Fünf Monate schon müssen Pendler aus dem Bergischen Land auf die tägliche Fahrt über die Müngstener Brücke verzichten - und den zeitraubenden Umweg per Bus Richtung Wuppertal hinnehmen. Am Montag sollte die Vollsperrung der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands ein Ende haben, doch dann kam die schlechte Nachricht: Die frisch erteilte Zulassung des Eisenbahnbundesamtes (EBA) für die Brücke gilt nicht für dort fahrenden Regionalzug 47, auch "Müngstener" genannt. Der Grund: ein von der Deutschen Bahn falsch ausgefülltes Formular. "Ein superpeinlicher Fehler", kommentierte ein Bahnsprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Die denkmalgeschützte Müngstener Brücke schlägt zwischen Remscheid und Solingen einen kühnen, 107 Meter hohen Bogen über das Tal der Wupper. 114 Jahre ist die Eisenkonstruktion alt - und renovierungsbedürftig. Schon vor einem Jahr setzte die Bonner Behörde EBA daher dem Betreiber Deutsche Bahn ein Ultimatum für einen Standsicherheitstest, im September überprüften Techniker die 950.000 Nieten und 5000 Stahlprofile der Brücke. Schon damals durften Güterzüge das Tal nicht mehr in der luftigen Höhe queren, Triebwagen sich nicht begegnen. Ende November war vorerst ganz Schluss, wegen Wartungsarbeiten sperrte die Bahn die Wupper-Brücke völlig.
Vertröstungen, Bummelei und Formularwust
Die rund 2500 Pendler pro Tag wurden auf den Fahrplanwechsel Mitte Dezember vertröstet - doch erst verzögerten winterlichen Bedingungen immer wieder die Sanierung, dann dauerte es Monate, bis dem EBA alle erforderlichen Papiere für den Betrieb der Müngstener Brücke vorlagen. Endlich war es soweit: Im April gab das EBA die Brücke für ein Gesamtgewicht von 72 Tonnen frei, Züge dürften höchstens 70 km/h fahren, pro Achse nicht mehr als zehn Tonnen tragen, Triebwagen sich wieder begegnen.
Doch die Lokführer des Regionalzuges wunderten sich: Knapp 70 Tonnen wog doch ihr Gefährt schon ohne Passagiere, also ohne sogenanntes Fleischgewicht. "Früher hatte ich keine Angst über die Brücke zu fahren. Aber heute fühle ich mich weder sicher noch gut informiert", sagte ein Bahnmitarbeiter der "Westdeutschen Zeitung".
Die Lokführer hatten Recht, wie die Deutsche Bahn erst am Montag bestätigte und gleichzeitig die Pendler weiterhin auf den Ersatzbus verwies. In dem Antragsformular war fehlerhaft statt des Gesamtgewichts von Zug und Passagieren nur das Eigengewicht des "Müngsteners" eingetragen worden, sagte der Sprecher SPIEGEL ONLINE. Die Genehmigung des EBA entsprach daher genau dem, was die Bahn beantragt hatte. Richtig wäre aber einen Gewichtsangabe von mindestens 81 Tonnen gewesen, die Zug plus Passagiere zusammen wiegen.
Zwar könne nun jeder beliebige Zug unter 72 Tonnen Gesamtgewicht die Brücke queren, sagte der Sprecher, aber eben nicht der übliche Regionalzug 47 mit Passagieren. Am Montagnachmittag scheiterten jedoch sogar Probefahrten mit leeren Zügen: Das Achsgewicht war zu groß.
Wann das frühere Aufstehen für die Pendler aber nun ein Ende haben könnte, darüber wollte der Sprecher nicht spekulieren. Einige Wochen werde es schon dauern - denn zunächst müssten ja wieder die Antragsformulare auf Erteilung einer Zulassung zusammengestellt und diesmal doppelt überprüft werden. Und das dauert bei der Bahn wohl immer ein wenig länger als woanders.
abl
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