Luxus-Reiserad im Test: Die rollende USB-Buchse

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Luxus-Nabenschaltung, Edelstahl-Gepäckträger, iPhone-Ladestation - willkommen in der Oberklasse der Reiseräder! Im Test musste das Modell Silkroad von tout terrain beweisen, ob es seine mehr als 3000 Euro wert ist.

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Dieses Fahrrad kostet so viel wie ein Gebrauchtwagen. Man kann damit in den Urlaub fahren, denn der Gepäckträger schultert 40 Kilogramm. Und iPhone-Junkies können ihr geliebtes Smartphone beim Radeln aufladen. Aber lohnt es sich wirklich, dafür mehr als 3000 Euro auszugeben? Wir haben das Modell Silkroad des Herstellers tout terrain getestet, das zu den besten Reiserädern der Welt zählen will.

Der Radweg Berlin-Kopenhagen ist dafür wie geschaffen. Wechselnder Straßenbelag, Wald- und Sandwege. Und immer mal wieder kurze Anstiege. Ein paar Kilometer hinter dem Städtchen Fürstenberg kommt die erste Bewährungsprobe. Der Radweg biegt von der Straße nach links ab - es geht extrem steil auf einen kleinen Hügel rauf. Zum ersten Mal kommt hier der erste Gang zum Einsatz. Ein kurzes Drehen am Griff, und man kriecht den Anstieg im Schneckentempo hoch.

Sagenhafte 14 Gänge bietet die Rohloff-Nabenschaltung im Hinterrad. Sie ist einer der Gründe für den hohen Preis, denn die Nabe allein schlägt mit rund 1000 Euro zu Buche. Die Rohloff-Schaltung ist natürlich purer Luxus. Ein Mountainbike mit Kettenschaltung bietet einen vergleichbaren Übersetzungsumfang. Und die Kettenschaltung ist zudem leichter und in der Regel auch billiger.

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Doch vor allem Reiseradler und Vielfahrer schätzen die 14-Gang-Nabe wegen ihrer Robustheit und dem geringen Wartungsaufwand. Gelegentlich muss das Öl gewechselt werden, das die vielen ineinander greifenden Zahnräder schmiert. Mehr ist nicht nötig.

Der stolze Preis des Silkroad hängt auch mit dem Rahmen zusammen: Er kommt nicht von der Stange aus Taiwan, sondern wird handgefertigt. Beim Material setzt tout terrain konsequent auf Stahl. Dieser ist bei starken Belastungen - etwa auf schlechten Wegen - auf Dauer einfach deutlich haltbarer als sprödes Aluminium. Und im eher unwahrscheinlichen Fall eines Rahmenbruchs fernab von zu Hause hilft immer noch ein Schweißgerät - beim sensiblen Material Aluminium geht das nicht so einfach.

Bis zu 16 Kilo Gewicht

Eine Besonderheit des Rades ist der fest an den Rahmen geschweißte Gepäckträger. Das macht ihn besonders steif. Der Gepäckträger besteht aus rostfreiem Edelstahl. Eine gute Idee, denn Radtaschen scheuern den Lack ziemlich schnell ab.

Der Name Silkroad, Seidenstraße, ist Programm. Es ist ein Bike für Radwanderer, die es in die Ferne zieht. Tout terrain - eine kleine Fahrradschmiede aus Gundelfingen bei Freiburg -, will Räder bauen, die einen möglichst nie im Stich lassen.

Das Modell wiegt je nach Größe und Ausstattung zwischen 14 und 16 Kilogramm - ein guter Wert für ein Reiserad mit Lichtanlage und extra breiten Reifen.

Wie aber fährt sich das 3000-Euro-Bike? Auf der Straße rollt es sehr stabil. Auch auf holprigen Wegen vermittelt der Spezialrahmen einen äußerst soliden Eindruck. Alles andere wäre auch eine Enttäuschung. Das Rad ist voll bepackt, aber der Rahmen bleibt steif und verzieht sich nicht. Auf extrem holpriger Strecke macht das Silkroad allerdings keine so gute Figur. Hier hilft dann nur, etwas Luft von den Reifen abzulassen.

Als sehr praktisch erweist sich die USB-Buchse am Lenker - eine Eigenentwicklung von tout terrain mit dem Namen "The Plug". Heutzutage gibt es ja kaum noch Räder, die nicht mit einem Nabendynamo ausgerüstet sind. Dieser liefert normalerweise Strom für Vorder- und Rücklicht.

Nach einer Stunde zehn Prozent mehr im Akku

Doch man kann die Energie aus der Vorderradnabe auch für andere Zwecke nutzen. Hersteller wie Busch und Müller oder Biologic bieten Nachrüstsysteme an, um mit dem Nabendynamo Smartphones oder Navigationsgeräte aufzuladen. Diese Systeme müssen dann allerdings umständlich am Rahmen befestigt werden und sind leichte Beute für Diebe. Beim Plug von tout terrain steckt die gesamte Elektronik im Steuerrohr oberhalb der Vorderradgabel - sichtbar ist nur die USB-Buchse ganz oben am Lenker.

Ein Schnellladegerät ist "The Plug" freilich nicht. Bei der Testtour in Richtung Müritz brachte eine Stunde Fahrt beim iPhone ein Ladeplus von gerade mal zehn Prozent. Dank "The Plug" kann man jedoch bedenkenlos das GPS-Tracking einschalten, ohne fürchten zu müssen, dass der Akku im Nu leer ist. Der Ladezustand erhöht sich dabei sogar minimal. Sehr hilfreich für alle, die mit GPS navigieren oder ihre Wege aufzeichnen.

Der einzige wirkliche Minuspunkt am Modell Silkroad sind die Geräusche der Rohloff-Nabe. Sie treten am Testrad nur bei den unteren sieben Gängen auf. Die Nabe beginnt dann zu surren - ähnlich wie ein eingeschalteter Elektromotor. "Das hat mit dem Planetengetriebe zu tun", erklärt Hersteller Oliver Römer. Bei den niedrigen Gängen seien mehr Zahnräder involviert, das führe wegen unvermeidbarer minimaler Toleranzen mitunter zu mehr Geräuschen. "Es gibt aber auch Naben, da hört man nichts." Etwas mehr Öl in der Nabe löse das Problem häufig.

Zurück zur Ausgangsfrage: Sind die 3300 Euro für dieses Reiserad gut angelegt? Nun ja, das Silkroad ist ein solides, erstklassig ausgestattetes Rad mit sehr gutem Handling. Aber als Käufer kommen in erster Linie wohl nur Vielfahrer in Frage, die keine Kompromisse machen wollen. Bei allen anderen tut es ein deutlich günstigeres Reiserad genauso. Zum Beispiel auch ein ansonsten gleich ausgestattetes Silkroad mit Shimano-LX-Kettenschaltung. Das kostet 900 Euro weniger.

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insgesamt 74 Beiträge
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1. Ein schönes Rad...
Jonny_C 17.07.2012
Zitat von sysopHolger DambeckLuxus-Nabenschaltung, Edelstahl-Gepäckträger, iPhone-Ladestation - willkommen in der Oberklasse der Reiseräder! Im Test musste das Modell Silkroad von toutterrain beweisen, ob es seine mehr als 3000 Euro wert ist. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,842384,00.html
...mit durchdachten Gimmicks. Diese Art Räder sind einfach "unkaputtbar". Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings - das Gewicht. Für mich ist das Rad 3-4 kg zu schwer. Ich hatte mir von Patria ein Reiserad speziell für meine Größe und Bedürfnisse "anfertigen" lassen, auch mit allen genannten Extras. Nach 2 Touren habe ich dieses Reise-Fahrrad wieder verkauft, es war mir persönlich mit 16,8 kg einfach zu schwer. War mein Fehler, das Gewicht hatte ich im Konfigurationsrauch schlicht vergessen. Jetzt verrichtet ein Crosscountry-Alurahmen, auch mit allen Anbauten, allerdings leichtere, (Titanschrauben usw.) klaglos seinen Dienst, bei einem Gewicht von "nur" 12,6 kg. Ich merke das an jedem Anstieg.........
2. Zu Schwer
wrzlbrnft 17.07.2012
Gerade mit der Rohloff wird es noch schwerer. Nach meiner Erfahrung wird diese Nabe auch überschätzt mir ist Kettenschaltung wesentlich sympathischer. Auch der Tipp mit weniger Kurt in den Reifen ist grenzwertig, die Gefahr einer Reifenpanne steigt dann.
3. Das wäre sofort...
velophil 17.07.2012
...meins! Mit wenigen Ergänzungen das für mich perfekte Rad wahrscheinlich für das restliche Radlerleben: Ergon-Griffe, ein schöner Ledersattel, Kombipedale, zweiter Flaschenhalter, Schmutzfänger am vorderen Schutzblech. Das USB-Dingens ist auf Reisen nicht verkehrt, spart Batterien für das Navi. Wesentlich besser kann es insgesamt eigentlich nicht mehr werden. Und leichter - ja, das ist schön, aber auch so kann man einen flotten Stiefel fahren. Das Geld ist es in jedem Fall wert, aber selbiges will auch erwirtschaftet werden...
4. Spezialrad
billger 17.07.2012
Zitat von sysopHolger DambeckLuxus-Nabenschaltung, Edelstahl-Gepäckträger, iPhone-Ladestation - willkommen in der Oberklasse der Reiseräder! Im Test musste das Modell Silkroad von toutterrain beweisen, ob es seine mehr als 3000 Euro wert ist. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,842384,00.html
Ich besitze ein ähnliches Reiserad, allerdings ohne Rohloff-Nabenschaltung. Es hat dadurch nur ca. die Hälfte gekostet. Ich wollte es als Universalrad verwenden, sowohl für längere Ausflüge als auch für kurze Touren im Großstadtverkehr. Leider musste ich feststellen (hm, hätte ich mir eigentlich auch vorher denken können), dass Reiseräder Spezialräder sind, die wirklich nur für Reise geeignet sind. Im Großstadtverkehr stören das hohe Gewicht (schwer die Bahnsteigtreppe zur S-Bahn hochzuwuchten), die schlechtere Wendigkeit (dafür Top-Geradeauslauf), die schlechte Verkehrsübersicht (man liegt doch ziemlich vorgebeugt) und die eigenartige Radgeometrie (das Hinterteil ist etwas länger als normal und sehr massiv, man sitzt dafür näher am Vorderrad; das gibt ein eigenartiges Lenkgefühl). Ich musste mir deshalb ein zweites Rad zulegen, das deutlich häufiger zum Einsatz kommt und viel billiger war. Fazit: Reiseräder sind Spezialräder, die sich eigentlich nur für lange Touren mit viel Gepäck eignen. Es sind keine Every-Day-Räder.
5. Irrtum
der_Pixelschubser 17.07.2012
Die Annahme, dass Gepack am Vorderrad ein Fahrrad unruhiger laufen ließen, ist ein weit verbreiteter Irrtum, das Gegenteil ist der Fall: Lowrider mit den entsprechend passenden Taschen erhöhen aufgrund ihrer Masse die Trägheit auf dem Vorderrad, so dass dieses besonders bei schnellerer Fahrt nicht so leicht ins Schwingen und Schlingern kommt. Es ist durchaus ratsam, im Verhältnis etwas mehr (oder schwereres) Gepäck in die vorderen Taschen zu packen, da damit der Schwerpunkt des Rades insgesamt weiter nach unten verlagert wird. Gepäck auf dem hinteren Träger hängt höher, der Schwerpunkt des Rades dadurch auch, was umsomehr Kraftaufwand erfordert, das Rad in der Senkrechten zu halten - die Rache kommt dann bei Steigungspassagen, wenn der Radler im Wiegetritt versucht, den Berg zu erklettern. Liegt der Schwerpunkt weiter unten, wird's leichter - einfachste Physik.
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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.


Ausstattung des Testrads
Rahmengröße: XL
Schaltung: Rohloff Speedhub Silber
Scheibenbremse: Shimano M505/M445 180/ 160
Felgen: Rigida Andra 210 26 Zoll
Reifen: Schwalbe Marathon 26 x 2.0
Low Rider: Tubus Duo
Preis: 3336 Euro
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