Spanien: Heiliger Gral der Rioja

Von Ulrich Sautter

Wo der Ebro durch sein Tal mäandert, erstrecken sich in allen Himmelsrichtungen Weinberge: In La Rioja lag einst das Zentrum der Weinwelt. Heute geht es bei allem Stolz aufs Vergangene nicht mehr nur um Reservas und Gran Reservas. Die Zeichen stehen auf Umbruch.

Ein Morgen in Haro. Auf der Plaza de la Paz heben sich die Jalousien am Kiosk des Losverkäufers. Ins Seitenfenster klemmt der alte Mann einen handgeschriebenen Zettel – die Zahlen der gestrigen Lotterieziehung. Dann breitet er die Lose aus: ein Mosaik farbiger Schnipsel, die mit verschiedenen Bildern und Zahlen bedruckt sind. Mancher, der aus einem der Cafés kommt und über den Platz läuft, riskiert einen Blick. "La Ilusión nos une", wirbt das Plakat der Lotteriegesellschaft am Sockel des Häuschens: "Die Illusion eint uns". Illusionen sind erlaubt, Wunder aber sind nicht vorgesehen im Alltag von Haro, der Kleinstadt in der Provinz La Rioja.

Ebro-Tal: Weinberge in allen Himmelsrichtungen
Günter Beer

Ebro-Tal: Weinberge in allen Himmelsrichtungen

La Rioja ist eine Provinz ohne Glanz, doch gewiss nicht ohne Stolz. Am Ende des 19. Jahrhunderts lag hier das Zentrum der Weinwelt. Als in Bordeaux die Reblaus in den Weinbergen wütete, suchten die Weinhändler nach Ersatz: nach einem Roten von vergleichbarer Klasse – komplex, lagerfähig und elegant. Fündig wurden sie im Norden Spaniens, im Tal des Ebro, also zog es die Händler in Scharen nach La Rioja, mit Geld und technischer Unterstützung. Der Bahnhof von Haro wurde zum Knotenpunkt des Exports: Für Händler in aller Welt wurden hier die Fässer auf Waggons verladen.

Die Bahn spielt heute keine Rolle mehr für den Weinhandel, doch in Haros Bahnhofsviertel schlägt nach wie vor das Herz der Rioja: Die Namen der hier ansässigen Bodegas – unter ihnen die Gründerzeit-Originale López de Heredia, CVNE, La Rioja Alta und Bilbainas – wecken höchste Erwartungen. Und auch atmosphärisch ist das barrio de la estación so einzigartig wie die Rioja als Ganzes: Es dürfte schwerfallen, noch irgendwo anders solch eine Ansammlung herrschaftlicher Kellereigebäude auf engem Raum zu finden, einen selbstgenügsamen Komplex am Rande einer Kleinstadt, von den Weinbergen gleichermaßen isoliert wie vom Leben der Bewohner – halb das posthume Zerrbild einer mittelalterlichen Abtei, halb die Vorwegnahme eines Industriegebiets.

Der heilige Gral der Rioja

Hinter der Jugendstil-Fassade der Bodega López de Heredia halten Hunderte Kleinigkeiten die Erinnerung an jene große Zeit wach, als der Rioja auf der Weltbühne den Bordeaux vertrat. Im Empfangsraum stehen historische Flaschen auf einem Bord. "Viña Medokkia" liest man auf einem der Etiketten: die Verheißung eines Médoc aus der Rioja. "Viña Gravonia" heißt bis heute einer der Weißweine – die Anspielung an die "Graves" des Bordelais hat überdauert.

Eine Weile versuchte sich der Urgroßvater sogar an der Produktion eines edelsüßen Rioja im Yquem-Stil. Die Experimente wurden aufgegeben, an Bewährtem aus jener Zeit hält die Familie hingegen geradezu halsstarrig fest. Als vor ein paar Jahren die selbstkonstruierte Abbeermühle des Urgroßvaters den Geist aufgab, ließen die Nachfahren die Gerätschaft so detailgetreu wie möglich nachbauen, um jegliche Veränderung im Verlauf der Weinbereitung auszuschließen.

Was sich anhört wie die Allüre einer kleinen boutique winery, ist in Wahrheit der Anspruch eines 170-Hektar-Weinguts, den heiligen Gral der Rioja zu hüten. Die gutseigene Küferei restauriert regelmäßig Fässer und Gärbottiche, die schon ein Jahrhundert hinter sich haben. "Es geht dabei nicht um Folklore", erklärt Maria López de Heredia, während sie eine schmale Holzstiege in den Kellerstollen hinabsteigt. "Es geht um etwas Unersetzbares: die Mikroflora in den alten Hölzern und ihren Weinsteinkrusten." Sie ereifert sich: "Heute redet jeder über ursprüngliche Weine und über terroir– aber dieselben Leute verwenden Hefen aus dem Labor."

Die junge Frau stößt die Tür zu einem Quergang auf. Dort lagern Flaschenstapel in langen gemauerten Fluchten, überwachsen von Schimmel und Spinnweben. Weine, die allesamt erst in ein paar Jahren in den Verkauf kommen werden. Aktuell der jüngste Rotwein im Angebot ist eine Crianza des Jahres 1998. Die Reserva der Lage "Viña Tondonia" stammt von 1996, die Gran Reserva "Viña Bosconia" von 1981.

Artadi: In zehn Jahren zum Spitzenweingut

Auch wenn nicht alle Erzeuger ihren Wein so lange zurückhalten wie López de Heredia – das Selbstverständnis, Lieferant hochwertiger reifer Weine zu sein, pflegen die meisten Bodegas. Schließlich waren es Reservas und Gran Reservas, die den Weltruf des Rioja begründeten, das prägte die Wertmaßstäbe im Gebiet. Die so entstandene Qualitätspyramide hat jedoch eine Schwäche: Auch lieblose Massenweine dürfen sich "Reserva" oder "Gran Reserva" nennen, wenn sie nur die vorgeschriebenen Etappen der Fass- und Flaschenreife hinter sich gebracht haben.

Im baskischen Teil der Rioja, 30 Kilometer nordöstlich von Haro, ist einer der radikalsten Kritiker dieses Systems zu Hause: Juan Carlos López de Lacalle, Inhaber des Weinguts Artadi. Der quirlige Vierzigjährige nutzt für seine Weine weder die Bezeichnungen "Reserva" noch "Gran Reserva". Dennoch brachte er das Kunststück fertig, in etwas mehr als zehn Jahren eine ehemalige Genossenschaft als Spitzenweingut zu etablieren.

Lacalle bittet zu einer Spritztour zum Weinberg "El Pisón". Vom Kellereigebäude bis dorthin ist es kaum ein Kilometer. Am Ziel der kurzen Fahrt bietet sich dem Auge eine Idylle: ein kleines Stück Land, von einem Mäuerchen umfriedet, Senfsaat und Knoblauch wachsen zwischen den Reben, das kühle Steinmassiv der Sierra Cantabria zeichnet sich malerisch an den Horizont: "Mein Großvater hat diesen Weinberg 1945 gepflanzt", erläutert Lacalle, während er das rostige Eisengatter zum Weinberg mit einem quietschenden Geräusch aufschwingen lässt. "Der Boden ist reiner Kalkmergel. Das garantiert Qualität – eine Bezeichnung wie Reserva aber sagt doch letztlich gar nichts."

Orientiert an Weinen aus Übersee

Der Markt gibt Lacalle recht: "El Pisón" wird zu Preisen um die 100 Euro gehandelt, obwohl er nur als einfacher Jahrgangswein, als "Cosecha", etikettiert ist. Immerhin noch die Hälfte dieses Preises erlöst "Pagos Viejos" – eine Cuvée, die vom Ertrag alter Reben aus dem Bestand der ehemaligen Genossenschaft gekeltert wird, jährlich etwa 50.000 Flaschen. Erinnerungen an die Toskana der achtziger Jahre werden wach, als Super-Tafelweine den offiziell höher stehenden Appellationen den Rang abliefen.

Mit ihrer Fleischigkeit, ihrem überbordenden Körperreichtum und ihrer prononcierten jugendlichen Frucht stehen Weine wie "Pagos Viejos" für eine Neu-Interpretation des Rioja – konservativ zwar in ihrer Beschränkung auf Tempranillo und andere einheimische Rebsorten, stilistisch jedoch eher an Weinen aus Übersee orientiert.

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