Rom: "Sprechende Statuen" werden restauriert

Pinnwand für Schmähbriefe: Seit Jahrhunderten prangern die Römer die Untaten der Reichen und Mächtigen mit Zetteln an, die sie an Statuen kleben. Jetzt werden die Figuren restauriert - mit der Lästerei auf Papier soll es danach ein Ende haben.

Der Schneider Pasquino war empört über die Finanzpolitik der Kirche. Aber weil er dem Papst wohl kaum direkt die Meinung sagen konnte, hängte er eines Tages einen Zettel an die Statue in seiner Nachbarschaft: "Quod non fecerunt barbari fecerunt Barberini" stand darauf: Was die Barbaren nicht getan haben, das haben die Barberini getan. Das bezog sich auf Papst Urban VIII. aus der Familie der Barberini, der das bronzene Dach des Pantheon einschmelzen ließ, um Material für den Baldachin im Petersdom zu bekommen.

So soll es laut "Discovery Channel" angefangen haben mit den öffentlichen Schmähbriefen und Spottversen im Rom des 15. Jahrhunderts. Nach dem Schneider Pasquino soll diese Statue benannt worden sein, und sein Vorbild machte Schule: Schriftliche Respektlosigkeiten erschienen von nun an auch auf weiteren steinernen Abbildern antiker Helden und Götter im Stadtzentrum, die als "sprechende Statuen" bezeichnet wurden.

In Zeiten geringer Meinungsfreiheit war dies speziell für die Arbeiterschicht ein wirkungsvolles Mittel, Kritik an den Mächtigen zu üben. Etwa hundert Jahre später waren die Zettelchen derart papstkritisch geworden, dass man im Vatikan diskutierte, die öffentlichen Litfaßsäulen einfach im Tiber zu versenken.

Doch so weit kam es nicht: Die "sprechenden Statuen" blieben, und im 20. Jahrhundert erlebte zumindest die Pasquino-Statue eine Renaissance. Seit einem Besuch von Adolf Hitler im Jahr 1938 machten die römischen Bürger dort wieder verstärkt mit Zetteln ihrem Unmut über die Mächtigen Luft. In den vergangenen Jahren war an der Skulptur häufig Spott gegen Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu lesen.

Nur noch im Internet schimpfen

Ein Anwohnerverein lässt vier der sechs "sprechenden Statuen" nun restaurieren. "Diese wichtigen Symbole der römischen 'vox populi', der Stimme des Volkes, sind in fürchterlichem Zustand", sagte die Präsidentin des Vereins, Viviana Di Capua. Die Arbeiten sollen 70.000 Euro kosten.

Dafür verschwinden die Statuen bis 2010 hinter Zäunen - und alle satirischen Zettel werden entfernt. "Wir wollen, dass die Menschen das riesige künstlerische Erbe Roms respektieren", sagte Viviana Di Capua. Als "Stimmen des Volkes" sollen die Skulpturen dann allerdings nicht mehr dienen. Nach der Restaurierung soll es verboten sein, wieder Blätter anzukleben. Zum Ausgleich planen Di Capua und ihre Mitstreiter eine Internet-Seite, auf der die Römer weiterschimpfen können - virtuell, ohne Zettel und Kleister.

dor

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