Sotschis "Toiletten-Gate": Das Klo und der Shitstorm

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Der erste Skandal der Olympischen Spiele 2014 war ein Toilettenfoto: Ein BBC-Reporter lichtete zwei Kloschüsseln ohne Trennwand ab und sorgte damit für viel Häme - und für eine Mini-Krise der britisch-russischen Beziehungen.

REUTERS

Selbst bei Massenveranstaltungen wie Olympia zieht es den Gast aus dem Westen gelegentlich zu Orten, an denen er ganz für sich ist. Er verlässt sie dann mit einer gewissen Erleichterung, bevor er sich wieder in den Trubel stürzt.

Womöglich ist das dem Individualismus moderner Gesellschaften geschuldet. Am kulturellen Erbe Europas kann es nicht liegen: Schon die alten Griechen kannten Massenlatrinen. Auch die Römer nahmen bereitwillig Platz auf Schüsselbatterien, ohne Trennwand und ohne Scheu vor dem Nachbarn.

Die Wettkämpfe in Sotschi haben noch nicht begonnen, doch die Winterspiele haben bereits einen ersten internationalen Skandal. Einen, der zum Himmel stinkt, so sehen das russische Patrioten. Ein Reporter der BBC hat ihn ausgelöst, fast im Vorbeigehen. Die Briten sind seit langem der Lieblingsfeind von Russlands Falken.

"Toiletten-Gate" haben russische Medien die Affäre genannt. Sie hat den Organisatoren der Spiele Kopfzerbrechen bereitet und auch Männern in Moskaus Außenministerium. Dabei hat die BBC sie mit einer eher profanen journalistischen Arbeit ausgelöst: durch ein Handy-Foto eines Klos.

Steve Rosenberg hat es geschossen, er arbeitet seit 1991 als Korrespondent in Russland. Er weiß um die Befindlichkeiten im Riesenreich. Den Briten trauen die Russen noch weniger über den Weg als den Amerikanern. Der Nationalist Wladimir Schirinowski wollte sogar schon mal eine Art riesige Toilettenspülung betätigen, um sich der Briten zu entledigen. Der Rechtsausleger schlug vor, Atombomben über dem Nordatlantik zu zünden, die Flutwelle sollte dann die britischen Inseln überrollen.

Zwei Schüsseln, keine Trennwand

Bei einem Besuch in Krasnaja Poljana, dem Ausrichtungsort der Ski-Wettkämpfe, schoss Rosenberg ein Foto einer winzigen Herrentoilette. Er sehe wohl doppelt und twitterte seine Entdeckung an 8000 Follower. Rosenbergs Aufnahme zeigte zwei Toilettenschüsseln, zwei Spülungen, aber keine Trennwand.

Das Bild wurde in kürzester Zeit 2400-mal von anderen Twitter-Nutzern an ihre Freunde weitergeleitet. Es verbreitete sich viral, weil es wirkte wie ein Symbolbild dieser Spiele: für Fehlplanungen, für sinnlos ausgegebenes Geld. Wer kommt schon auf die Idee, aus seinem privaten Geschäft eine Sitzung mit mehreren Teilnehmern zu machen?

Die großen Medien wurden aufmerksam. "Russland hat Toiletten für die Olympiade, aber die Privatsphäre könnte ein Problem werden", schrieb die Zeitung "USA Today". "Doppel-Klo in Sotschi ein Symbol für Russlands Verschwendung", meldete Yahoo.

Bald tauchten im Internet hämische Fotomontagen auf: ein Tandem-Klo mit Fotos von Präsident Wladimir Putin und Premier Dmitrij Medwedew etwa. "Ein Sitz ist für den Sportler", spottete ein Blogger, "der andere ist für den KGB-Offizier, der ihn beobachtet."

Unter russischen Patrioten sorgte das für Ärger. Das Foto war für sie nur ein weiteres Beispiel für die Missgunst westlicher Medien. Ein Manöver, um die Spiele in den Schmutz zu ziehen und Russland zur Lachnummer zu machen.

Sensationslüsternes Russland-Bashing?

Der Blogger Sergej Nikitinski machte den Zorn öffentlich und geißelte die "Sensationsgier der BBC". Auf Rosenbergs Foto seien klar Reste einer Trennwand zu erkennen: ein heller Streifen an den Wandfliesen zwischen den Schüsseln. Die BBC verbreite nur Dreck über Olympia. 60 Prozent seiner Leser pflichteten Nikitinski bei. Webseiten vermeldeten: "Es gibt keine Doppeltoilette!" Nun stand plötzlich Reporter Rosenberg am Pranger, als sensationslüsterner Russland-Basher. Über die BBC zog ein Shitstorm hinweg.

Dazu passte, dass bald andere Fotos des Örtchens auftauchten. Sie zeigten die Toilette ohne Schüsseln, dafür vollgestellt mit Containern und Säcken. Die Organisatoren verkündeten, die Trennwand sei demontiert worden, weil die Toilette zum Lagerraum umgebaut wurde. Rosenberg habe das Foto in einer Pause der Bauarbeiten gemacht.

Die Theorie könnte die Ehre der Planer retten. Sie hat nur einen Haken. Es gibt noch mehr Zwillingsklos. In den Unterkünften der akkreditierten Journalisten am Olympiapark stehen zwei Schüsseln einträchtig nebeneinander. Falls hier eine Trennwand geplant war, fehlt für ihre Installation der nötige Platz.

Unter Mitarbeitern des russischen Außenministeriums kursiert noch eine zweite Erklärung, wie es zum "Toiletten-Gate" kommen konnte. In Wahrheit sei in dem Herren-WC ein zusätzliches Bidet geplant gewesen, die Handwerker aber hatten im Endspurt für die Spiele aber nur noch eine zweite Schüssel vorrätig. Vielleicht war der Plan für die Arbeiten in Sotschi auch einfach nur so eng, dass keine Zeit mehr blieb, um Planungsfehler zu beheben.

Im ansonsten tadellosen Medienzentrum (kabelloses Internet, Snackbar, Hunderte PC-Arbeitsplätze) am Hafen von Sotschi sind die Kloschüsseln so nah an den Toilettentüren montiert, dass das Sitzen sehr unbequem ist: Die Knie stoßen an die Türen.

BBC-Mann Rosenberg wurde jedenfalls von höchster Stelle rehabilitiert. Bei einem Treffen zeigte er Russlands Olympia-Chef Alexander Schukow seinen Schnappschuss. Schukow reagierte mit russischem Humor: "Immerhin ist es Biathlon."

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insgesamt 111 Beiträge
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1. habe ich auch in der BRD so fotografiert
fd53 06.02.2014
und zwar in Objekten des öffentlichen Dienstes, inklusive Polizeidienststellen. Solche Musterbeispiele deutscher Wertarbeit bei Projektierung und Bau wurden mir von den Chefs unserer IT-Kunden gern mal so am Rande zur allgemeinen Erheiterung gezeigt. Noch besser sah im Mai 2007 eine öffentliche Toilettenanlage auf der thailändischen Insel Koh Chang aus, gelegen an einem kleinem Naturschutzpark. Dazu musste man von der Fähre zum Salakphet Resort fahren. Dort stehen alle Klobecken im Freien! Das Objekt hat zwar Zwischenwände (ohne Türen), einen Gang ( vollständig ohne Türen - also nicht erreichbar), aber keine Außenwände --- das ist kein Witz.
2.
Olaf 06.02.2014
Zitat von sysopREUTERSDer erste Skandal der Olympischen Spiele 2014 war ein Toiletten-Foto: Ein BBC-Reporter lichtete zwei Kloschüsseln ohne Trennwand ab und sorgte damit für viel Häme - und für eine Mini-Krise der britisch-russischen Beziehungen. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/sotschi-das-doppelte-klo-a-951824.html
Oh, ein 2 Zylinder. So etwas sieht man heutzutage selten, aber solange da eine Tür vor ist, die man von innen zusperren kann, ist es ja eigentlich egal.
3. optional
Nepheron 06.02.2014
Hätte man nicht vor dem Foto noch schnell die Bremsspur wegmachen können? Lecker!
4. Wohl das Photo nach der Sitzung geschossen...
korlik 06.02.2014
... oder warum ist die linke Keramik net mehr ganz so weiss??
5. Bischofsklo
rentner2012 06.02.2014
Hat nicht der Limburger Bischof auch ein Doppelklo einbauen lassen? Vielleicht sind die russischen Planer ja heimlich von der katholischen Kirche unterwandert? Oder ist das die Wahlmöglichkeit für Links- und Rechtshänder?
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Bauchaos in Sotschi: Hotelbau unter Hochdruck
Reisetipps für Olympia-Gäste in Sotschi
Tickets für die Wettbewerbe
Über die offizielle Ticketseite können nur in Russland wohnende Olympia-Fans Karten kaufen. In Deutschland bucht man bei dem offiziellen Ticketverkäufer Dertour, der auch eine Übersicht über alle Wettbewerbe und Eintrittspreise anbietet. Zusätzlich zum Ticket braucht jeder Zuschauer einen "Spectator Pass", den er im Vorfeld der Veranstaltung online über die Website pass.sochi2014.com beantragen kann oder in einem der Registrierungszentren, wo man ihn auch abholen und aktivieren lassen muss. Eine Übersicht der Adressen mit Lageplan ist ebenfalls auf pass.sochi2014.com abrufbar.
Anreise mit dem Auto
Fast 3000 Kilometer trennen Berlin und Sotschi. Entsprechend beschwerlich gestaltet sich die Anreise, wenn man nicht das Flugzeug nimmt. Etwa 34 Stunden dauert eine Autofahrt durch Polen und die Ukraine nach Russland. Aber Achtung: Auch der Verkehr in Sotschi selbst war zuletzt wegen der vielen olympiabedingten Baustellen stark beeinträchtigt - das Aufkommen während der Olympischen Spiele wird kaum geringer sein. Um die Lage auf den Straßen zur Zeit des Großereignisses etwas zu entspannen, darf der offizielle Olympia-Verkehr auf gesonderten Spuren fahren - wie in London im Sommer 2012.
Anreise mit der Bahn
Wer mit der Bahn nach Sotschi fahren möchte, muss von Berlin aus etwa 56 Stunden im Zug verbringen - das ist die kürzeste Verbindung, die die Deutsche Bahn und die russische Eisenbahn RZD anbieten. Mit dem Nachtreisezug EuroNight aus Paris (Halt unter anderem auch in Mannheim, Frankfurt am Main, Fulda, Hannover und Frankfurt (Oder)) gelangt man in etwa 24 Stunden nach Moskau. Je nach Verbindung geht es dann mit teils zwei- bis dreimal Umsteigen weiter nach Sotschi. Informieren kann man sich auf der Serviceseite der Deutschen Bahn, buchen nur in den Reisezentren.
Anreise mit dem Flugzeug
Lufthansa bietet vom 24. Januar bis zum 17. März Direktflüge von Frankfurt am Main aus an, die dreieinhalb Stunden dauern. Die russische Airline Orenair fliegt von Ende Januar bis Anfang März von Frankfurt am Main, München und Düsseldorf nach Sotschi. Eine Alternative ist der Umweg über Moskau: Unter anderem Air Berlin, Lufthansa und German Wings fliegen einen der drei internationalen Flughäfen der russischen Hauptstadt von Deutschland aus an, unter anderem von Hamburg, Berlin, München und Frankfurt am Main. Vom Flughafen Sotschi, der im 30 Kilometer entfernten Adler liegt, gelangt man per Zug, Taxi oder Shuttle ins Zentrum, zu den olympischen Stätten und zu den Unterkünften.

Eine weitere Möglichkeit ist die Verbindung Dresden-Krasnodar, die Hamburg Airways einmal wöchentlich anbietet. Von Krasnodar aus gelangt man per Zug oder mit dem Auto nach Sotschi.
Anreise mit dem Schiff
Auch eine Anreise per Schiff ist möglich, schließlich liegt Sotschi am Schwarzen Meer. Direkte Seeverbindungen gibt es von Noworossijsk etwas weiter nördlich an der Küste (circa dreieinhalb Stunden) sowie vom südlich gelegenen Trabzon in der Türkei (je nach Boot viereinhalb bis zwölf Stunden). Informationen zu möglichen Verbindungen gibt es auf der offiziellen Seite des Hafens von Sotschi.
Unterkünfte
Man sollte sich gut überlegen, wo man unterkommt: In Sotschi herrscht schon ohne Olympia-Gäste großes Verkehrschaos. Die Stadt ist mit 147 Kilometern der längste Kurort der Welt, und die beiden Wettkampf-"Cluster" in den Bergen und an der Küste nahe dem Flughafen liegen 48 Kilometer auseinander.

Sotschi ist ein beliebter Kur- und Badeort mit vielen Hotels, Pensionen und andere Unterkünften, die auch über Plattformen wie Booking , HRS oder Hotels.com im Internet buchbar sind. Die offizielle Website der Olympischen Spiele bietet ebenfalls eine Zimmervermittlung an.

Unterkünfte auf sieben schwimmenden Hotels sind direkt beim Veranstalter reservierbar: Die Kreuzfahrtschiffe der russischen TUI-Travel-Tochteragentur Svoy TT liegen vom 5. bis zum 24. Februar vor Sotschis Schwarzmeerküste. Jeweils bis zu tausend Passagierplätze liefern sie laut der Nachrichtenagentur Ria Novosti. Komplettpakete aus Übernachtungen auf dem Schiff plus Flug bietet Dertour an.
Benötigte Papiere
Wichtig bei Russland-Reisen: Der Reisepass muss noch sechs Monate gültig sein, zudem braucht man ein Visum. Das Russische Visazentrum in Berlin braucht zwischen vier und 20 Kalendertagen für die Bearbeitung. Bei einer erhöhten Gebühr (95 statt 60 Euro) verkürzt sich die Zeit auf ein bis drei Arbeitstage. Auch spezielle Visaagenturen können ein Visum beantragen. Informationen gibt es bei der russischen Botschaft und über das Auswärtige Amt. Vor der Einreise muss man zudem eine "Migration Card" ausfüllen, von der man einen Abschnitt für die Dauer des Aufenthalts zurückerhält und bei der Ausreise wieder abgeben muss.
Kleidung und Wetter
Sotschi wirbt mit einem "milden subtropischen Klima, hohen Bergen mit viel Grün, einem warmen azurblauen Meer, heilenden mineralischen und Matsesta-Quellen". Die Stadt sei "einer der besten Küsten- und balneologischen Erholungsorte weltweit" - und aufgrund der umgebenden Berge zudem ideal für Wintersport. Die Durchschnittstemperatur liegt im Winter bei acht bis zehn Grad Celsius. Besucher der Olympischen Spiele sollten darauf achten, sich richtig anzuziehen, heißt es auf der offiziellen Olympia-Seite. Das Wetter könne schnell umschlagen, und besonders in den Bergen sollte man sichergehen, warme und wasserdichte Kleidung zu tragen, um sich vor großen Mengen Schnee zu schützen.