Selfie-Wahn auf Reisen Ich bin New York, du bist Neumünster

Das Reiseziel ist nur Dekoration, viel wichtiger ist der Reisende: Der Selfie-Boom verändert das Urlaubsverhalten. Wo führt diese Entwicklung hin? Drei Antworten von Experten.

Touristen in New York
REUTERS

Touristen in New York


Auf Reisen ergibt sich mittlerweile häufig folgendes Bild: Singles, Paare, Freunde und Familien postieren sich abgekämpft vom stressigen Touristenalltag vor einer Sehenswürdigkeit, nur um einen Augenblick später in die Kamera zu strahlen, als sei es ihr glückseligster Moment auf Erden. Vorne ein lächelndes Gesicht, im Hintergrund irgendeine Attraktion - das Selfie ist zum beliebtesten Urlaubsfoto geworden. Was steckt dahinter? Der Gipfel des Egoismus? Die normale Aneignung einer neuen Technologie? Ein urmenschliches Bedürfnis? Drei Perspektiven auf ein unvermeidliches Phänomen:

1. Der Kulturpessimist: Selfies als Niedergang des Reisens

Schaut mich an! Auf dem Selfie steht allein der Reisende im Fokus. Der Hintergrund verschwimmt, ist austauschbar. Die These: Jeder dreht sich nur noch um sich selbst. "Wir springen von einem Highlight zum nächsten. Alles wird beliebig", beschreibt Tourismusforscher Ulrich Reinhardt die Lage. "Die Selbstinszenierung wird auf die Spitze getrieben", findet der Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. "Man macht 17 Selfies vor dem Eiffelturm, um das perfekte Bild zu haben." Für die Sehenswürdigkeit wird die Zeit dann knapp.

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Foto-Ranking: Die zehn beliebtesten Orte für Selfies
Abschreckende Beispiele für Urlauber, die nur noch sich selbst sehen und sonst nichts mehr, lassen sich leicht finden. In Argentinien wollten kürzlich so viele Menschen ein Foto mit einem gestrandeten Delfin-Baby machen, dass dieses in der Sonne austrocknete und starb. Tierschutzorganisationen reagierten mit dem Aufruf, den Drang zur Selbstdarstellung nicht vor den Schutz der Tiere zu stellen.

Die Gefahr, Schaden anzurichten oder gar selbst bei einem spektakulären Selfie zu sterben, ist zwar fast immer gering. Die Inflation der Selfies auf Reisen hat aber noch andere, weniger dramatische Folgen: "Es geht vieles verloren", sagt Reinhardt. Das kuriose Detail, das unscheinbare Restaurant, der interessante Umweg - diese Dinge geraten aus dem Blick. Denn dieser richtet sich nur auf einen selbst. Ständiger Selfie-Druck, permanente Inszenierung, innere Unruhe: "Wir haben nicht mehr die Gabe, in einen Moment völlig einzutauchen."

Interesse an einem Reiseziel ist nur noch in dem Maße vorhanden, wie es zum Angeben taugt. Was sagt das Selfie auf dem Empire State Building? Nicht: Wie beeindruckend Manhattan doch ist! Sondern: Ich bin New York, du bist Neumünster. Als einen Reisetypen der Zukunft hat Amadeus, IT-Dienstleister der Reisebranche, folglich den Selbstdarsteller ausgemacht. Er reist, weil er das Reisen für ein beneidenswertes Persönlichkeitsmerkmal hält.

Die Empfehlung könnte lauten: Bitte wieder mehr Interesse an der Welt als an sich selbst. Wieder mehr Urlaub nur für sich machen, nicht für Facebook-Likes und die Bewunderung der Daheimgebliebenen.

2. Der digital native: Was technisch geht, wird auch gemacht

Dieser Blickwinkel ist etwas anders: Das Selfie wird gemacht, weil es eben so einfach zu machen ist, vor allem seit dem Selfie-Stick. "Das Selfie ist ein Symptom eines schon veränderten Reisens", sagt André Wendler, der an der Bauhaus-Universität Weimar zu Netzkultur und Selfies forscht.

Seine These: Zwischen Technik und sozialem Verhalten existiert eine Wechselwirkung. "Die Postkarte hat es nur gegeben, weil es ein Postsystem gab. Das hing eng mit der Erfindung der Eisenbahn zusammen." Heute gibt es Smartphones und soziale Netzwerke - und damit eben auch Selfies, die massenhaft geteilt werden.

Touristinnen am Eiffelturm
AFP

Touristinnen am Eiffelturm

Dass sich kaum einer mehr für den Eiffelturm an sich schert, hat ebenfalls mit der Technik zu tun: "Die bloße Ansicht von entfernten Orten ist heute trivial", sagt Wendler. Denn es gibt Zigtausende Bilder von ihnen im Netz. "Was aber nicht trivial ist, ist, dass man selbst an einem Ort ist - und zwar möglichst immer an einem anderen." Denn ein einzelnes Selfie bedeute nichts. "Die Menge der Orte muss ausgestellt sein. Betrachter sollen sehen: Diese Person ist viel unterwegs." Das wiederum sei ein relativ neues Phänomen im Zeitalter des Billigfliegens.

Die Freunde werden aus einem einfachen Grund ständig mit Selbstporträts aus dem Urlaub versorgt: weil es geht. Drahtlosinternet findet man heute auf den abgelegensten Inseln. "Das Selfie ist nicht für einen selbst gemacht, sondern für andere", sagt Wendler. "Selfies zu machen, ohne sie hochzuladen, ist sinnlos." Würden auf Reisen so viele dieser Fotos gemacht, wenn es kein Facebook oder Whatsapp gäbe? Wohl kaum.

Wer Selfies verabscheut, kann also genauso soziale Netzwerke, das permanente Online-Sein und die Kommerzialisierung des Fliegens verteufeln. Oder eben die Technik, die es gibt, nutzen. Auch die Selfie-Sticks? "Wer Spaß daran hat, soll's machen", sagt Wendler.

3. Die Psychologin: Wir waren schon immer geltungssüchtig

Den Mitmenschen zeigen, dass man einen tollen Urlaub hat und rundum glücklich ist - das wollten die Menschen schon immer. "Psychologisch haben wir uns nicht verändert", sagt die Medienpsychologin Astrid Carolus von der Universität Würzburg. "Früher hat man nach dem Urlaub einen Dia-Abend gemacht, heute gibt es die Live-Präsentation über soziale Medien." Damals habe man sich also durchaus auch inszeniert. Heute sei das nur unmittelbarer geworden.

Selbstporträt von Joseph Byron aus dem Jahr 1909
Getty Images/Joseph Byron

Selbstporträt von Joseph Byron aus dem Jahr 1909

In der Tat lässt sich kaum abstreiten, dass es maßlose Selbstdarstellung schon vor dem Aufkommen der Selfies gab. "Jeder tut so, als wäre das nicht so, aber das Selfie zeigt wunderbar, wie wir Menschen funktionieren", sagt Carolus.

Zwar gibt auch Carolus zu, dass sich die Perspektive auf den Urlaub verändert, wenn man die ganze Zeit nur versucht, schöne Selfies zu machen. Aber: "Dass man mit Smartphone weniger wahrnimmt als ohne, ist nicht unbedingt gesagt. Es ist erst einmal kein schlechterer, sondern ein anderer Blick."

Außerdem müsse man den Urlaubern zugestehen, dass viele sich sehr gut darin gefallen, sich vor berühmten Bauwerken und schönen Landschaften abzulichten und die Bilder im Netz für Freunde auszustellen. "Die Doppelverwertung der Erlebnisse, die Dokumentation für andere, das ist vielen Menschen sehr wichtig", weiß Carolus. Das Selfie, könnte man sagen, wertet den Urlaub sogar noch auf. Es zu verdammen, sei da fast schon ein kulturpessimistischer Reflex.

Von Philipp Laage, dpa/sto



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