Sächsische Route der Industriekultur Wo früh am Morgen die Werksirene dröhnte

Von der Pferde-Straßenbahn, über Tagebauen bis zur Nudelfabrik: Sachsen hat eine Route der Industriekultur eröffnet. Zum Teil sind die 51 Stationen Museen, aber einige Betriebe geben Einblick in die moderne Produktion.

Marlis Heinz

Zweimal ertönt die Sirene. Dann lässt ein dröhnendes Rüttelsieb alles vibrieren, ein kreischender Tellertrockner macht jedes Wort überflüssig. Dabei setzt sich nur ein geringer Teil der Maschinerie der ehemaligen Brikettfabrik in Knappenrode in Bewegung. Aber selbst der verursacht einen Höllenlärm.

Die Menschen, die sich beim Sirenenton beeilen, sind keine Kohlekumpel, sondern Besucher der Ausstellung bei Hoyerswerda. Der frühere Industriebetrieb nennt sich heute "Energiefabrik" und ist als Lausitzer Bergbaumuseum Teil des Sächsischen Industriemuseums. Hier ist zu erfahren, warum die Gegend so ist, wie sie ist.

Und etwas vom Beginn der Förderung in Schächten vor 150 Jahren, von den Tagebauen, den Fabriken und den Werkssiedlungen, von Grubenloks und Draisinen. Auch von Menschen, die einst hier tätig waren, hört man in der "Energiefabrik": In den stillen Augenblicken zwischen den Museumsschichten erzählen Arbeiter via Lautsprecher ihre "Schwarzen GeSCHICHTen".

Einige haben in der "Energiefabrik" einen neuen Job gefunden - wie Marianne Mark. Sie war früher Stellwerkerin im Tagebau, heute arbeitet sie als Konservatorin in der Ofenausstellung und als Gästebetreuerin. Zuerst spricht sie über die Maschinen, dann auch über die ewig schwarzen Hände, die sie als junge Frau hatte. Sie sagt immer noch "wir", wenn sie von damals erzählt. Und die früheren Kollegen? Anfangs haben sie das Museum gemieden. Aber nach und nach kommen sie, um den Enkeln zu zeigen, wo und wie sie gearbeitet haben.

Nach der letzten Schicht zum Museum

Zurzeit werden in Sachsen an 51 Gemäuer Schilder mit der Aufschrift "Route der Industriekultur in Sachsen" geschraubt. Ein Katalog beschreibt die "Lebendigen Zeugen eines Goldenen Zeitalters" zwischen Weißwasser in der Lausitz und Markneukirchen im Vogtland. Was überlebte, freut die Denkmalpfleger: Manufakturen der vorindustriellen Zeit, Fabrikpaläste aus den Gründerjahren, Produktionsanlagen der Moderne. Räumlich so dicht beieinander und quer durch alle Branchen findet man das in keinem anderen Bundesland.

Die Brikettfabrik Knappenrode hatte Glück, sie wurde zum Museum. Nun steht sie als Station der neuen Route in einer Reihe mit anderen ehemaligen Produktionsanlagen, Bergwerken und Tagebauen, Bahnen, Siedlungen, Brücken und Fabrikantenvillen. In einigen von ihnen wird noch immer gearbeitet, so dass die Besucher die laufende Produktion beobachten können, in der Teigwarenfabrik Riesa zum Beispiel, in der Landskron-Brau-Manufaktur Görlitz und in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen.

Andere mutierten nach der letzten Schicht ohne Umwege zum Museum. Als zum Beispiel der VEB Volltuchwerke Crimmitschau seine Produktion 1990 einstellen musste, wurde der gesamte Gebäude- und Maschinenbestand umgehend unter Denkmalschutz gestellt.

Das Leipziger Druckkunstmuseum war bis 1994 eine Druckerei. Im jetzigen Museum gibt es keine Maschine, die nicht funktioniert. Setzer und Drucker bringen sie vor den Augen des Publikums in Bewegung: die Handgießmaschine von 1850, die Kniehebelpresse von 1832, die Zeilenssetzmaschine von 189 und viele andere.

Ateliers statt Spindeln

Um das Gütesiegel einer Station auf der Route der Industriekultur zu tragen, müssen die Denkmale mindestens 180 Tage im Jahr für Besucher zugänglich sein - aber nicht unbedingt als Museum. Wie die einstige Leipziger Baumwollspinnerei. 1885 liefen die Maschinen an, bis Anfang des 20. Jahrhunderts avancierte das Werk zur größten Spinnerei des europäischen Festlands - und zur Fabrikstadt. Vor 1989 arbeiteten dort bis zu 4000 Menschen; 1993 hörten die Spindeln auf sich zu drehen. Die neuen Besitzer mit dem sperrigen Namen Leipziger Baumwollspinnerei Verwaltungsgesellschaft mbH trugen ein kleines Firmenmuseum zusammen.

Inzwischen macht die alte Spinnerei als Hotspot der internationalen Kunstszene von sich reden. Auf den ersten Blick erscheint das weitläufige Gelände verschlafen. Mittendurch führt eine Straße mit Schienen, Laderampen und Jahreszahlen an backsteinernen Fassaden: 1885, 1908... Auf den zweiten Blick jedoch fallen die Details auf: die Schilder, die auf Ateliers und Galerien hinweisen, sanierte Treppen, neu verglaste Fensterfronten.

Und nicht zuletzt sind da Menschen unterwegs zwischen Werkstor, Café, Galerien, Künstlerbedarfsladen und den vielen Treppenhäusern. Radelnd, plaudernd, schleppend. Über hundert Ateliers haben ihren Platz gefunden, zwölf Galerien, neben unzähligen Büros, Kanzleien, Geschäften, Handwerksbetrieben und einer Aktionskunst-Location. Ganz große Künstler wie Neo Rauch sind Mieter der Spinnerei, aber auch Unbekannte, Studenten, Stipendiaten, Cosmopoliten auf kurzem Leipzig-Halt.

Weitere Informationen: Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH, Tel. 0351/491700, info@sachsen-tour.de, www.sachsen-industriekultur.de

Marlis Heinz/srt/abl



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zorcolino 13.01.2015
1. Grossartig
Grossartig, sensationell, nachahmenswert: Im letzten Jahrhundert wurden tausende Industriedenkmäler, Schiffe, Lokomotiven, Anlagen vernichtet, die heute von unschätzbarem Wert wären- für die Landschaften, für den Tourismus, für die Historie. Ich hoffe, dass die heutige Generation diesen Fehler nicht macht und schützenswerte Objekte erhält.
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