternehmen Angebote mit Kinderfestpreisen wie die Best Family Hotels aus.

Bei Thomas Cook, zu dem Neckermann Reisen gehört, können mehr als 50 Hotels des Family-Flug-Angebots mit Kinderfestpreisen gebucht werden. "Die Auslastung ist sehr gut", sagt Axel Hübner, Produktmanager Family, "die Anlagen sind meist die Ersten, die ausgebucht sind." Dabei wachse der Anspruch der Kunden: "Neue Familienmodelle erfordern ständig neue Konzepte", sagt Hübner, "wir sind ständig auf der Suche nach Hotels, die all das leisten können." ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg, die zur Rewe Touristik Group gehören, haben ebenfalls Zimmertypen für alle erdenklichen Familienkonstellationen im Angebot.

Allerdings halten die Pauschalreise- anders als die Spezialveranstalter im Internet keine Suchmasken für Großfamilien bereit. Bereits mit der Eingabe von drei Kindern ist Schluss. Ein Software-Problem, heißt es, doch daher gilt: Um diese Pakete in der Masse der Angebote auszumachen, braucht es Spürsinn und zeitaufwendige Anrufe bei den Beratungshotlines - wie die Unternehmen selber zugeben: "Um sie zu finden, ist die Buchung im Reisebüro oder telefonisch sinnvoll", sagt Friedrich von TUI.

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