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Krisenpolitik: Russlands Urlaubern brechen die Reiseziele weg

Von , Moskau

Flüge nach Ägypten und in die Türkei werden gestrichen, Europa ist zu teuer: Den Russen gehen die Urlaubsziele im Ausland aus. Sotschi und die annektierte Krim profitieren - zur Freude des Kremls.

Rubelkrise und Reisestopp: Russen bleiben zu Hause Fotos
REUTERS

Russlands Urlaubern sind binnen eines Monats die über Jahre beliebtesten Reiseziele abhanden gekommen: Ägypten und die Türkei. Für Ägypten hat die Regierung Anfang November einen Flugstopp verhängt, wegen der IS-Bombe an Bord eines Ferienfliegers über dem Sinai. Gegen die Türkei - zuletzt Ferienziel von rund vier Millionen Russen pro Jahr - hat Moskau Sanktionen verhängt. Als Vergeltung für den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs wurden alle Charterflüge gestrichen.

Die großen Reiseanbieter bringt das in Schwierigkeiten: Für Silvester hatten sie mit einem Anstieg der Buchungen gerade für diese beiden Länder gerechnet. Die russische Tochter des TUI-Konzerns hatte noch im Oktober prognostiziert, Ägypten werde ganz sicher das beliebteste Ziel über Neujahr - weil es für die von einer Wirtschaftskrise gebeutelten Russen noch erschwinglich sei, anders als die meisten EU-Länder.

Viele Unternehmen haben ihre Prospekte nun eilig überarbeitet. Das Unternehmen "Natalie Tours" bewirbt nun "Alternativen zu Ägypten": Reisen in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Thailand und ins indische Goa.

Ebenfalls prominent platziert im Angebot sind Ziele in Russland: "Alpin-Ski über den Wolken" in den Skigebieten der Olympiastadt Sotschi etwa oder ein "Besuch bei Väterchen Frost" in der Stadt Welikij Ustjug in Russlands Norden. Flüge in die Türkei dagegen gibt es nicht mehr: "TÜRKEI VERKAUFEN WIR NICHT", heißt es auf der Webseite von "Natalie Tours" in Großbuchstaben.

Europa-Reisen sind für viele unbezahlbar

Die Touristikbranche leistet dem Kreml ohne großes Murren Folge. Die Reisestopps treffen sie aber empfindlich. Die Reiseveranstalter stecken bereits seit dem vergangenen Jahr in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Die Zahl der Urlaubsreisen ins Ausland ist um 33,8 Prozent eingebrochen, und zwar bereits vor Verhängung des Flugboykotts gegen Ägypten und die Türkei.

Russland steckt in der Rezession, im zweiten Quartal 2015 ist die Wirtschaft um 4,6 Prozent geschrumpft. Härter noch trifft die Abwertung des Rubel Russlands Mittelschicht: Vor zwei Jahren waren 10.000 Rubel 250 Euro wert, heute sind es noch 140 Euro. Reisen nach Europa sind für viele deshalb unbezahlbar geworden.

Hinzu kommt, dass Russen für EU-Visa seit September Fingerabdrücke abgeben müssen. Die Folgen sind drastisch: Besuche in Deutschland - bislang ebenfalls eines der beliebtesten Urlaubsziele - sind um fast 30 Prozent zurückgegangen. Die Regierung rechnet damit, dass die Zahl der Auslandsreisen 2016 noch einmal um 40 Prozent schrumpft.

Moskau hofft, dass die großen Urlaubsorte in Russlands Machtbereich profitieren, vor allem Sotschi am Schwarzen Meer und die von Moskau im März 2014 annektierte Krim. Tatsächlich zieht der Binnentourismus an. In Sankt Petersburg meldeten die Hotels in diesem Sommer die höchste Auslastung seit 2006. Nach Sotschi kamen in diesem Jahr 4,7 Millionen Besucher, das waren sogar sechs Prozent mehr als im Olympiajahr 2014.

Nach offiziellen Angaben kommt auch der Tourismus auf der Krim wieder in Schwung: Bis August machten 3,4 Millionen Russen dort Urlaub. Derzeit kämpft die annektierte Halbinsel allerdings mit massiven Stromausfällen, weil Stromleitungen auf dem ukrainischen Festland gekappt wurden.

Verordnete Selbstisolation

Verstärkt wird die Entwicklung dadurch, dass der Kreml selbst die Reisefreiheit von Staatsdienern einschränkt. Moskau hat im vergangenen Jahr Mitarbeitern der Sicherheitsdienste Privatreisen ins Ausland untersagt. Insgesamt stehen rund 150 Staaten auf der "Schwarzen Liste", darunter Deutschland.

Betroffen sind 1,3 Millionen Polizisten und Beamte des Innenministeriums, mehr als eine Million Soldaten und Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, 320.000 Beamte des Justizvollzugs, 40.000 der Drogenpolizei und andere. Für Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB gelten Reiserestriktionen bereits seit 2010.

Der Rückgang der Reisen könnte auch politische Folgen haben. Die Bevölkerung werde sich vom Westen entfremden, den die Staatsmedien als feindlich, dekadent und dem Untergang geweiht darstellen. Die Entwicklung werde einen "sehr negativen Einfluss auf das Verhältnis der Mittelklasse zum Ausland haben", fürchtet Sergej Smirnow, Direktor des Instituts für Sozialpolitiker der Higher School of Economics in Moskau. Es gehe das "Gespenst eines Eisernen Vorhangs" um, ähnlich wie zu Sowjetzeiten.

Damals sei die Selbstisolation so perfekt gewesen, "dass eine ganze Generation überzeugt war, dass das Leben in der UdSSR besser ist als in anderen Ländern".

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