Schneevergnügen Auf dem Airboard die Piste hinab

Es muss ein wahrer Spaß sein: Absprung, rauf auf den Highspeed-Schlitten und mit 40 Sachen die Schneepiste runter. Das so genannte Airboarding soll diesen Winter neuer Trendsport werden. Und wer hat's erfunden? Die Schweizer.


Bäuchlings und mit dem Kopf voran: Das Luftpolster federt Unebenheiten ab
GMS

Bäuchlings und mit dem Kopf voran: Das Luftpolster federt Unebenheiten ab

Zug/Wangs - Knapp drei Kilogramm schwer und zusammengefaltet so klein, dass es problemlos in einen Rucksack passt: Die Handlichkeit ist für den Airboard-Erfinder Joe Steiner aus Zug in der Schweiz einer der großen Vorzüge des neuen Sportgeräts. Zehn Jahre lang hat Steiner an dem High-Tech-Luftkissen getüftelt, bevor er es 2001 auf den Markt brachte. Gesteuert wird das 1,20 Meter lange Sportgerät per Gewichtsverlagerung über ein Kufenprofil an den Seiten.

In der Schweiz werden bereits organisierte Touren angeboten, bei denen die Teilnehmer erst mit Schneeschuhen Gipfel erklimmen und sich dann mit dem aufblasbaren Gefährt nach unten stürzen. In Deutschland kann das Airboard auf einigen Pisten und in speziellen Funparks bayerischer Wintersportorte getestet werden.

"Bis zu Tempo 100 möglich"

"Man fliegt richtig in die Landschaft hinein", beschreibt Steiner den Reiz des Airboardings. Unebenheiten auf der Piste würden durch das Luftpolster abgefedert. Zwischen 30 und 40 Kilometer pro Stunde schnell sind Airboard-Piloten im Schnitt unterwegs - durch Kurvenfahren lässt sich das Tempo drosseln. "Man kann aber auch bis zu 100 Stundenkilometer und mehr erreichen."

Gaudi: Der Schnee fliegt nur wenige Zentimeter entfernt am Gesicht vorbei.
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Gaudi: Der Schnee fliegt nur wenige Zentimeter entfernt am Gesicht vorbei.

Tempoliebhaber können sich in der Schweiz zum Beispiel mit Marcel Schmed vom Veranstalter Freizeit-aktiv in Wangs auf eine "Downhill-Tour" begeben. Dabei geht es abseits der Pisten mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Tal. Schmed bietet den ganzen Winter über vier verschiedene Touren an, bei denen die Abfahrt immer mit einer Schneeschuh-Wanderung kombiniert wird.

Ein je nach ausgewähltem Gipfel zwei bis vier Stunden dauernder Aufstieg steht bei der "Gipfeltour für Gipfelstürmer" vor der rasanten Abfahrt. Dennoch ist diese Tour keinesfalls nur etwas für Bergsportspezialisten, sagt Schmed. "Beim Aufstieg wird zwischendurch immer mal wieder an kleineren Hängen mit dem Airboard geübt", erzählt er. "Es braucht schon etwas Übung, damit du das Gerät beherrschst und nicht das Gerät dich."

"Nach 15 Minuten hast Du das Gerät im Griff"

Im Gegensatz zum Skifahren oder Snowboarden müssen für das Airboard aber nicht lange Kurse belegt werden. "Nach 10 bis 15 Minuten hat man das Gerät im Griff, verspricht Joe Steiner. Durch die Liegeposition gebe es keine Gleichgewichtsprobleme, der Airboarder könne sich daher voll auf das Lenken konzentrieren.

Fünf Trainingsfahrten auf dem Übungshang sind im bayerischen Inzell Pflicht, bevor es auf die große Piste geht. "Es geht darum, sich ein bisschen mit dem Gerät vertraut zu machen", erklärt Gerhard Steinbach vom Touristikbüro Inzell. Für die Airboarder wurde im Inzeller Skigebiet Kesselalm ein eigener Bereich abgesperrt. Auf den Berg geht es bequem mit dem Lift.

Gar nicht kompliziert: Gesteuert wird das Airboard per Gewichtsverlagerung über ein Kufenprofil an den Seiten.
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Gar nicht kompliziert: Gesteuert wird das Airboard per Gewichtsverlagerung über ein Kufenprofil an den Seiten.

In Oberstdorf im Allgäu kann Airboarding im NTC Funsportpark auf einer eigenen Bahn ausprobiert werden. "Die Bahn ist hauptsächlich für Kinder gedacht - Erwachsene können auch längere Strecken damit fahren", erklärt Geschäftsführer Martin Tykal. Das Ausleihen eines Airboards kostet in Oberstdorf inklusive Eintritt in den Park fünf Euro für eine halbe Stunde.

Im Serfaus in Österreich dürfen Airboarder zu bestimmten Zeiten und in Begleitung eines Airboard-Guides die meisten Skipisten mitbenutzen. In Ischgl ist die sieben Kilometer lange Rodelbahn freigegeben - allerdings nur am Montag- und am Donnerstagabend.

Wo überall das Airboard mittlerweile auf die Piste darf, hat Joe Steiner im Internet unter Airboard aufgelistet. Neben Wintersportgebieten in den Alpen stehen in der Übersicht auch Ziele in Kanada und in Neuseeland. Dort sollen Airboarder von Juni bis Oktober auf ihre Kosten kommen.

Die heißesten Pisten gibt's in der Schweiz

Nach wie vor die meisten Strecken befinden sich jedoch in der Schweiz. An 17 Orten dürfen Airboarder hier an den Start gehen. "Muottas Muragl bei Sankt Moritz" nennt Joe Steiner als seine Lieblingsabfahrt. "Das ist wirklich eine brandheiße Strecke."

Trotz der wachsenden Anzahl an Möglichkeiten für Airboarder - noch glauben Tourismusexperten nicht an einen neuen Boom, wie ihn einst etwa das Snowboarden ausgelöst hat. "Es ist sicher für eine junge Zielgruppe trendig und eine nette Winter-Fun-Geschichte, weil man es auch mit der ganzen Familie machen kann", sagt Anna-Maria Muck von Bayern-Tourismus in München.

Luftmatratze für den Schnee: Zusammengefaltet passt das Airboard in einen Rucksack
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Luftmatratze für den Schnee: Zusammengefaltet passt das Airboard in einen Rucksack

Letztlich werde das Airboarding aber eher ein Nischenprogramm bleiben, ebenso wie die anderen Wintersport-Spaß-Geräte, die in den vergangenen Jahren vereinzelt auf den Pisten Einzug gehalten haben. Beim Airboarding schrecke viele nicht zuletzt die hohe Geschwindigkeit ab: "Der Mensch will auch Sicherheit", erklärt Muck.

Airboard-Erfinder Steiner hält den neuen Sport allerdings trotz des hohen Tempos für nicht allzu gefährlich. "Es hat sicher seine Tücken, ist aber nicht gefährlicher als Skifahren oder Snowboarden", sagt er. "Die Sturzgefahr ist geringer, und man kann sich nicht so schnell etwas verdrehen". Bei Zusammenstößen kann das Board Schutz bieten - es wirke dann wie eine Art Airbag. "Auf jeden Fall sollte beim Airboarden ein Helm getragen werden - aber das gilt ja auch für alle anderen Wintersportarten."

Wie schnell Könner auf den Luftkissen-Schlitten unterwegs sind und welche Tricks sie damit drauf haben, können Interessierte bei der "Airboard Worldseries 2004/05" erleben. Die Wettkampfserie, für die Steiner mit 70 bis 100 Teilnehmern je Rennen rechnet, startet am 18. und 19. Dezember mit einem Geschwindigkeitsrennen in Serfaus. Der Sieger wird am 27. März nach insgesamt sieben Rennen in Belalp in der Schweiz gekürt.

Sandra Cantzler, gms

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