Reiseziel Danakil in Äthiopien Abenteuerlust und Naivität

Mondlandschaften und spektakuläre Vulkane: Die Danakil-Wüste im Norden Äthiopiens zieht Abenteuerurlauber wegen ihrer Naturwunder an. Nun kam es dort zu einem tödlichen Überfall auf Touristen - die hohen Risiken von Reisen in die Region waren jedoch schon vorher bekannt.

REUTERS

Addis Abeba - Warum manche Menschen ihren Urlaub in den entlegensten Gefahrenzonen der Erde verbringen, statt sich in Spanien am Strand zu sonnen, ist vielen ein Rätsel. Aber da ist ein unwiderstehlicher Reiz: der Reiz des Unbekannten, des Entdeckens, des Schauens, des Verstehens.

Auch die Danakil-Wüste im Nordosten Äthiopiens gilt unter Abenteuerurlaubern als eines der Gebiete der Welt, in die man einmal gereist sein muss - sei es, um die mondähnliche Landschaft zu bewundern oder um bei Temperaturen von über 50 Grad die eigenen Grenzen zu testen. Die Risiken werden dabei manchmal unterschätzt.

Ein 58 Jahre alter Theatertechniker aus Cottbus hat jetzt zusammen mit vier Mitreisenden seine Abenteuerlust mit dem Leben bezahlt. Er wurde in der Danakil brutal erschossen. Die Gruppe ist zum Opfer der politischen Querelen an der äthiopisch-eritreischen Grenze geworden.

Wie vermutlich auch seine Mitreisenden, hatte der Deutsche den Trip lange geplant und sich vermutlich nicht unvorbereitet in den Osten Afrikas begeben. "Mein Sohn wollte sich mit der zweiwöchigen Reise in die äthiopische Vulkanwüste einen Lebenstraum erfüllen", sagte der 82-jährige Vater des Opfers.

Die heikle politische Situation in dem umstrittenen Grenzgebiet ist den meisten Äthiopienreisenden durchaus bekannt. Aber seit Jahren sind trotz aller Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes zahlreiche Touristengruppen in der unwirtlichen Region unterwegs - und die meisten von ihnen sind unversehrt wieder in die Zivilisation zurückgekehrt.

Bewacher konnten den Überfall nicht verhindern

Der letzte größere Zwischenfall ereignete sich 2007, als mehrere Europäer in der Region entführt, aber nach zwei Wochen unbeschadet gegen Lösegeld wieder freigelassen worden waren. Das ist eine Weile her. Auch werden die Reisenden generell von schwer bewaffneten Polizisten oder Soldaten bewacht. Bei der jüngsten Attacke hat dies allerdings nicht viel genützt - unter den vier Entführten ist auch ein äthiopischer Bewacher.

Weil die äthiopischen Behörden die nötigen Genehmigungen für einen Trip in die Danakil-Wüste zudem ohne größere Probleme erteilen und zahlreiche internationale Reiseagenturen Ausflüge dorthin anbieten, wurden die Gefahren lange unterschätzt.

Dabei sind in dem Gebiet gleich mehrere militante Gruppen unterwegs, die alle unterschiedliche Ziele verfolgen. Neben dem immer wieder aufkeimenden Konflikt zwischen den Erzrivalen Äthiopien und Eritrea, die sich auch fast 20 Jahre nach der Unabhängigkeit Asmaras noch immer nicht über die genauen Grenzen zwischen beiden Staaten geeinigt haben, lebt dort auch der Nomadenstamm der Afar.

Entführung als Einkommensquelle

Rebellen und Krieger dieser ethnischen Gruppe sind auf beiden Seiten der Grenze mit unterschiedlichen Milizen aktiv, um die Regierungen in Addis Abeba und Asmara zu bekämpfen. Sie hoffen, die Afar aus Äthiopien, Dschibuti und Eritrea irgendwann zu vereinen. Die Afar waren zwar in der Vergangenheit kriminell tätig, aber solch ein blutiger Angriff auf Fremde wäre neu.

Der Afrikawissenschaftler Andreas Eckert von der Humboldt-Universität Berlin schloss im Deutschlandradio Kultur nicht aus, dass die eritreische Regierung von Gruppierungen wisse, die mit Touristenentführungen "ein gewisses Einkommen erzielen" wollten.

Die Regierung in Addis Abeba beschuldigt Banditen, die von der eritreischen Regierung ausgebildet sein sollen. Asmara weist den Vorwurf als "lächerlich" zurück. Fakt ist: Die beiden Länder können nicht miteinander - und zwar schon seit Jahrzehnten.

Eckert bezeichnete eine Reise in die Region deshalb als "großes Risiko". Menschen, die sich in die Danakil-Senke begeben, könnten nur von "reiner Abenteuerlust, im schlimmsten Falle Naivität" getrieben sein.

Carola Frentzen, dpa



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