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Schneller durch den Stau: London verliebt sich ins Fahrrad

Von , London

Dichtes Verkehrsgetümmel, miserable Radwege: London war bislang alles andere als ein Fahrrad-Paradies. Doch der ehrgeizige Bürgermeister Boris Johnson will die Millionenmetropole zur besten Stadt für Radler in Europa machen - mit "Super-Highways" und Leihstationen allerorten.

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Die britische Hauptstadt hat unter Radfahrern keinen guten Ruf. Enge, verstopfte Straßen, kaum Radwege und in der Busspur das hoffnungslose Wettdrängeln mit den roten Doppeldeckern - aus der Radler-Perspektive ist London ein Alptraum. "Die Stadt, die Radfahrer hasst", bemerkte ein britischer Zeitungskolumnist vor einigen Jahren treffend. Lange galt als lebensmüde, wer sich freiwillig auf zwei Rädern durch das darwinistische Verkehrschaos bewegte.

Inzwischen wagen sich jedoch immer mehr Menschen auf das undankbare Pflaster. "Früher sah man nur Harakiri-Fahrradboten auf der Straße", sagt Andi Elsner, ein deutscher Programmierer, der seit zwölf Jahren in London lebt und täglich 15 Kilometer durch die Innenstadt radelt. "Jetzt fahren auch normale Menschen Rad, manchmal sogar im Nadelstreifenanzug."

"Früher", schreibt Fernsehmoderator Jon Snow in seinem Blog, "traf ich vielleicht einen weiteren Radfahrer auf meinem Weg zur Arbeit. Heute stehe ich in Gruppen von sechs oder zehn an der Ampel." Viele davon sind in hautenge Radlerhosen gezwängt, geduscht wird im Büro.

Politiker strampeln fürs Image

Die Stadt an der Themse erlebt einen regelrechten Fahrradboom. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Fahrten mit dem Rad mehr als verdoppelt. Spitzenpolitiker wie Bürgermeister Boris Johnson und Oppositionsführer David Cameron lassen sich gern und häufig auf dem Fahrrad ablichten. Während in Berlin der Grüne Hans-Christian Ströbele als Inbegriff des Radlers gilt, ist es in London der Konservative Cameron, der für Schlagzeilen sorgt, wenn mal wieder sein Fahrrad geklaut wird. Das dient der Imagepflege bei der zunehmend grün angehauchten, urbanen Mittelschicht.

"Jeder ist auf einmal fürs Fahrradfahren", staunt Grant Young, Geschäftsführer des Edel-Fahrradladens Condor Cycles im zentralen Stadtviertel Clerkenwell. Seit acht Jahren wächst sein Umsatz jährlich um 30 Prozent. Selbst in der Rezession kann er die Ladenfläche vergrößern. Auch andere Hersteller können nicht klagen. Das Klapprad der Marke Brompton, handmade in London, Einstiegspreis 600 Pfund, ist zu einem Statussymbol in den Vorortzügen geworden. Die stolzen Besitzer nicken sich gegenseitig respektvoll zu.

Zum ersten Mal sei Radfahren "eine Inspiration für Mode und Künstler", schrieb die Sonntagszeitung "Observer" in einem mehrseitigen "Radfahr-Spezial". Titel der Beilage: "Großbritanniens Easy Riders - Warum wir uns alle ins Fahrrad verlieben". Darin war Paul McCartney abgebildet, wie er mit Birkenstock-Sandalen in die Pedale tritt. Und Bürgermeister Johnson ließ sich mit dem Spruch zitieren: "Es ist sehr romantisch, in den vielen gewundenen Straßen herumzufahren oder sich in einem von Londons Wäldern zu verlieren".

Fahrrad statt Schweinegrippe

Es gibt mehrere Erklärungen, woher das plötzliche Interesse kommt. Fitness und Umweltbewusstsein werden genannt, der Hass auf den Dauerstau im Auto, aber auch die Bomben in den Pendlerzügen vor vier Jahren. In den vergangenen Wochen dürfte auch die Angst vor der Schweinegrippe den einen oder anderen aus der U-Bahn aufs Rad getrieben haben. In vielen Fällen ist das Rad schlicht am effizientesten. "Es geht einfach schneller", sagt Elsner.

Im Vergleich zu Radlerparadiesen wie Kopenhagen, Amsterdam oder Berlin ist die britische Hauptstadt aber noch Entwicklungsland. Besucher wundern sich über kuriose Radwege, die häufig nach wenigen Metern schon wieder aufhören. Und die Engländer sind immer noch deutlich fauler als viele ihrer europäischen Nachbarn: Gerade mal ein Prozent aller Fahrten legen sie mit dem Fahrrad zurück.

Das tut der Begeisterung in Politik und Medien keinen Abbruch. Bürgermeister Johnson redet großspurig davon, London "zur besten Stadt für Radfahrer in Europa" zu machen. Dieses Jahr will der Konservative 111 Millionen Pfund für Radwege und Fahrradständer ausgeben. Unter anderem sind zwölf "Super-Highways" für Radler quer durch die Stadt geplant. Wie sein Vorgänger, der Labour-Politiker Ken Livingstone, fördert Johnson die Fahrradkultur, weil er sich eine höhere Lebensqualität erhofft.

Leihräder für alle

Livingstone hatte die Innenstadt-Maut von acht Pfund für Autos eingeführt, eine zentrale Entscheidung, die zur Entlastung des Zentrums beitrug. Johnson hat die Mautzone deutlich verkleinert - die reichen Westlondoner Viertel wurden von der Regelung wieder befreit -, dennoch sieht er sich als größten Anwalt der Radfahrer.

Den nächsten Schub erhofft er sich kommenden Mai, wenn London nach dem Vorbild von Paris 6000 Leihräder über die ganze Innenstadt verteilt. Alle 300 Meter sollen Londoner und Touristen an eigens eingerichteten Leihstationen aufs Rad steigen können. Es solle so einfach werden wie ein Taxi anzuhalten, verspricht der Bürgermeister.

Ob das die vielen Londoner überzeugt, die nicht Rad fahren, weil sie auf den Angstschweiß in der Zange zwischen Bussen und Autos gern verzichten, bleibt abzuwarten. Insbesondere Frauen fürchten Umfragen zufolge um ihr Leben.

Wie gefährlich die Straßen sind, hat Bürgermeister Johnson erst im Mai am eigenen Leib erfahren. Auf einem Fahrradtrip zur Eröffnung eines seiner Super-Highways radelte er mit dem Verkehrsminister und anderen Offiziellen durch eine Straße, als plötzlich hinter ihm die Ladetür eines zu schnell fahrenden Lkw aufschwang, ein geparktes Auto mitschleifte und dem Konvoi des Bürgermeisters hinterher schleuderte. Es war reines Glück, dass keiner verletzt wurde. Polit-Profi Johnson zeigte sich schockiert, nutzte aber gleich die Gelegenheit: Er versprach noch mehr Radwege für die Stadt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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1. Radlstadt München
Nikolai C.C. 29.07.2009
Lieber Autoren, vergesst doch in Eurer Berlin-Euphorie, gelistet neben Amsterdam, nicht eine Stadt wie München. Seit langer Zeit ein Fahrradparadies, mit Leihrädern der DB für die Touristen. Ich bin vor Jahren vom dicken Motorrad auf das Moutainbike umgestiegen und fahre sogar den Winter durch. Und die durchgehende Einführung der Parklizenzzonen in der Stadt motiviert zusätzlich. Umweltbewußt und CO2 frei, und die Fitness freut sich, auch die hübschen Münchner Radlerinnen bieten etwas fürs Auge unterwegs. Nikolai Schulz www.memoro.org/de Memoro - Die Bank der Erinnerungen e.V. (wir suchen immer Erzähler ab 65 Jahren...)
2. -
franksterling 29.07.2009
Na da bin ich mal gespannt. Es ist ja kaum Platz fuer die Massen an Autos die trotz congestion charge hier herumfahren. Schoen waers aber.
3. Berlin, Radlerparadies?
philip_k 29.07.2009
Berlin mag zwar nicht schlecht sein zum Radfahren, aber von paradiesischen Zuständen ist diese Stadt weit entfernt. Noch ist die Verkehrsinfrastrukturplanung größtenteils am KFZ-Verkehr ausgerichtet. Ein Umdenken findet hier nur langsam statt und an einigen Stellen in der Stadt gibt es auch positive Beispiele für vernünftige Infrastruktur für alle Verkehrsteilnehmer. Aber genauso gut findet man auch zahlreiche Verkehrsinfrastrukturen, wo man sich als Radfahrer als Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse, oder noch darunter, vorkommt. Dabei hat Berlin mit seinen großzügigen Verkehrsflächen alle Möglichkeiten dies zu ändern. Leider wird das viel zu zögerlich gemacht. Aber ich denke, die Situation wird sich für Radfahrer in Berlin weiter verbessern.
4. Autos raus aus den Innenstädten
Boone 29.07.2009
Wer einmal in Münster war weiß, wie sich eine radfahrende Bevölkerung auch auf die Atmosphäre der Stadt auswirkt. Automatisch gibt es weniger Autos und mehr Radwege und die Menschen sind zudem viel entspannter. Radfahren in Städten ist ein Segen, Autofahren ein Fluch.
5. Hmmm...
ferrarinarr, 29.07.2009
Nun ja, ich wäre aber sehr froh, wenn sich unsere radfahrenden Schätze doch wenigstens ansatzweise an die Verkehrsregeln hielten. Dann wäre es für Fußgänger (wie meine Wenigkeit) auch leichter im Verkehr.
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