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Reisewarnung zur WM: "Ganz Ostdeutschland ist für Dunkelhäutige gefährlich"

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Zwei Tage vor Beginn der WM kocht die Debatte über die rassistische Gewalt in Deutschland wieder hoch. Zwei Ausländervereine warnen dunkelhäutige Touristen vor allem in Ostdeutschland und Ostberlin vor Angriffen. Die Hinweise schicken sie direkt an die WM-Teilnehmerländer.

Hamburg - Schon der Zeitpunkt ist brisant: Es sind nur noch Stunden, bis in München die Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen wird. Die Teams aus den 32 Teilnehmerländern sind nahezu komplett angereist, auch viele Fans sind schon da. Tausende weitere werden in den nächsten Tagen folgen. Sie alle wollen in Deutschland ein begeisterndes, buntes und fröhliches Sportspektakel erleben: Die Welt zu Gast bei Freunden.

Warnung vor deutschen Rechtsextremen: "Wir nehmen diese Ankündigungen ernst."
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Warnung vor deutschen Rechtsextremen: "Wir nehmen diese Ankündigungen ernst."

Bei Freunden? Liest man die jüngste Publikation anlässlich der WM, kann man erhebliche Zweifel an diesem Veranstaltungsmotto bekommen. In einer gemeinsamen Aktion haben der Afrika-Rat, der rund 25 afrikanische Vereine in Berlin und Brandenburg vertritt, und die Internationale Liga für Menschenrechte mit Sitz in Berlin ein dreiseitiges Handout verfasst: "Ratschläge zum Verhalten bei rassistischen Angriffen" heißt das Papier.

De facto ist es eine verklausulierte Reisewarnung. "Wir raten zu besonderer Vorsicht beim Aufenthalt in Ostdeutschland und Teilen Ostberlins", schreiben die Autoren. Dieser Sprachduktus unterscheidet sich kaum von Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes für Krisenregionen. Aber auch in Westdeutschland könnten rassistisch motivierte Gewalttaten nicht ausgeschlossen werden, heißt es weiter.

Die Adressaten des Schreibens sind zum einen alle dunkelhäutigen WM-Gäste, zum anderen hierzulande lebende Immigranten und Flüchtlinge. Afrikaner sind die Hauptzielgruppe. Seit gestern Abend steht der Text auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch im Internet und kann somit von Menschen in der ganzen Welt gelesen werden.

"Wir schicken den Text auch direkt an Nachrichtenagenturen in Staaten wie Brasilien, Togo und Angola, damit sie Touristen, die zur WM nach Deutschland reisen wollen, warnen können", kündigte Yonas Endrias, Vizepräsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, gegenüber SPIEGEL ONLINE an. "Es sind bescheidene Hinweise, aber wir sind nur zwei kleine Organisationen und können uns aufwendige, teure Aktionen nicht leisten."

"Um Hilfe rufen und in der S-Bahn die Notbremse ziehen"

In der Tat ist der Text deutlich weniger detailliert als zunächst angekündigt. Er gibt im Wesentlichen bereits bekannte Erfahrungen wider, die auf der Arbeit von Immigrantenvereinen basieren. Ausdrücklich berufen sich die Autoren zudem auf die Statistiken von Polizei und Verfassungsschutz zu rechtsextremer Gewalt. Dennoch kann diese Warnung so kurz vor der WM für erheblichen Wirbel, Verunsicherung oder gar Angst bei ausländischen WM-Gästen sorgen. "Einige rassistische und rechtsextreme Gruppen haben angekündigt, dass sie dieses internationale Fußballfest für ihre menschenverachtenden und kriminellen Ziele missbrauchen wollen", heißt es in dem Papier. "Wir nehmen diese Ankündigungen ernst." Es folgen eine Reihe von Tipps, wie man das Risiko rassistischer Attacken verringern könne:

"Bewegen Sie sich, wenn möglich, in Gruppen. Sie bieten einen relativen Schutz vor rassistischer Gewalt", raten die Autoren. "Wir empfehlen, vor allem an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel besonders aufmerksam zu sein. Vorsicht ist vor allem nachts geboten." Die Adressaten sollten sich "seelisch" auf mögliche Bedrohungsszenarien vorbereiten: "Spielen Sie mögliche Situationen für sich allein und im Gespräch mit anderen durch. Rechnen Sie mit folgendem Effekt: Je mehr Menschen an einem Tatort versammelt sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass niemand helfend eingreift. Das klingt nur auf den ersten Blick unlogisch, aber die Wahrscheinlichkeit, dass jeder vom anderen glaubt, dass dieser schon etwas unternehmen werde, ist sehr groß."

In bedrohlichen Situationen sollten Betroffene deshalb so rasch wie möglich selbst die Initiative ergreifen: laut um Hilfe rufen, in S- und U-Bahnen im nächsten Bahnhof die Notbremse ziehen, per Handy die Polizei verständigen, die Täter durch "Überraschungseffekte" ablenken und eventuell anwesende Passanten direkt ansprechen. "Viele sind bereit zu helfen, wenn jemand anderes den ersten Schritt macht oder wenn sie persönlich angesprochen werden."

"Die meisten Angriffe kommen nicht von Skinheads"

Diese Tipps sind nicht neu, zahlreiche Vereine, die sich gegen rechte Gewalt engagieren, erteilen ähnliche Ratschläge. Noch Anfang Mai hatte Moctar Kamara, Vorstand des Afrika-Rats, unter anderem gegenüber SPIEGEL ONLINE angekündigt, eine regelrechte Liste mit sogenannten No-Go-Areas für dunkelhäutige Menschen in Deutschland publizieren zu wollen. Davon sind die beiden Vereine nun abgerückt, die starken öffentlichen Reaktionen und die teilweise emotional geführte Debatte um Ausländerfeindlichkeit in Deutschland dürften hierfür mitverantwortlich sein. Nach dem Angriff auf einen deutsch-äthiopischen Ingenieur in Potsdam hatte unter anderem Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye Dunkelhäutige vor ostdeutschen Neonazis gewarnt und dafür zum Teil herbe Kritik eingesteckt. Bundeskanzlerin Merkel warnte vor einer Dramatisierung: "Die Mehrheit in unserem Land ist ausländerfreundlich."

"Wir wollten eigentlich konkretere und umfangreichere Hinweise geben, aber das war praktisch nicht machbar. Es sind einfach zu viele", sagte Endrias jetzt. "Würden wir bestimmte Orte nennen, hieße das außerdem, dass andere Plätze sicher wären. Das ist aber nicht zwangsläufig so. Der gesamte Osten Deutschlands ist für Menschen mit dunkler Hautfarbe gefährlich. Die Wahrscheinlichkeit, dort angegriffen zu werden, ist viel höher als im Westen." Nicht nur äußerlich erkennbare Rechtsextremisten seien dafür verantwortlich. "Die meisten Angriffe kommen nicht von Skinheads, sondern von scheinbar ganz normalen Menschen", meinte Endrias. "Aber Verfassungsschutz und Bundesregierung haben das bislang überhaupt nicht deutlich gemacht."

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