Von Antje Blinda
Mit dem Segelboot einsame Buchten erkunden? Zu viel Aufwand. Im Seekajak Felsküsten entlang paddeln? Nicht nah genug am Wasser. Was Bernard Wache wirklich will: mit dem Körper ins Meer eintauchen, Strömungen und Wellen spüren, eins werden mit dem Ozean. Und das nicht nur für ein paar Stunden, sondern tagelang; daher müssen auch Schlafsack, Kocher und Proviant bei solchen Touren dabei sein. Wache nennt sich Seatrekker, Meereswanderer. Diese Sportart hat der Münchner Designer und Tüftler selbst erfunden - und die passende Ausrüstung gleich mit.
Ein Seatrekker, sagt Wache, benötigt in erster Linie: Neoprenanzug, Schnorchel, Freitauchflossen. Es gilt, Küsten entlang zu flösseln, zwischendurch einen tiefen Atemzug zu nehmen und abzutauchen, 10 Meter tief, 20 Meter tief. Hinunter zu Zackenbarschen und Muränen, zu Korallen, Seegras und bunten Anemonen. "Es geht um das Erkunden und Entdecken von Landschaften und Tieren. Und nicht primär um die Strecke." Wache selber nimmt sich am Tag zwischen drei und sechs Kilometer vor, rund sechs Stunden ist er dafür mit seinen Freunden unterwegs an Küsten vor Cres, Korsika, Elba und Ligurien.
"Áetem" hat der 41-Jährige, der als Ausstellungsarchitekt sein Geld verdient, seine Firma vor zwei Jahren getauft. Das Kunstwort spricht sich anglisiert "Eitem" und soll "Atem" bedeuten. "Atemtechnik ist die Basis dieses Sports", sagt Wache. Mit 24 Jahren hat er mit dem Ozeanwandern begonnen und seitdem nie wieder einen anderen Sport betrieben. "Der Thrill kommt durch das Fliegen unter Wasser, die Schwerelosigkeit, die man nur beim Freitauchen hat."
Tagsüber flösseln, nachts an Stränden übernachten
Was müssen potentielle Seatrekker beherrschen? "Sie sollten schwimmen können und einigermaßen fit sein. Vorkenntnisse in Wassersportarten wie Segeln, Paddeln oder Tauchen sind hilfreich, um Wetter und Strömungen einschätzen zu können", sagt Wache. Seatrekker seien Abenteurer, die auf Entdeckungen stehen.
Tagsüber entdecken und nachts an Stränden oder Höhlen übernachten. Wache facht auf seiner Webseite mit Fotos von Lagerfeuern und Männerrunden die Sehnsucht seiner möglichen Kundschaft an. Denn was - abgesehen von Schnorchlerausrüstung - angehende Seatrekkern noch benötigen, ist eine Tasche für Klamotten und Schlafsack.
Wache entwarf dafür den "Big Pack James C.", einen 65 Liter fassenden, wasserdichten Rucksack mit Überdruck- und Ankersystem. Daran hängt eine drei Meter langer Zugleine. So können die schnorchelnden Wanderer Strecke machen, wie durch eine Nabelschnur verbunden ihr Gepäck hinter sich herziehen und bei Tauchgängen den Sack am Meeresboden verankern. Eine Tauchfahne bedeutet anderen Wassersportlern, einen Abstand von 100 Metern einzuhalten.
Mit dem Tüfteln begann der passionierte Freitaucher vor sechs Jahren in seiner Werkstatt und mit selbstgemachtem Werkzeug. "Nach drei Stunden im Wasser wurde einfach jeder Wickelsack undicht", sagt Wache, eine eigene Lösung musste her. Er experimentierte mit PVC-Folien, mit Klebstoffen und Tragesystemen. Er konzipierte ein Tariersystem ohne Blei, eine strömungsangepasste Taucherbrille und ein Bodyboard.
In Serie ab September
Inzwischen stehen hinter Áetem eine Frau und drei Männer aus der Designbranche. Prototypen von "James C." wurden im Februar auf der Sportartikelmesse Ispo in München vorgestellt und mit dem "Brandnew Award" ausgezeichnet. Verhandlungen mit einem Hersteller sind noch im Gange. "James C." werde im September für einen ungefähren Preis von 450 Euro in Serie gehen, sagt Wache, eine kleinere Daypack-Variante "Falcon S." im Oktober.
Die Interessenten für den Schwimm-Zieh-Rucksack zum Aufblasen? Künftige Seatrekker werden wohl kaum für genügend Absatz sorgen. Nicht nur die Aktiven der neuen Sportart, sagt Wache, auch Surfer, Stand-up-Paddler und Deep-Water-Soloing-Kletterer - also Freeclimber an über das Meer hängenden Klippen - hätten bereits Interesse gezeigt. Sie alle wollen so mit ihrer Ausrüstung an einsamere Stellen kommen.
Wache befürchtet nicht, dass durch seinen neuen Sport bisher unberührte Küsten Schaden nehmen. "Weil wir mehrere Tage in direktem Kontakt mit dem Wasser und den Stränden sind, sind wir sensibiliert für die Zerbrechlichkeit dieses Ökosystems", sagt er. "Beim Seatrekken berühren wir so gut wie gar nichts, keine Korallen, keine Algen. Schweben ist ganz wichtig, sonst hat man dasselbe Problem wie schlecht tarierte Taucher, die viel zerstören."
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