Reisen ohne ICE Zug überfüllt, bitte aussteigen!

Deutschlands ICE-T-Züge sind aus dem Verkehr gezogen - und Fahrgäste sauer. Das Personal ist überfordert, Verbindungen fallen aus, Ersatzzüge kommen zu spät und sind überfüllt. Eine Fahrt von Berlin nach Leipzig.

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Berlin/Leipzig - Jetzt klemmt auch noch die Tür. Eigentlich sollte auf Gleis 2 am Berliner Hauptbahnhof längst der ICE nach München stehen. Doch die Leuchttafel zeigt immer noch "Krakau" an. Denn in dem Zug nach Polen lässt sich die Tür eines Abteils nicht öffnen, seit 20 Minuten kommt keiner raus oder rein. Und das Gleis ist blockiert.

Die Wartenden drängen sich um die Bahn-Mitarbeiter. Doch die antworten: "Wir wissen auch nicht, wann der Zug nach München fährt." Joachim Schulz steht etwas abseits und trinkt seinen zweiten Kaffee an diesem Morgen. Er ist froh, dass diese Bahn überhaupt kommt.

Vor einer Stunde, um 9 Uhr, stand er mit seinem ersten Kaffee auf demselben Bahnsteig und schaute fassungslos auf die Anzeigetafel: "Zug fällt aus." Fast alle der rund 70 ICE-T-Züge werden an diesem Wochenende stillgelegt, um die Achsen zu überprüfen.

In ganz Deutschland fallen Verbindungen aus, die Fahrgäste müssen auf Ersatzzüge oder langsamere Strecken umsteigen. Viele ärgern sich, dass sie zu wenige Informationen erhalten. Auf den Bahnhöfen können die Mitarbeiter ihnen oft nicht weiterhelfen. Die Hotline ist zwar schnell erreichbar, doch nicht immer gut informiert.

"Da fährt man einmal mit der Bahn!"

Joachim Schulz will an diesem Samstagmorgen über Leipzig nach Annaberg-Buchholz fahren. Noch eine halbe Stunde vor der Abfahrt haben Bahn-Mitarbeiter am Servicetelefon gesagt, der ICE von Berlin nach Leipzig "verkehre planmäßig". Im Internet war die Verbindung längst gestrichen.

Schulz hat selbst früher bei der Bahn als Rangierleiter gearbeitet. "Eisenbahn-Fernfahrer" haben seine Freunde ihn früher genannt, weil er so viel gereist ist, aber das hilft ihm an diesem Morgen auch nicht weiter. Mit seinem Rucksack eilt er vom Service Point zum Reisezentrum, überall entstehen lange Schlangen.

Endlich stellt er sich doch an, 20 Leute stehen vor ihm. Eine "Riesensauerei ist das hier", schimpft Schulz, dessen rundes Gesicht sich dunkelrot verfärbt hat. "So ein Mist", sagt auch ein Vater neben ihm, der mit drei Söhnen ein Fußballspiel anschauen will: "Da fährt man einmal mit der Bahn!"

Der Ersatzzug, der nach München fährt und Schulz nach Leipzig bringt, kommt schließlich mit 20 Minuten Verspätung. Die Leute drängen sich in die zwölf Waggons des IC, "jetzt gehen Sie doch mal weiter", ruft einer, während ein anderer seine Tochter sucht und eine alte Dame vergeblich versucht, ihren Koffer weiterzuschieben.

Als die Bahn Berlin verlässt, sitzen die Menschen in den Gängen auf ihren Koffern, sie hocken auf dem Boden und in den Eingängen der Zugtüren. Eine Frau sitzt vor der Toilette, an die Tür hat jemand auf ein Stück Papier "defekt" geschrieben. "Ich bin fix und fertig", sagt sie. "Warum muss man die ICE ausgerechnet heute reparieren? Das wird doch auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen."

Nur glücklich, dass der Zug überhaupt fährt

Einen Waggon weiter steht ein junges Ehepaar im Gang und unterhält sich mit anderen Reisenden. "Warum lässt man die Züge an einem Wochenende überprüfen?", sagt die Studentin. "Das ist doch eine Retourkutsche der Bahn gegenüber der Industrie." Ihr Ehemann fühlt sich "in Haftung genommen für einen Streit, den andere austragen". Beide holen an diesem Samstag ihr Auto in Garmisch-Partenkirchen ab. Bahnfahren kommt für sie nicht mehr in Frage: "Das war echt ein Griff ins Klo."

Schulz hat sich für die Fahrt einen Platz im Fahrradwaggon erkämpft und lehnt nun lächelnd am Fenster. Zwar wird er zwei Stunden später als geplant bei seiner Lebensgefährtin sein, die hat schon besorgt angerufen. Er ist aber "einfach nur glücklich", dass der Zug überhaupt gefahren ist. Obwohl der Herr Mehdorn noch sehr viel Ärger kriegen wird, glaubt er: "Dafür dass die Manager einen Haufen Geld verdienen, haben die ihre Sache nicht gut gemacht." Schulz gluckst, sein ganzer Körper wiegt sich, wenn er lacht.

Neben ihm stehen Kinderwagen, die Familien hocken daneben im Schneidersitz. Als eine Frau mit dem Rollstuhl reingehoben wurde, hat sie nur gesagt, "Oh du dickes Ei." Ein pensionierter Offizier der US-Army sitzt auf seinem Koffer, vor ihm haben seine Ehefrau und seine Schwiegermutter noch Plätze ergattern können. "Das bringt Erinnerungen wieder", sagt Frank Tilton. "In der Army musste ich viel auf Koffern sitzen, das macht mir nichts aus." Alle drei tragen Abendkleidung, Tiltons Ehefrau hat ein elegantes, schwarzes Kostüm an, weil sie zu einer Goldenen Hochzeit fahren. Bei dem Bahnchaos wüssten sie, dass sie wahrscheinlich keine Zeit haben, sich umzuziehen.

"Bitte aussteigen - Zug überfüllt"

Endlich in Leipzig. Schulz schultert seinen Rucksack. Viele bleiben sitzen, sie müssen noch nach München weiterfahren, wahrscheinlich auf dem Boden hockend. Als Schulz längst mit seinem dritten doppelten Kaffee in der Regionalbahn nach Annaberg-Buchholz sitzt, steht der Zug noch immer auf Gleis elf am Leipziger Bahnhof.

Durch die Lautsprecher kommt die Durchsage, dass man so definitiv nicht abfahren werde, der Zug sei überfüllt, wenn Menschen in den Gängen und vor den Notbremsen säßen, sei das ein Sicherheitsrisiko. Alle Fahrgäste, die nicht weiter als Nürnberg fahren, sollten bitte aussteigen. Nicht mehr als zehn Leute verlassen die Waggons, darunter ist eine alte Dame, die mit ihrer Enkelin nach Jena will.

Als die Zugtüren 20 Minuten später schließen, steht sie wieder in der Bahn. Neben ihr drängen sich die Menschen noch immer in den Gängen und vor den Notbremsen.



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Meinungsmarktbeiträger 11.07.2008
1. Erfahrungen mit der Bahn
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Über "Service, Sicherheit, Komfort" konnte ich mich nie beklagen. Wenn ich - meist wiederwillig und aus beruflichen Gründen - mit dem ICE unterwegs war, dann fand ich es im nachherein immer wieder sehr angenehm. Bahnfahren ist nach meinem Empfinden allerdings nach wie vor viel zu teuer und deswegen so wenig attraktiv.
der_durden 11.07.2008
2. Nichts gelernt...
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Die DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Rochus 11.07.2008
3. Entgleisung in Köln
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Da ist die Bahn mal wieder erwischt worden: Profit geht über Sicherheit. Radreifen werden erneuert, wenn sie den Kunden um die Ohren fliegen, verrottete Bahnschwellen, wenn sie endlich zerbröseln und defekte Lager, wenn's nicht anders mehr geht. Bahnkunden brauchen einen sehr guten Draht zu einem leistungsfähigen Schutzengel. Jeder anderer Spediteur hätte schön längst seine Lizenz verloren. Rochus
derweise 11.07.2008
4. Würzburg, Köln
Vor Würzburg entgleiste der Hochgeschwindigkeitszug (!) ICE, weil einige Schafe auf dem Gleis waren. Das hätte schon stutzig machen müssen bezüglich der Erfüllung von sicherheitstechnischen Anforderungen. Nun ist wieder eine Engleisung: wegen Materialproblemen. Hier scheint die Routineüberprüfung nicht ausreichend. Gab es bei der Konstruktion des ICE überhaupt ein Sicherheitskonzept? Gibt es eine laufende Überwachung von Materialverschleiß usw.? Der ICE stellt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar!
fraunicole 11.07.2008
5.
Zitat von der_durdenDie DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Mit der Privatisierung wird das Risiko noch größer werden. Profit ist Profit. Sicherheit kostet...
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