Sachsen-Anhalt Schlafen am Fluss

Die Fähre von Sandau liegt vergessen in der Elbaue, dort, wo Geschichte manchmal wie ein böser Traum vorbeiströmt. Seit 1272 arbeitet hier ein Fährbetrieb. Über die Jahrhunderte störten bereits die Schweden, Napoleon und amerikanische Granaten ihren Frieden. Von Volker Aschbacher


Im Dreieck zwischen Havel und Elbe: Havel bei Havelberg
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Im Dreieck zwischen Havel und Elbe: Havel bei Havelberg

Auf meiner Wanderung aus Nordosten kommend,

hatte ich Perleberg am frühen Morgen verlassen, und bald sollte ich erfahren, wie rasch ein Land seine Farben, seine Stimmung, seinen Charakter ändern kann. Nach kurzer Strecke schon erschienen mir die Bauernhäuser sakraler, die vom Wind gebeugten Erlen sehnsüchtiger, und das Licht des Nachmittags kündigte sein kommendes Ende an, als wollte Gott jetzt bald seinen ersten Tag hinter sich bringen.

Eine Flussinsel versammelte das alte Havelberg in ihrer Mitte, über ihr der Dom, ein glimmender Docht, so tröstlich und gefährlich wie Flammen. In seinem Kreuzgang rauscht eine Linde, die mir so alt wie das Gotteshaus selbst erschien, doch bot ihr mächtiges Geräusch nichts Heimeliges. Wie auch? Die Ausstrahlung der Macht und Gewalt, die von St. Marien ausgeht, lässt wenig in ihrer Nähe gedeihen. Erschöpft setzte ich mich auf den Rand eines Innenfensters und hielt meine Hand an dessen Mittelsäule.

Da war mir, als wollten die Steine erzählen, als vibrierten die Mauern von all den Dingen, die sie gesehen hatten - und als seien schreckliche Dinge darunter gewesen. Ich fürchtete die Nacht, in der die Domfront wie ein Galgen schwarz den Schlaf der Menschen bewacht. Es war Zeit, die Stadt zu verlassen und zu den Flüssen hinunterzugehen. Im jetzt klarer werdenden Licht ahnte man schon die stumme Kälte, die der Abend in die Niederung bringen würde.

Über die Havelbrücke führte der Weg in die weite Ebene nach Sandau, auf dessen Kirche die Störche vom Froschreichtum der Elbauen kündeten. Mein Hund, immer voraus den Weg sichernd, schien unermüdlich. Wir kamen schnell voran und doch: Unten an der Elbe schwand schon die Wärme des Juniabends, als die letzte Fähre übersetzte. Ich würde bis zum Morgen warten müssen.

In meinen Mantel gehüllt, setzte ich mich ins taufeuchte Gras. Noch schien die müde Sonne zwischen Abendwolken hervor und ließ den Turm der Sandauer Pfarrkirche wärmend aufleuchten, und mir war für einen Moment, als sänge aus ihm eine Stimme die frommen Hymnen der Hildegard von Bingen: O quam magnum miraculum est. Doch als auch dies ersehnte Lied verklungen war, ging die Sonne unter und ein kühler Wind ließ mich frösteln. Ich drückte mich tiefer ins Gras und lauschte den Tieren, denen die Nacht gehört und die dem Dunkel entsteigen: den Lurchen und Würmern und dem vielbeinigen Teufelszeug, das mich in die Nacht begleitete.

Ich erwachte vom Knurren meines Hundes. Pferdehufe scharrten. Von hinten näherten sich Reiter. Fährmann!, rief eine Stimme. Was ist?, rief dieser, der wohl wie ich im Gras geschlafen hatte.

Wir müssen deine Fähre versenken, sagte der Leutnant von Oederling, die Schweden kommen. Ich sah in der hellen Nacht, wie der Fährmann sich wehrte und von der kleinen Truppe überwältigt wurde, sah einen Soldaten ein Fass mit Schießpulver auf der Fähre verstreuen und bald loderte der Kahn. Die geteerten Tampen verbrannten zuerst, und schon raste die Fähre mit der Strömung wie eine kreisende Fackel nach Norden. Dies war zur zweiten Stunde morgens am 28. Juni 1675.

Die Elbe floss schwarz unter den Farben der hellen nordischen Nacht: ein Himmel wie aus sterbenden Malven und neu entfalteten Libellenflügeln. Mir schien, als nähme der Fluss in dieser nicht endenden Dämmerung Fahrt auf, als liefe er heimlich schneller nach Nordwest, wo er doch am Tage schon fast mit seiner enormen Strömung zu prahlen schien, die die Fähre von Sandau antreibt. Die liegt an einer langen Leine, die in der Mitte des Stromes befestigt ist und je nach dem Winkel, den die Fähre einnimmt, schwenkt sie nach rechts oder links, zum Ost- oder zum Westufer. Jetzt aber liegt sie verkohlt auf Grund. Eine tiefe Traurigkeit überkam mich, doch bevor ich mich noch ihr hingeben oder einen klaren Gedanken über sie triumphieren lassen konnte, hatte der Schlaf mich wieder in seine Arme genommen.

Es war stockfinster und kalt, als ein ungeheurer Aufruhr mich erneut aus dem tröstlichen Schlummer riss. Kaum dass ich erkannte, wo ich war: Bis zum Horizont Menschen, die um Feuer kauerten, wohl zehntausend Soldaten am Ufer, stehend, liegend, in völliger Erschöpfung, und weitere drängten nach. Sie hatten die Fähre in Betrieb genommen und die pendelte hin und her, völlig überladen von panisch Flüchtenden, etliche stürzten sich in die Flut und klammerten sich an die Seile, Offiziere befehligten das Chaos und dennoch wurden immer wieder Einzelne abgetrieben. Andere saßen am Ufer und starrten in die Flut, ergeben ins Schicksal, und nicht wenige hatten sich in die herbstlich-nasse Niederung gelegt, nach zwei Tagen Gewaltmarsch am Ende aller Kraft und Hoffnung und sich dem Schlaf ergeben, der an diesem kalten Tag ihr Tod sein konnte. Ich hörte Flüche, Gebete und Befehle, über Stunden und Stunden, Tag und Nacht, bis ich am Ende die Fähre sah: brennend, treibend, untergehend. Dies war der 16. Oktober 1806.

Die Fähre war wie ein Richter, der kalten Herzens entscheidet, wer errettet wird, der Fluss ein Abgrund, der Gerettete von Verzweifelten trennte, und der dann vergisst und weiterfließt nach Norden, während von Osten die ersten Winterwolken heranziehen. Ich starrte, von der Katastrophe verzaubert, in die Nacht. Mein Hund, der stets meinem Blick gefolgt war, lehnte sich an meine Brust und seine Wärme rief mich zurück ins Leben: Du hast geträumt, sagte er mir. Nie war ich dem guten Tier dankbarer. Ich nahm ihn in den Arm und schlief und schlief.

Als ich zum dritten Mal erwachte, graute schon ein Morgen, und wenn auch nichts zu sehen war, so vibrierte doch der Boden wie von wilden Tieren. Im Westen sah ich Lichter am Himmel und ein Lärm wie von tausend rasselnden Ketten näherte sich. Sollte wieder Krieg sein? Aber wo waren die Soldaten? Und würden sie wieder meine Fähre versenken? Ein ungeheurer Knall, ein grauenvolles Pfeifen und dann ein krankhaft knirschendes Geräusch gaben mir die Antwort. Eine Granate hatte den Kirchturm getroffen, eine nächste die Fähre, Sandau brannte, Sandau trieb, Sandau ging unter. In der frühen Luft mischte sich der Rauch mit dem Duft der ersten Blüten dieses Frühlings. Maiglöckchen rochen nach Verwesung, es war der 16. April 1945.

Auf der Elbe trieben Trümmer, als sich über dem Fluss die Sonne zu einer ungewohnten Höhe erhob um zu sagen: Es ist vorbei, ihr könnt in Ruhe schlafen. Das tat ich, und erst als heller Vormittag war, öffnete ich die Augen, und sah die Fähre von Sandau, die einen Kinderwagen und einen Lastwagen transportierte. Sie fuhr, wie sie immer fahren wird, und dort, am Horizont, wohin ihre Mitreisenden blickten, standen Reiher und fahndeten nach Fröschen, dort schossen in aller Ruhe Weiden empor, dort begab sich ein Biber auf Brautschau, und dort saß ich und sah all die müden Wanderer erwachen, die in dieser unruhigen Nacht auf die Fähre gewartet hatten.

Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004



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