Reisen in letzter Minute: Schnäppchen zum Selberbasteln

Von Helge Sobik

Last Minute war gestern. Oder? Diesen Sommer haben es Schnäppchenjäger schwerer, eine billige Pauschalreise zu finden. Die Veranstalter haben die Strategie der kurzfristigen Angebote aufgegeben. Doch es gibt noch Tricks für den günstigen Urlaub.

Urlaubsschnäppchen: Wie man günstig abheben kann Fotos
DPA

So eng war der Reisemarkt noch nie. Schon früh zeichnete sich ab, dass dies ein schwacher Last-Minute-Sommer und insgesamt ein schwarzes Jahr für kurzentschlossene Schnäppchenjäger werden würde. Die Flieger sind oft voll, es gibt nur ein paar Restplätze in den meisten Maschinen. Viel zu wenige jedenfalls und nicht wie früher, als Veranstalter sie zu Kampfpreisen auf den Markt warfen, um wenigstens noch ein paar Euro einzuspielen.

Schlechte Karten also für Preisfüchse, die diesen Sommer auf kurzfristige Knüllerangebote spekuliert und mit der Buchung bislang noch abgewartet haben. Erst recht nach der Pleite des Türkeispezialisten GTI, immerhin nach Einschätzung des Branchenblattes "touristik aktuell" der achtgrößte deutsche Reiseveranstalter.

Auf einen Schlag mussten dessen Kunden umgebucht und in Flugzeugen und Hotels untergebracht werden. Was umso schwieriger war, nachdem auch die mit GTI unternehmerisch verwandte Fluggesellschaft Sky Airlines hierzulande nicht mehr abhebt.

Systematisch hatten die Veranstalter sich ohnehin in den vergangenen Jahren bereits abgemüht, das auszutrocknen, was für sie der verhasste "Last-Minute-Sumpf" war. Mit gutem Erfolg - und mit simpler Strategie: Zum einen haben sie vorsichtiger "eingekauft" und weniger Jets und Quartiere in den Ferienregionen vor allem rund ums Mittelmeer verbindlich unter Vertrag genommen.

Zum anderen kamen sie auf die Idee, das Risiko möglichst auf die Vertragspartner abzuwälzen. Sie haben sich vom schwächeren Verhandlungspartner Hotelier oder Charterairline das Recht ausbedungen, nicht verkaufte Kapazitäten auch noch sehr kurzfristig kostenfrei zurückgeben zu dürfen.

Das Ergebnis: Die Reiseriesen subventionieren nicht mehr schmerzlich das Last-Minute-Geschäft. Sie haben die meisten Kunden "erzogen", früher zu buchen - und verdienen mehr daran.

Begriff Last Minute wird bleiben

Manche Ferienregionen leiden so sehr unter ausgedünnten Flugplänen, dass die örtlichen Tourismusmanager den Airlines sogenannte Marketing-Zuschüsse aus der Staatskasse anbieten. So sollen wieder mehr Flieger eingesetzt werden, damit es für interessierte Urlauber wenigstens die Möglichkeit gibt anzureisen. Die Kanaren handhaben das so, um all ihre vielen Hotels überhaupt auslasten zu können - weil zeitweise mehr Zimmer da sind als Sitzplätze am Himmel.

Auch der Luftfahrt machen die Umwälzungen zu schaffen: Ferienflieger XL Airways, eigentlich fest eingeplant auf Routen in den Süden, ist pleite und hat den Flugbetrieb bereits eingestellt. Die türkische Sky Airlines ist verschwunden. Air Berlin hat die Flotte deutlich geschrumpft und Maschinen abgegeben, TUIfly zwei Jets nach Basel abgezogen. Aero Lloyd, LTU - das sind Traditionsnamen, die schon vor Jahren vom Himmel gewischt wurden.

Und diese Marktbereinigung ist noch nicht beendet. "Bis zu eine Million Flugsitze", rechneten die Branchenexperten des Reisebüro-Fachblatts "fvw" aus Hamburg zu Jahresbeginn vor, "könnten aus dem von chronischen Überkapazitäten geplagten Markt genommen werden."

Das ist düster für alle, die sich so wunderbar an Last-Minute-Urlaub gewöhnt hatten. Der Begriff wird trotzdem nicht verschwinden - weil er über die Jahre den schönen Klang nach "billig" und zugleich "Qualität" bekommen hat. Etablierte Last-Minute-Riesen wie zum Beispiel Marktführer l'tur, die mit den Resteschnäppchen groß geworden sind, "produzieren" schon seit Jahren gezielt selber für diesen Markt.

Diese Vermittler legen Reisen einzig für die Resterampe auf, sie schaffen Packages für ihre Vertriebsschiene, die es vorher gar nicht gegeben hat. Das heißt: Sie verschleudern nicht mehr die übrig gebliebenen Arrangements der Veranstalter aus Flug und Hotel. Sie kopieren vielmehr deren Geschäft, indem sie selber Kontingente in Fliegern und Bettenburgen langfristig unter Vertrag nehmen und daraus die kurzfristigen Angebote für ihre Büros zimmern. Daran ist gar nichts Anrüchiges - nur sollte der Preis gut sein. Und um das herauszufinden, muss man vergleichen.

X-Veranstalter kombinieren Last-Minute-Pakete

Ein Trend kommt Schnäppchenjägern in der derzeit schwierigen Lage zum Glück zugute: Riesige Datenbanken machen es leichter als früher, in das ureigenste Geschäft der Reiseveranstalter hineinzugrätschen. Waren früher nur sie selber in der Lage, aus lange im Voraus eingekauften eigenen Kontingenten Pakete zu schnüren, können das heute auch viele andere mit entsprechendem Rechnerzugriff.

Hoteliers ebenso wie Airlines speisen ihre jeweiligen Kapazitäten inzwischen oft in solche Datenbanken ein - und virtuelle Anbieter, sogenannte X-Veranstalter, kombinieren beides nahezu vollautomatisch zu Packages. Häufig zu sehr attraktiven Preisen, weil der eigene Apparat klein gehalten ist und sie kaum in Markenpflege investieren müssen.

Mit ihren Arrangements wiederum füttern sie die Systeme, auf die niedergelassene Reisebüros, alle großen Online-Reisebörsen sowie Last-Minute-Counter an den Flughäfen zugreifen. Diese Chancen sind im Reisesommer 2013 bei klassischen Linienflugzielen allerdings deutlich besser als bei saisonalen Feriendestinationen.

Denn jene X-Veranstalter verticken häufig freie Sitze in Linienmaschinen - ob nach Dubai oder Bangkok, nach New York oder Rio - in Kombination mit dem passenden Hotelzimmer vor Ort. Das erweitert die Bandbreite der Möglichkeiten und die der Alternativziele zu den Charterflughäfen. Allerdings oft mit Umsteigen statt Nonstop-Flügen.

Und noch eine gute Nachricht gibt es: Nachdem die Grenzen zwischen Linienfluggesellschaften und Ferienfliegern ohnehin verwischt sind, drängen zum Beispiel auch Lufthansa und Germanwings auf diesen Markt. Vor allem an den Wochenenden, wenn ihre Flotte traditionell nicht so stark ausgelastet ist wie während der Woche. Das schafft ein paar Kapazitäten - auch für Last-Minute-Angebote.

Fünf Tipps für Last-Minute-Fans

  • Früher buchen: Wer nicht ohne Urlaubstickets dastehen will, sollte sich ein paar Wochen früher festlegen. Vor allem, wenn er auf ein bestimmtes Wunschziel oder auf ein ganz bestimmtes Zeitfenster festgelegt ist.
  • Genau vergleichen: Vieles, wo heute "Last Minute" draufsteht, ist extra eingekauft worden, um es kurzfristig zu verkaufen. Das Vergleichsangebot aus dem Katalog zu einem höheren Ursprungspreis existiert oft gar nicht. Die Einschätzung ist daher schwieriger, ob es sich wirklich um ein attraktives Angebot handelt. Deshalb ist es wichtig, ein Preisgefühl für Reiseziel, Zeitpunkt und Hotelkategorie entwickelt zu haben. Wie? Am besten durchs Surfen auf einigen Reise-Websites.
  • Flexibler sein: Schnäppchen aufgrund von Überkapazitäten gibt es eher dort, wo viel los ist, als in der Nische. Deshalb eher nach Angeboten von Großflughäfen wie Frankfurt oder München aus suchen, aber auch Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart oder Berlin. Wer von Airports vor seiner Haustür wie Paderborn oder Rostock starten will, hat schlechtere Chancen.
  • Selber zum Veranstalter werden: Die besten Chancen auf gute Angebote hat, wer seine Reisebausteine einzeln zusammensucht und selber ein Paket daraus schnürt. Zum Beispiel über eine Hotelplattform günstig das Zimmer bucht, dazu auf einer Airline-Plattform ein preiswertes Ticket und einen Leihwagen auf der Website eines Car-Brokers. Und: Man kann auch auf Tickets von Billigfliegern zurückgreifen, die sonst kaum in die fertigen Veranstalterarrangements eingebunden sind.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. ...
dreamdancer2 01.08.2013
Die fehlenden Plätze im Flieger sind eine traurige Tatsache. Ich wollte ca. 2 Monate vor geplantem Reiseantritt eine Reise nach Kreta buchen. Hotels gab es ausreichend, aber keine passenden Flüge. Schade. Mir persönlich geht es bei Last-Minute ja nicht mal so sehr um die Preise (obwohl ich natürlich nichts gegen ein Schnäppchen habe) als mehr um die Flexibilität. Z.B. wurde in meinem Unternehmen aus geschäftlichen Gründen Urlaub nur ca. 3 Monate vorher freigegeben, da kann ich schlecht schon ein halbes Jahr vorher eine Reise buchen. Oder letztes Jahr: Ich hatte zwei Woche frei im Juni und wollte Reisen/nicht Reisen vom Wetter abhängig machen. Das Wetter war mies, aber es war kurzfristig einfach kein vernünftiger Kurztrip mehr zu kriegen...
2. Sehr teuer geworden !
Na Sigoreng 01.08.2013
Suche nach wie vor eine 10 Tage-Flugreise für meine Familie. Die Preise im Reisebüro sind so exorbitant teuer, dass wir uns überlegen, uns für das Geld nicht lieber guten Granit auf die Terasse legen lassen. Nur zum Vergleich habe ich mal eine bereits getätigte Reise von 2011 verglichen: Identische Reisezeit, kürzere Reisedauer (- 4Tage), gleiches Hotel, gleiches Zimmer, gleiche Verpflegung: + EUR 564,-- ! Am liebsten wäre mir, dass ein Jahr niemand eine Reise Bucht, damit die Anbieter sich mal eine blutige Nase holen ! Momentan scheinen sie sich nicht nur dumm, sondern dumm und dämlich zu verdienen !
3.
hksm 01.08.2013
Zitat von Na SigorengMomentan scheinen sie sich nicht nur dumm, sondern dumm und dämlich zu verdienen !
Hängt aber auch von den "dummen" Turisten ab, die es ja buchen.
4.
spon-1191163385162 01.08.2013
Die Gründe, wieso es teurer wird, sehe ich hier nicht beleuchtet!? Airlines zahlen Luftverkehrssteuer, es gibt in der Eu absurde (wettbewerbsverzerrende) Pläne zu Emissionsabgaben; die Veranstalter müssen irre Summen für vom Verbraucher gewollte Versicherungen abdrücken... Es geht nicht billig ohne Ende- ist eine -für so manches Unternehmen tödliche!- Abwärtsspirale!
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