Von Holger Dambeck
Dieses Fahrrad kostet so viel wie ein Gebrauchtwagen. Man kann damit in den Urlaub fahren, denn der Gepäckträger schultert 40 Kilogramm. Und iPhone-Junkies können ihr geliebtes Smartphone beim Radeln aufladen. Aber lohnt es sich wirklich, dafür mehr als 3000 Euro auszugeben? Wir haben das Modell Silkroad des Herstellers tout terrain getestet, das zu den besten Reiserädern der Welt zählen will.
Der Radweg Berlin-Kopenhagen ist dafür wie geschaffen. Wechselnder Straßenbelag, Wald- und Sandwege. Und immer mal wieder kurze Anstiege. Ein paar Kilometer hinter dem Städtchen Fürstenberg kommt die erste Bewährungsprobe. Der Radweg biegt von der Straße nach links ab - es geht extrem steil auf einen kleinen Hügel rauf. Zum ersten Mal kommt hier der erste Gang zum Einsatz. Ein kurzes Drehen am Griff, und man kriecht den Anstieg im Schneckentempo hoch.
Sagenhafte 14 Gänge bietet die Rohloff-Nabenschaltung im Hinterrad. Sie ist einer der Gründe für den hohen Preis, denn die Nabe allein schlägt mit rund 1000 Euro zu Buche. Die Rohloff-Schaltung ist natürlich purer Luxus. Ein Mountainbike mit Kettenschaltung bietet einen vergleichbaren Übersetzungsumfang. Und die Kettenschaltung ist zudem leichter und in der Regel auch billiger.
Der stolze Preis des Silkroad hängt auch mit dem Rahmen zusammen: Er kommt nicht von der Stange aus Taiwan, sondern wird handgefertigt. Beim Material setzt tout terrain konsequent auf Stahl. Dieser ist bei starken Belastungen - etwa auf schlechten Wegen - auf Dauer einfach deutlich haltbarer als sprödes Aluminium. Und im eher unwahrscheinlichen Fall eines Rahmenbruchs fernab von zu Hause hilft immer noch ein Schweißgerät - beim sensiblen Material Aluminium geht das nicht so einfach.
Bis zu 16 Kilo Gewicht
Eine Besonderheit des Rades ist der fest an den Rahmen geschweißte Gepäckträger. Das macht ihn besonders steif. Der Gepäckträger besteht aus rostfreiem Edelstahl. Eine gute Idee, denn Radtaschen scheuern den Lack ziemlich schnell ab.
Der Name Silkroad, Seidenstraße, ist Programm. Es ist ein Bike für Radwanderer, die es in die Ferne zieht. Tout terrain - eine kleine Fahrradschmiede aus Gundelfingen bei Freiburg -, will Räder bauen, die einen möglichst nie im Stich lassen.
Das Modell wiegt je nach Größe und Ausstattung zwischen 14 und 16 Kilogramm - ein guter Wert für ein Reiserad mit Lichtanlage und extra breiten Reifen.
Wie aber fährt sich das 3000-Euro-Bike? Auf der Straße rollt es sehr stabil. Auch auf holprigen Wegen vermittelt der Spezialrahmen einen äußerst soliden Eindruck. Alles andere wäre auch eine Enttäuschung. Das Rad ist voll bepackt, aber der Rahmen bleibt steif und verzieht sich nicht. Auf extrem holpriger Strecke macht das Silkroad allerdings keine so gute Figur. Hier hilft dann nur, etwas Luft von den Reifen abzulassen.
Als sehr praktisch erweist sich die USB-Buchse am Lenker - eine Eigenentwicklung von tout terrain mit dem Namen "The Plug". Heutzutage gibt es ja kaum noch Räder, die nicht mit einem Nabendynamo ausgerüstet sind. Dieser liefert normalerweise Strom für Vorder- und Rücklicht.
Nach einer Stunde zehn Prozent mehr im Akku
Doch man kann die Energie aus der Vorderradnabe auch für andere Zwecke nutzen. Hersteller wie Busch und Müller oder Biologic bieten Nachrüstsysteme an, um mit dem Nabendynamo Smartphones oder Navigationsgeräte aufzuladen. Diese Systeme müssen dann allerdings umständlich am Rahmen befestigt werden und sind leichte Beute für Diebe. Beim Plug von tout terrain steckt die gesamte Elektronik im Steuerrohr oberhalb der Vorderradgabel - sichtbar ist nur die USB-Buchse ganz oben am Lenker.
Ein Schnellladegerät ist "The Plug" freilich nicht. Bei der Testtour in Richtung Müritz brachte eine Stunde Fahrt beim iPhone ein Ladeplus von gerade mal zehn Prozent. Dank "The Plug" kann man jedoch bedenkenlos das GPS-Tracking einschalten, ohne fürchten zu müssen, dass der Akku im Nu leer ist. Der Ladezustand erhöht sich dabei sogar minimal. Sehr hilfreich für alle, die mit GPS navigieren oder ihre Wege aufzeichnen.
Der einzige wirkliche Minuspunkt am Modell Silkroad sind die Geräusche der Rohloff-Nabe. Sie treten am Testrad nur bei den unteren sieben Gängen auf. Die Nabe beginnt dann zu surren - ähnlich wie ein eingeschalteter Elektromotor. "Das hat mit dem Planetengetriebe zu tun", erklärt Hersteller Oliver Römer. Bei den niedrigen Gängen seien mehr Zahnräder involviert, das führe wegen unvermeidbarer minimaler Toleranzen mitunter zu mehr Geräuschen. "Es gibt aber auch Naben, da hört man nichts." Etwas mehr Öl in der Nabe löse das Problem häufig.
Zurück zur Ausgangsfrage: Sind die 3300 Euro für dieses Reiserad gut angelegt? Nun ja, das Silkroad ist ein solides, erstklassig ausgestattetes Rad mit sehr gutem Handling. Aber als Käufer kommen in erster Linie wohl nur Vielfahrer in Frage, die keine Kompromisse machen wollen. Bei allen anderen tut es ein deutlich günstigeres Reiserad genauso. Zum Beispiel auch ein ansonsten gleich ausgestattetes Silkroad mit Shimano-LX-Kettenschaltung. Das kostet 900 Euro weniger.
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