Sicherheit in Zügen und Bahnhöfen "Kontrollen wie an Flughäfen - das ist utopisch"

Sieben Millionen Menschen fahren täglich in Deutschland Bahn. Doch wie ist es um ihre Sicherheit bestellt?

Tatort Regionalzug
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Tatort Regionalzug


Der Angriff auf mehrere Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg wirft erneut die Frage nach der Sicherheit in Zügen und Bahnhöfen auf. Ein 17-jähriger Afghane hatte fünf Passagiere mit Beil und Messer teils lebensgefährlich verletzt.

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren in Europa Überlegungen und Pläne, Zugangskontrollen der Passagiere und des Gepäcks zu errichten - wie etwa an chinesischen Bahnhöfen. Anlass dazu gab zuletzt ein Anschlag im August 2015, bei dem ein Mann in einem Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris mit einer Kalaschnikow auf Passagiere schoss. Zwei Menschen wurden schwer verletzt.

Schon zuvor hatten Terroristen die leicht zugänglichen Bahnhöfe und Züge genutzt: 2004 starben bei Bombenanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid 191 Menschen, rund 1500 werden verletzt. Ein Jahr später trafen Anschläge die Londoner U-Bahn. Im Kölner Hauptbahnhof wurden 2006 in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. 2013 kamen bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus ums Leben.

Das größte Problem für die Sicherheit in der Bahn sind jedoch nicht derartige Anschläge. In Deutschland gibt es die meisten Konflikte rund um Volksfeste wie dem Oktoberfest in München oder bei Zu- und Abfahrt bei Fußballspielen. 2015 hat die Bundespolizei insgesamt 12.500 Körperverletzungen an Bahnhöfen und in Zügen registriert. Das sind bereits knapp zehn Prozent weniger als im Vorjahr.

Zugenommen haben dagegen Angriffe auf Schaffner und Sicherheitspersonal: um ein Fünftel auf 1800 Fälle. Die meisten davon bei der Fahrkartenkontrolle oder wenn Störer aus Bahnhöfen oder Zügen verwiesen werden sollen.

Was Bahn und Bundespolizei tun:

  • Anders als im Flugverkehr gibt es in Deutschland weder im Nah- noch im Fernverkehr Kontrollen auf Waffen oder Sprengstoff. In Paris waren im Dezember auf zwei Bahnsteigen des Nordbahnhofs Sicherheitsschleusen für Thalys-Passagiere errichtet worden - veranlasst durch den Anschlag vier Monate zuvor. Dort wird das Gepäck durch Röntgengeräte und Metalldetektoren kontrolliert. Auch beim Eurostar gibt es Sicherheitskontrollen von Passagieren und Gepäck. In Deutschland gelten angesichts von täglich fast 30 Millionen Passagieren in Bussen und Bahnen lückenlose Kontrollen aber als unmöglich.
  • Als Sicherheitspersonal in deutschen Zügen sind zum einen rund 5000 Beamte der Bundespolizei tätig. Die Deutsche Bahn als größter Zugbetreiber und Eigentümer der Bahnhöfe stellt weitere 3700 Sicherheitskräfte. Der Staatskonzern gibt jährlich 160 Millionen Euro für die Überwachung von Zügen und Bahnhöfen aus.
  • Um die Sicherheit zu erhöhen, setzen Polizei und Bahn vor allem auf Videoüberwachung. Derzeit sind etwa 5000 Kameras an 700 Bahnhöfen und 27.000 in S-Bahnen und Regionalzügen der Deutschen Bahn eingesetzt. Laut Bahn werden so 80 Prozent der Fahrgastströme überwacht. Bis 2023 investieren das Unternehmen und die Bundespolizei mehr als 85 Millionen Euro in den Ausbau der Videotechnik auf Bahnhöfen.
  • Als Pilotprojekt werden in Berlin zudem sogenannte Bodycams getestet: Diese tragen Sicherheitskräfte am Körper. Auf einem Mini-Monitor kann sich der Überwachte selbst sehen, was die Abschreckung vor Gewalttaten erhöhen soll.
  • Die Regionalzüge werden von den Ländern bestellt. 70 Prozent betreibt noch die Deutsche Bahn, allerdings mit abnehmender Tendenz. Die Länder entscheiden bei den Ausschreibungen auch über das Sicherheitskonzept, zum Beispiel die Videoüberwachung oder den Einsatz von Sicherheitspersonal in den Zügen.

Polizeigewerkschaft: Kontrollen wie an Flughäfen sind utopisch

Entgegen der Wahrnehmung sei die Sicherheit in Zügen und Bahnhöfen höher als im sonstigen öffentlichen Raum, sagt die Deutsche Bahn. Dennoch: "Bei täglich 40.000 Zugfahrten und über sieben Millionen Reisenden allein in Deutschland kann trotz aller Anstrengungen niemand verantwortungsvoll eine hundertprozentige Sicherheit im System Bahn garantieren", erklärte ein Bahn-Sprecher in Berlin.

Vor wenigen Wochen schon sei vor dem Hintergrund der terroristischen Bedrohung eine "Taskforce Sicherheitstechnik" ins Leben gerufen worden, teilte die Bahn mit. Die Abteilung soll Systeme entwickeln, um Kunden und Mitarbeiter noch besser zu schützen. Die Erkenntnisse aus der Tat in Würzburg würden in die ständige Überprüfung des Sicherheitskonzeptes einfließen.

Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft warnt vor falschen Illusionen über die Sicherheit in Zügen und auf Bahnhöfen. "Zu glauben, wir könnten überall, vor jedem Bahnhofsabteil und überall auf den Bahnhöfen und Flughäfen mit so viel Personal präsent sein, dass wir bewaffnete Angriffe von radikalisierten Einzeltätern verhindern können, das ist Utopie", sagte der Vorsitzende Rainer Wendt zu Reuters TV.

Möglich sei aber, die Bundespolizei vernünftig auszustatten, damit sie auf Bahnhöfen und in Zügen präsent sei. Auch das Sicherheitspersonal der Bahn könne noch besser ausgestattet und ausgerüstet werden.

Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) forderte eine Verstärkung des Sicherheitspersonals in Zügen. Auf jedem Zug, der durch Deutschland fahre, müsse mindestens ein Zugbegleiter eingesetzt werden. "In kritischen Bereichen fordern wir eine Doppelbesetzung sowie den Einsatz von qualifiziertem Sicherheitspersonal", sagte der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner.

Gleichzeitig müssten die Mitarbeiter aller Eisenbahnverkehrsunternehmen so geschult werden, dass sie wüssten, wie sie sich und Reisende in einer konkreten Bedrohung schützen, sagte Kirchner. Wichtig sei deshalb ein übergreifendes Sicherheitskonzept, das für alle Bus- und Bahnbetriebe gelte. Die EVG will dazu in dieser Woche zu einem Runden Tisch einladen.

abl/Reuters/dpa

insgesamt 43 Beiträge
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Leser161 19.07.2016
1. Man kann einen Irren nicht aufhalten. Punkt.
Und selbst wenn es ganz viele Polizisten und Zugbegleiter gäbe (Aprospos toll wie Interessenverbände nach schrecklichen Ereignissen immer gleich nach Vorteilen für sich selbst geifern, oder?): Dann nimmt der Nächste sich halt eine Fussgängerzone vor. Oder die Kassenschlange bei Aldi. Und ob ein Todessehnsüchtiger sich von einer Kamera aufhalten lässt? Wahrscheinlich sucht er sich sogar extra eine damit sein "Märtyrertod" für die Nachwelt aufgezeichnet wird. Wir müssen uns von alten Reflexen lösen.
K:F 19.07.2016
2. Deash will genau das!
Angst verbreiten. Paranoia verbreiten. Unsicherheit in die Köpfe der westlichen Menschen pflanzen. Diese Morde sind nicht zu verhindern. Da braucht sich niemend den Schuh für anzuziehen, außer der Mörder sebst. Der Vollidiot hat sich dafür entschieden, zu töten. Auf eine Art und Weise die ans Mittelalter erinnert. Der Daesh springt dann auf den Medien-Zug und reklamiert die Tat für sich.
spon_3139848 19.07.2016
3.
Eher kippt man um, weil im Hochsommer im ICE die Klimaanlage ausfällt, als dass man umkippt, weil ein durchgeknallter Psychopath um sich ballert, sticht oder bombt!
Rohrbruch 19.07.2016
4. Sieben Millionen Menschen laufen täglich durch Deutschlands Fußgängerzonen ...
Doch wie ist es um ihre Sicherheit bestellt? Analog dazu: Restaurants, Bildungseinrichtungen, ... überall wo sich täglich sehr viele Menschen aufhalten. Totale Sicherheit ist eine Illusion und ihr imaginärer Preis in Form von Totalüberwachung zu hoch. Ich freue mich wenn ich ungehindert einfach in den nächsten Zug springen kann. Die Tortur an Flughäfen und die Pflicht über eine Stunde vor Abflug anwesend sein zu müssen kaum effektiv.
quark2@mailinator.com 19.07.2016
5.
Ich würde gern weiter anonym Bahn fahren, danke ! Es reicht völlig, daß schon die Autokennzeichen dauernd erfaßt werden. In vielen Ländern basiert darauf die Abrechnung der elektronischen Vignette, so daß jeder überallhin verfolgbar wird. Ich frage mich, wie das mit dem Datenschutz, der persönlichen Freiheit etc. zu vereinbaren ist. Auch wenn man Zug fährt, wird man verfolgbar, sobald man die Fahrkarte im Internet beschafft, elektronisch zahlt, Bahncard nutzt, etc. Aber zumindest theoretisch kann man sich die Fahrkarten noch mit Bargeld am Schalter kaufen. Dann ist man zwar auch auf 10 Kameras, aber zumindest noch ohne Namen. Ehrlich - wenn wir uns die Freiheit durch diese paar Idioten abkaufen lassen, was bleibt dann schützenswert ? Es sind nicht so viele Opfer, wenn man das mal mit anderen Dingen vergleicht. Und verhindert wird durch Überwachung gar nichts, nur verlagert.
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