Kanadas Luxuszug: Gleisreise unterm Glasdach

Heiße Quellen, erodierte Felsen und ein Canyon mit mächtigen Stromschnellen: Bei einer Zugreise durch Kanada zeigt das Land seine Naturgewalten. Fürchten müssen sich die Fahrgäste des Rocky Mountaineers jedoch nicht - weder vor Bären noch vor bewaffneten Bauern.

Rocky Mountaineer: Zugreise durch Kanada Fotos
TMN

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Vancouver - "Ein Bär, ein Bär!" Die Reisenden im Speisewagen lassen ihr Besteck fallen und sind aufgeregt wie Kinder. Hektisch greifen sie nach ihren Kameras, aber es ist zu spät. Der Schwarzbär neben den Schienen ist schon verschwunden. Die Aussicht auf dichten Nadelwald, einen See und darüber schneebedeckte Gipfel aber bleibt grandios, wie fast die gesamten zwei Tage, in denen der Rocky Mountaineer von Vancouver nach Banff rollt.

Die Fahrt in den Waggons mit Glasdach gehört zu den luxuriösesten Zugreisen der Welt. Doch was für die Touristen heute eine hübsche Spazierfahrt ist, war für die Ingenieure vor rund 130 Jahren ein Alptraum. Sie mussten eine Bahnstrecke durch die engen Täler der Rocky Mountains treiben, um den Osten und den Westen des riesigen Kanadas zu verbinden - und das in zehn Jahren. So hatte es der erste Premierminister Sir John A. Macdonald den Siedlern und Goldschürfern in British Columbia versprochen. Macdonald fürchtete, dass diese sich ansonsten den USA anschließen würden, die im Jahr 1867 Alaska den Russen abgekauft hatten.

Das Vorhaben gelang. Am 7. November 1885 hämmerte Donald Smith, ein Großaktionär der Canadian Pacific Railway, den letzten Nagel in die Erde. "Einen eisernen", präzisiert Zugbegleiterin Michelle Boyer. Für einen Goldnagel sei der Schotte zu geizig gewesen.

Beschossen vom nackten Farmer

Michelle und ihre Kollegen erzählen während der zweitägigen Fahrt viele Anekdoten. Von dem Farmer, der im Sommer immer nackt arbeitete und auf die vorbeifahrenden Züge schoss, weil ihr Signalhorn seine Kühe krankmachte. Oder von den 23 Kamelen, die ein Unternehmer während des Goldrauschs ins Fraser Valley brachte, um die Schürfer mit Proviant zu versorgen. Weil ihre Hufen zu weich für das felsige Gelände waren, wurden sie schließlich in die Wildnis entlassen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts sollen Reisende sie gesehen haben.

Das Fraser Valley durchquert die Bahn den Großteil des ersten Tages, nachdem sie die grünen Vororte von Vancouver hinter sich gelassen hat. Einst errichtete die Hudson's Bay Company Handelsposten entlang des Fraser River, um so die Pelze von Bibern und Bären zu exportieren.

1858 fand man in der Gegend Gold. Auf dem Höhepunkt des Goldrauschs war Yale mit 20.000 Einwohnern die größte Stadt westlich von Chicago und nördlich von San Francisco - und ein gesetzloser Fleck mit 14 Saloons. Heute leben nur noch 200 Menschen in dem Kaff. Hinter Yale werden die Hänge der Schlucht steiler, der Fraser River wilder.

Lunchtime. Im Speisewagen bekommt Fred Witte, 75, Rinderrippchen mit Kartoffelpüree und Weißwein serviert. Der Renter ist vor 54 Jahren aus Deutschland ausgewandert und lebt jetzt in Australien. In seiner neuen Heimat hat er bereits einige Zugreisen gemacht, mit dem Indian Pacific und dem Ghan. "Aber die waren nicht so luxuriös wie dieser Zug", sagt er. Witte hat den Rocky Mountaineer im Paket mit einer Kreuzfahrt nach Alaska gebucht. Diese Kombination ist inzwischen so beliebt, dass das Unternehmen in diesem Jahr eine neue Route bis Seattle gestartet hat, wo die Schiffe ablegen.

Tor zur Hölle und böse Giganten

Die beliebteste Route bleibt aber das Original von 1990, die "First Passage to the West". Ihr erster Höhepunkt ist das Tor zur Hölle. "Hell's Gate" nannte Simon Fraser, der Erforscher des Tals, im Jahr 1808 den engen Canyon mit seinen mächtigen Stromschnellen. Andrew Onderdonk, der Chef beim Bau der Eisenbahn, wollte trotzdem Baumaterial auf einem Dampfschiff durch die Schlucht bringen lassen. Nachdem zwei Kapitäne aufgegeben hatten, ließ der dritte das Schiff von 150 chinesischen Arbeitern an Stahlseilen durch die Stromschnellen ziehen.

Heute spannt sich eine rote Brücke über die 34 Meter enge Schlucht, Gondeln bringen Reisende vom Trans-Canada Highway zu einem Aussichtspunkt herab. Auch auf der Fotoplattform zwischen den Waggons wird eifrig geknipst, wie jedes Mal, wenn die Zugbegleiter einen Fotopunkt ankündigen: den Rainbow Canyon, den oxidierte Mineralien rot, gelb und grün schimmern lassen. Die Hoodoos, erodierte Felsen, die laut einer Legende böse Giganten sind, die nachts Steine auf Reisende werfen. Oder das Minenstädtchen Ashcroft, das wie ein Wildwestort in Arizona aussieht.

In Kamloops endet die erste Tagesetappe. Das unscheinbare Städtchen nennt sich Turnierhauptstadt Kanadas, Eishockey-, Baseball- und Rugbyteams kommen hierher, um ihre Meisterschaften auszuspielen. Wohl auch, weil sich hier vier Highways und zwei Eisenbahnlinien kreuzen. Touristen hat Kamloops wenig zu bieten außer ein paar Pubs mit abenteuerlichen, vor Ort gebrauten Bierkreationen. Aber am nächsten Tag geht es ohnehin um 6.15 Uhr weiter.

Blick durchs Glasdach

Bescherung am Morgen. Die Gäste packen ihre Plastiktüten voller Souvenirs aus, die sie am Vortag im Zug bestellt hatten: Rocky Montaineer-DVDs, -Jacken, -Poloshirts und -Rucksäcke. Regen perlt über die Panoramafenster, Nebel hängt zwischen den Tannen, Douglasien und Birken. Der Zug rollt um den Shuswap Lake bis zur Mündung des Adams River. Die seichten Kiesbetten sind jeden Spätsommer das Ziel von Millionen von Lachsen, die Fraser und Thompson River hochschwimmen, um hier zu laichen. "Im August und September sind sie oft vom Zug aus zu sehen, manche springen aus dem Wasser", sagt Michelle.

Entlang des Eagle und Columbia Rivers geht es weiter bis Revelstoke, dem jüngsten Skigebiet in den kanadischen Rocky Mountains. Doch die Wolken verhüllen die Skipisten ebenso wie die 422 Gletscher im Glacier National Park.

Je höher der Zug klettert, desto mehr erfreuen sich die Fahrgäste an dem Glasdach. Frischer Schnee liegt auf den Bergen, die ringsum in den Himmel ragen. Kurz vor der Wasserscheide Nordamerikas wird das Gelände am Big Hill so steil, dass in den ersten Jahren nach dem Bau der Strecke viele Züge abwärts entgleisten. 1907 fanden Ingenieure in der Schweiz die Lösung. Nach dem Vorbild der Biaschina-Schlucht sprengten sie zwei Spiraltunnel in Mount Ogden und Cathedral Mountain. Die Züge fahren nun auf zwei großen Schleifen durch die Berge. "Wenn ein Zug 80 Waggons hat, kann man im ersten den letzten unter sich in den Tunnel fahren sehen", erklärt Michelle.

Die Reise geht ihrem Ende entgegen. Ein paar Passagiere steigen bereits in Lake Louise aus, die meisten aber bleiben bis Banff sitzen. So wie die Reisenden vor mehr als 100 Jahren, die wegen der heißen Quellen kamen. An den Upper Hot Springs am Sulphur Mountain kann man auch heute im Thermalwasser entspannen und den Blick über die Bergketten ringsum schweifen lassen.

Florian Sanktjohanser/dpa/jus

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1. Goldrausch
chouca513 21.06.2013
die groesste Stadt nördlich von SF im Caribou-Goldrausch war Barkerville....immer einen Besuch wert!
2. Preis?
mebschmw 22.06.2013
Was kostet die zweitägige Bahnreise? Wieso verschweigen so viele Autoren wichtige Fakten? Dass die Reise toll ist, glaube ich schon nach wenigen Sätzen. Ob ich sie mir leisten kann, weiß ich selbst nach dem Lesen des kompletten Artikels noch nicht.
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Kanada: Reise einer Modelleisenbahn

Fahrt mit dem Rocky Mountaineer
Anreise
Der Rocky Mountaineer fährt von Mitte April bis Mitte Oktober. Als beste Reisezeit für Kanadas Westen gelten Mai und Juni sowie September und Oktober. Juli und August bieten die besten Bedingungen für Wanderer in den Rockies.
Buchung
Rocky Mountaineer, Vancouver, Telefon: 001/604/6067200, E-Mail: reservations@rockymountaineer.com, Website: http://www.rockymountaineer.com/de/
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