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Schweinegrippe: EU rät von Reisen in die USA und nach Mexiko ab

Die Angst vor einer Pandemie wächst: Nach mehr als hundert Todesfällen und vielen Erkrankten rät EU-Gesundheitskommissarin Vassiliou Reisenden, Mexiko und die USA zu meiden. Viele Veranstalter haben bereits Touren storniert. In Spanien wurde die erste europäische Infektion bestätigt.

Luxemburg - Die EU-Gesundheitskommissarin hat nach den ersten Schweinegrippe-Todesfällen in Mexiko eine drastische Warnung ausgesprochen: Androulla Vassiliou rät von Reisen nach Mexiko und in die USA ab, "um das Risiko zu minimieren". Touristen, die gegenwärtig vor Ort seien oder aus Mexiko zurückkehrten, sollten einen Arzt aufsuchen, empfahl Vassiliou am Montag in einer in Brüssel ausgestrahlten Videobotschaft. Die Gesundheitskommissarin will am Donnerstagnachmittag in Luxemburg mit den EU-Außenministern über mögliche Schutzvorkehrungen beraten.

Auch das deutsche Auswärtige Amt rät von nicht notwendigen Reisen nach Mexiko ab - gibt allerdings keine offizielle Reisewarnung heraus. Das Amt empfiehlt Reisenden, die Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen, und rät zum Händewaschen. Kontakt mit Kranken und Menschenansammlungen sollten gemieden werden.

Auch in Europa ist die Schweinegrippe mittlerweile angekommen. Das Virus vom Typ H1N1 wurde in Spanien bei einem jungen Mann identifiziert, teilte Gesundheitsministerin Trinidad Jiménez am Montag in Madrid mit. Es handele sich um einen Studenten, der kürzlich aus Mexiko heimgekehrt sei. Er spreche bisher gut auf die Medikamente an und befinde sich nicht in Lebensgefahr. Das gleiche gelte für 20 weitere Menschen in Spanien, bei denen ebenfalls eine Infektion vermutet werde.

Damit ist gesichert, dass die Seuche innerhalb weniger Tage nicht nur von Mexiko auf die USA übergesprungen ist, sondern auch den Sprung über den Atlantik geschafft hat. Die Folgen der Krankheit sind bereits weltweit zu spüren: Die Börsen reagieren negativ auf Befürchtungen einer Pandemie, die Politik versucht, Aktionspläne international abzustimmen.

In Mexiko starben bislang 103 Menschen an der Schweinegrippe. Erste Krankheitsfälle wurden auch aus den USA und Kanada gemeldet - vor diesem Hintergrund wirkt die Warnung der EU-Gesundheitskommissarin umso bedrohlicher.

Reisen nach Mexiko-Stadt abgesagt

Auf den Tourismus in Mexiko und auch in den USA dürfte sich die Warnung negativ auswirken. Meist spielt sich der Mexiko-Urlaub der Deutschen auf der Yucatán-Halbinsel mit Schwerpunkt Cancún und Playa del Carmen ab. Mexiko-Stadt, Baja California und Acapulco an der Pazifikküste sind weitere beliebte Reiseziele - allerdings in sehr viel geringerem Maße. Deutsche Veranstalter wie Thomas Cook und TUI haben nach den ersten Todesfälle durch die Schweinegrippe am Montagmorgen die Hauptstadt aus dem Programm genommen.

"In den nächsten Tagen bleibt Mexiko-Stadt außen vor", sagte die Sprecherin der Thomas-Cook-Marken (Neckermann, Thomas Cook Reisen), Nina Kreke zu SPIEGEL ONLINE. Stattdessen würden Aufenthalte an anderen Orten des Programms verlängert.

Wie wenig die Hauptstadt für das Programm des Veranstalters relevant ist, zeigt die Zahl der Thomas-Cook-Gäste, die in dieser Woche dorthin anreisen wollten: zehn Urlauber. Das Hauptgeschäft ist der Badetourismus in Gebieten, die momentan noch von der Grippe verschont sind. Auch Studiosus hat zurzeit nur eine Gruppe in Mexiko. Die Gäste wären schon in Mexiko-Stadt gewesen, sagte Sprecher Franco Ilic, und seien alle wohlauf.

Bei den Marken der TUI-Gruppe (auch 1-2-Fly, Airtours, Berge & Meer, Gebeco, L'tur) ist Mexiko-Stadt bis zum 4. Mai aus dem Programm genommen. Auch bei Rundreisen werde die mexikanische Hauptstadt bis dahin nicht mehr angefahren, sagte TUI-Sprecher Mario Köpers in Hannover. Auch bei TUI hält sich die große Mehrzahl der rund tausend TUI-Gäste in Mexiko nicht in den von der Schweinegrippe betroffenen Regionen auf. Fast alle sind auf der Halbinsel Yucatán untergebracht, rund 1200 Kilometer östlich der Hauptstadt. Dort seien bislang keine Infektionsfälle bekannt, sagte Köpers.

TUI bietet kostenlose Umbuchung an

Dennoch bietet die TUI laut Köpers jetzt für ganz Mexiko gebührenfreie Umbuchungen an. Gäste könnten zum Beispiel nach Florida oder in die Karibik ausweichen. Auch dem Wunsch nach einer vorzeitigen Abreise aus Mexiko werde nach Möglichkeit entsprochen. Die Regelung, kostenlose Umbuchungen anzubieten, gilt aber noch nicht für Reisen in andere Länder, in denen das Virus bereits festgestellt wurde, etwa für die USA.

Dagegen gibt es bei Thomas Cook auch auf Yucatán bisher kein Angebot für kostenlose Umbuchungen. "Unsere Reisenden haben da nichts zu befürchten", sagte Kreke. "Die Urlauber können beruhigt sein: Sobald sich die bisherige Einschätzung durch Institutionen wie WHO und Auswärtiges Amt ändert, werden wir reagieren und kostenlose Stornierungen anbieten."

Bei Dertour und Meier's Weltreisen finden alle Reisen wie geplant statt, sagte Firmensprecherin Andrea Probst in Frankfurt. Dies gelte auch für Mexiko-Stadt. Richtschnur für diese Entscheidung sei die Einschätzung des Auswärtigen Amts, das bislang nicht generell vor Reisen nach Mexiko gewarnt hat. Die touristischen Regionen seien bisher von dem Virus nicht betroffen. "Wir sehen deshalb noch keine Veranlassung, Reisen abzusagen oder Umbuchungen anzubieten."

Verbraucherschützer sehen das anders: "Der Ausbruch der Schweinegrippe ist ein Fall von höherer Gewalt, der kostenloses Stornieren erlaubt", sagte Sabine Fischer-Volk von der Verbraucherzentrale Brandenburg in Potsdam. Wenn eine Reise erheblich gefährdet oder beeinträchtigt wäre, dürfe der Kunde vom Vertrag zurücktreten. Im Fall der Schweinegrippe, die in Mexiko schon etliche Todesopfer gefordert hat, sei eine ernste Ansteckungsgefahr gegeben.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

Auch weil das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird und Schutzmaßnahmen dagegen schwierig sind, müsse davon ausgegangen werden, dass Touristen bei Reisen nach Mexiko derzeit gesundheitlich gefährdet sind. Ein außerordentliches Kündigungsrecht gilt nach Einschätzung der Expertin nicht nur für Reisen in Regionen, in denen das Virus bereits bestätigt wurde, sondern für ganz Mexiko: "Es kann schließlich schon beim Umsteigen auf dem Flughafen in Mexiko-Stadt übertragen werden." Außerdem könne niemand vorhersagen, wie es sich weiter ausbreitet.

Mundschutz und Merkblätter an Bord

Noch habe es am größten deutschen Flughafen in Frankfurt keinen Verdachtsfall gegeben, sagte ein Fraport-Sprecher am Montag. Sollte es jedoch entsprechende Hinweise geben, könne der Flughafenbetreiber Fraport schnell reagieren. Das Frankfurter Gesundheitsamt habe über das Wochenende Notfallpläne aktiviert, um für ein Auftreten der Schweinegrippe vorbereitet zu sein, sagte der stellvertretende Amtsleiter René Gottschalk. Noch würden aus der Region ankommende Passagiere am Flughafen nicht routinemäßig untersucht. "Die Fallzahlen sind einfach zu gering", sagte er.

Derzeit sollten Flughafenbetreiber und Airlines in den betroffenen Ländern sicherstellen, dass keine erkrankten Passagiere an Bord kämen und auf entsprechende Symptome achten.

Die Lufthansa - deren Aktien am Montag nach den Grippe-Meldungen stark einbrachen - hat keine Pläne, den täglichen Flug nach Mexiko-Stadt zu streichen. Bisher seien noch keine Auswirkungen der Grippe auf das Buchungsverhalten der Kunden zu bemerken, sagte Sprecher Michael Lamberty SPIEGEL ONLINE.

"An Bord werden die Merkblätter des Robert-Koch-Instituts zur Schweinegrippe verteilt", sagte Lamberty. Zudem sind auf Nachfrage ein Mundschutz erhältlich. Die Gefahr, sich mit Grippeviren anzustecken, werde durch den Aufenthalt an Bord nicht befördert. Die hygienischen Maßnahmen entsprächen denen von Operationssälen.

Auch Air Berlin, die mehrere Ziele in und um Mexiko anfliegt, sieht von Flugstreichungen ab. Am Montag erwartet die Berliner Fluggesellschaft drei Maschinen aus der "erweiterten Region" am Flughafen in Düsseldorf, sagte ein Sprecher. Die Passagiere könnten jedoch "ganz normal" einreisen.

Nach Daten des Deutschen ReiseVerbands (DRV) zählen die Karibik und Mittel- und Südamerika nach den USA und Kanada zu den beliebtesten Fernreisezielen der Deutschen. Im Vorjahr reisten laut DRV etwa 155.000 Deutsche nach Mexiko.

Ob sich die Schweinegrippe für die Branche zu einer Belastung ähnlich wie die Lungenkrankheit SARS vor ein paar Jahren auswirke, lasse sich derzeit noch nicht einschätzen, sagte eine DRV-Sprecherin. Damals hatten viele Kunden aus Angst vor einer Infektion auf Reisen verzichtet, was der krisenanfälligen Branche hohe Umsatzeinbußen einbrachte.

Schweinegrippe? Nicht so in Israel. "Wir werden sie mexikanische Grippe nennen", sagte der stellvertretende Gesundheitsminister Jakow Litzman. Nach den jüdischen Speisevorschriften gilt Schweinefleisch als unrein, sein Verzehr ist Juden verboten.

abl/dpa/AP/Reuters

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