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Schlamperei der Flugaufsicht: Wartungsskandal erschüttert US-Luftverkehr - Tausende Flüge gestrichen

Von , New York

Chaos an US-Flughäfen: American Airlines, die weltgrößte Fluglinie, hat in den vergangenen zwei Tagen 1500 Flüge gestrichen - und heute gleich noch einmal 900. Ursache ist eine Blitzaktion gegen Wartungsmängel, die durch beispiellose Schlamperei der Flugaufsicht entstanden sind.

New York - Amerikanische Vielflieger sind einiges gewöhnt. Verspätungen, Stornierungen, verlorenes Gepäck, überfüllte Terminals: Was die Briten gerade in Heathrow durchmachen, gehört in den USA längst zum Flugalltag. Das Jahr 2007, so ermittelte die University of Nebraska in einer Rating-Studie, "war das schlimmste Jahr für US-Airlines".

Dieses Jahr dürfte noch schlimmer werden. Am heutigen Donnerstag allein stornierte die weltgrößte US-Fluglinie American Airlines (AA) landesweit 900 Flüge - fast die Hälfte ihres Flugplans. In beiden Tagen zuvor waren bereits rund 1500 AA-Flüge ausgefallen. Ominöser Grund: Wartungsmängel bei der McDonnell Douglas MD-80, einem der populärsten Kurzstreckenjets. AA musste zunächst alle seine 300 MD-80-Maschinen aus dem Verkehr ziehen und gab bis Mittwochabend erst 30 der Jets wieder frei.

Am Mittwoch kam es zu chaotischen Szenen. Rund 100.000 gestrandete Passagiere drängelten sich stundenlang vor den Eincheckschaltern, in der Hoffnung auf Ersatzverbindungen - meist umsonst. Am Flughafen O'Hare in Chicago, wo 138 AA-Flüge gecancelt wurden, nächtigten Hunderte auf Feldbetten. Bisher hatten solche Debakel meist an Überlastung, Sparmaßnahmen und schlechtem Wetter gelegen. Diesmal ist es anders - und beunruhigender. Denn diesmal geht es um die Sicherheit der Passagiere - auch wenn AA natürlich beharrt, es handle sich dabei nur um "technische Fragen, nicht um Sicherheitsfragen".

Stillgelegt wegen Wartung

Das Flugverbot für die gesamte MD-80-Flotte der Linie war von der US-Luftaufsichtsbehörde FAA veranlasst worden. Die forderte, die Verkabelung der Fahrwerke der Maschinen zu inspizieren, weil diese nicht den Sicherheitsvorschriften genügten. Es war die zweite Sammelwartung für AA in kurzer Folge. "Wir entschuldigen uns erneut, unseren Kunden Unannehmlichkeiten verursacht zu haben", erklärte Gerard Arpey, Vorstandschef der AA-Muttergesellschaft AMR, zerknirscht.

Dabei traf es nicht nur AA - und nicht nur MD-80. Southwest Airlines, die Billigfluglinie mit dem höchsten Passagieraufkommen, musste im März alle Maschinen des Typs Boeing 737 wegen mangelnder Wartung stilllegen. Auch Delta und United strichen Hunderte Flüge.

Hinter der Welle von Massenüberprüfungen, die den US-Flugverkehr seit Wochen stört, steckt weder plötzlicher Gründlichkeitswahn noch kollektiver Schnellverschleiß von Flugzeugen. Ursache ist ein handfester interner Schlamperei-Skandal, der die FAA erschüttert und schwere Zweifel an der Zuverlässigkeit der Behörde geweckt hat. Mit den jüngsten Wartungsordern bemüht sich die FAA nun gewissermaßen um eine Flucht nach vorne.

Es begann, wie so oft in diesen Fällen, mit einem "Whistleblower", einem Informanten aus den eigenen Reihen. Douglas Peters heißt der, und seit sieben Jahren arbeitet er als Inspektor bei der FAA. 2004 wurde der Ex-Pilot und Air-Force-Veteran von der FAA als "Wartungsinspektor des Jahres" ausgezeichnet.

Peters und sein Kollege Bobby Boutris hatten über längere Zeit hinweg beobachtet, dass Southwest Airlines die Wartungs- und Sicherheitsvorschriften der FAA "ziemlich lax" auslegte - und die zuständigen FAA-Beamten dabei ein Auge zudrückten. Nachdem interne Beschwerden nichts gebracht hatten, gingen die beiden erst an die Medien, namentlich CNN. Und wandten sich dann an den US-Kongress.

Southwest Airlines, so enthüllten sie dort, habe mindestens 70 Maschinen geflogen, ohne den Inspektionsplan für das Heckruder einzuhalten. In einigen Fällen sei der Wartungstermin um 30 Monate überschritten worden - mit Wissen des zuständigen FAA-Managers. "Die Airline war in Gefahr", sagte Peters vor dem Verkehrsausschuss des Repräsentantenhauses.

Peters beklagte "Missbrauch von Autorität und substanzielle Gefahren für die öffentliche Sicherheit" bei der FAA. Seine Vorgesetzten hätten ihn sogar bedroht, damit er darüber schweige. Ein Manager habe auf ein Foto von Peters Familie gezeigt, das er in seinem Büro stehen habe: "Ich hasse es, wenn du deine Karriere und die deiner Frau aufs Spiel setzen würdest." Als Peters diese Episode vor dem Ausschuss erzählte, kamen ihm die Tränen.

Aufsichtsbehörde überlässt Airlines die Kontrolle

Für die US-Luftfahrtindustrie ist das nicht das erste PR-Desaster. Die Branche, die sich gerade erst von den Folgen des Terrorjahrs 2001 erholt, kämpft seit langem mit einem miserablen Image - und steht überdies vor einer massiven Konsolidierungsphase. An deren Ende dürften womöglich nur noch drei große Fluglinien überleben, die dann lediglich von einigen Billigfliegern bedrängt würden. Drei US-Fluggesellschaften meldeten kürzlich Konkurs an: Aloha, Skybus und ATA.

Die Rumpf-, Ruder- und Fahrwerkinspektionen, die im Mittelpunkt der jetzigen Affäre stehen, sind unter anderem eine Konsequenz eines bizarren Unglücks im April 1988. Damals war das Kabinendach eines Jets der inzwischen bankrotten Aloha Airlines weggebrochen. Eine Flugbegleiterin wurde in den Tod gesogen, mehrere Passagiere wurden schwer verletzt. Trotzdem schaffte es die Boeing 737, mit offenem Rumpf auf Maui zu landen. Unglücksursache war Materialermüdung.

Die FAA, die eigentlich auf so etwas achten sollte, hat derzeit rund 2800 Inspektoren im Einsatz, die mit der Kontrolle Zehntausender Flugzeuge überfordert sind. Sie überlasst das deshalb lieber den Airlines selbst.

Die wiederum haben Mechanikerstellen gekürzt und lagern die Wartungsarbeiten oft an Billigkräfte im Ausland aus. "Sie haben zu viele Leute gefeuert", sagte der AA-Pilot Kevin Cornwell der "New York Times". "Um an Geld zu kommen, haben sie Ersatzteile verkauft. Dinge werden nicht mehr so schnell repariert."

Als der aktuelle Skandal ans Licht kam, leitete der Generalinspekteur des US-Verkehrsministeriums sofort ein internes Ermittlungsverfahren gegen die FAA ein. Die feuerte von sich aus einen Chefinspektor, brummte Southwest eine Zivilstrafe von 10,2 Millionen Dollar auf und ordnete Eil-Wartungen bei allen 177 amerikanischen Airlines an.

"Dies sind die schwersten Sicherheitsmängel im Flugverkehr, die ich in 23 Jahren erlebt habe", donnerte James Oberstar, der demokratische Vorsitzende des Verkehrsausschusses, als er eine ganze Riege von FAA-Inspektoren vernahm. Dies seien "Dienstvergehen, die an Korruption grenzen": Die von der FAA geduldeten Inspektionslücken hätten die Flugzeuge "unsicher, fluguntauglich und lebensgefährlich" gemacht.

Airlines: Sicherste Periode in der Luftverkehrsgeschichte

Die FAA sieht das etwas anders. Die erste Wartungswelle - die im März Zehntausende Passagiere auf den Flughäfen sitzen ließ - ergab nach Angaben des kommissarischen FAA-Chefs Robert Sturgell eine Erfüllungsquote von 99 Prozent. Die restlichen ein Prozent seien meist nur Buchhaltungsfehler gewesen. Dies, versicherte Sturgell, stelle die "sicherste Periode in der Luftverkehrsgeschichte" dar.

Auch die Fluggesellschaften betonen, dass die letzten Jahre im US-Luftverkehr die sichersten seit langem gewesen seien. In der Tat ist die Zahl der tödlichen Unfälle seit 1997 um mehr als 60 Prozent gesunken. Das letzte dramatische Unglück ereignete sich im November 2001, als eine AA-Maschine kurz nach dem Start in New York abstürzte. 265 Menschen kamen um.

Dafür gab es zahlreiche Fast-Unglücke. So meldete AA allein von November 2007 bis Februar 2008 insgesamt 23 Fälle, in denen das vordere Fahrwerk einer MD-80 nicht ordentlich funktionierte. Bei 1200 MD-80-Flügen pro Tag, sagte ein AA-Sprecher gestern auf CNN, sei das freilich nicht besonders bemerkenswert.

Die meisten Flugpassagiere bekamen von all dem anfangs wenig mit - obwohl die Kongress-Anhörung im Fernsehen übertragen wurde. Erst als die FAA jetzt alle von dem Skandal betroffenen Maschinen nachinspizieren ließ und es im ganzen Land zu Flugausfällen und Verspätungen kam, wurden sie aufmerksam.

Armee-Sergeant James Martin, auf dem Heimaturlaub aus dem Irak, blieb gestern nach 22 Stunden Anreise in Dallas/Fort Worth hängen, weil sein Weiterflug nach Colorado Springs gestrichen wurde. "Ich wollte meine Kinder überraschen und sie aus der Schule abholen", sagte Martin der Lokalzeitung "Dallas Morning News". Stattdessen müsse er sich jetzt mit einer Nacht in einem Motel begnügen.

Allenfalls eine Unannehmlichkeit im Vergleich zu dem, was passieren könnte. FAA-Inspektor Bobby Boutris berichtete im Kongress von den "Airworthiness Directives" (AD) - die Flugtauglichkeitsbescheinigungen der Behörde für die Airlines. Deren Kriterien seien nicht vorbeugend, sondern meist eine oft zu späte Lehre aus katastrophalen Unglücken. "Die Branche hat eine Redensart", sagte Boutris. "ADs sind mit Blut geschrieben."

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