St. Helena nach Flughafeneröffnung Vulkaninsel im Aufschwung

Der Mix aus rauer Landschaft und perfekter Ruhe ist es, der St. Helena besonders macht. Daran ändern auch die wenigen Flugpassagiere nichts, die seit Oktober auf der britischen Vulkaninsel im Atlantik landen können.

TMN

"Es könnte gleich einen kurzen Moment des Unbehagens geben", kündet die Stewardess beim Anflug auf St. Helena an. Die Landung auf der windigen Vulkaninsel im Südatlantik ist ruppig. Das britische Überseegebiet wird erst seit Oktober 2017 einmal wöchentlich von Linienflügen angesteuert - falls das Wetter mitspielt. Im Obergeschoss des brandneuen Terminals stehen Inselbewohner dicht gedrängt, sie warten auf Gäste und Familienangehörige.

Derek Richards gehört dazu. Er betreibt seit vergangenem Jahr mit seiner Frau Linda ein kleines Gästehaus in St. Pauls, zehn Autominuten von der Hauptstadt Jamestown entfernt. Die beiden Zimmer der Herberge sind ans Wohnhaus angebaut, gegessen wird gemeinsam mit den Gastgebern.

"Ich hatte es schon lange vorher geplant, aber die Leute kamen ja nicht regelmäßig", erklärt der 52-Jährige. Der Flughafen, sagt er, habe die gesamte Dynamik der Insel verändert. Sie sei nun nicht nur für Touristen besser erreichbar, sondern auch die Einheimischen hätten es leichter, in den Rest der Welt zu gelangen. "Du bist nicht mehr fünf Tage auf einem Boot, wenn du in den Urlaub fahren willst."

Das britische Postschiff "RMS St Helena" verband die Insel seit 1990 mit dem Mutterland und vor allem mit dem näher gelegenen Hafen Kapstadt in Südafrika. Die monatliche Ankunft von Fleisch, Gemüse, Medikamenten - und schon immer auch ein paar Reisender - bestimmte über Jahrzehnte den Puls der Insel. Am 10. Februar 2018 quittierte das Schiff den Dienst. Knapp 80 Flugpassagiere landen nun wöchentlich.

Brexit gefährdet EU-Förderprogramme

Auf der Insel hofft man nun, dass Tourismus die Wirtschaft ankurbelt und so die Abhängigkeit von der britischen Regierung verringert. Investiert wurde bereits kräftig, sowohl von Privatleuten wie den Richards als auch seitens der Inselregierung. Letztere hat im Stadtzentrum drei historische Reihenhäuser renovieren lassen, miteinander verbunden und darin ein elegantes Hotel eröffnet. Zunächst habe man versucht, private Investoren zu finden, erzählt Gouverneurin Lisa Phillips. Die hätten aber erst mit der Flughafeneröffnung Interesse gezeigt.

Philipps lädt ein zum Gespräch in ihrem Bürosaal im Castle, ursprünglich eine der ersten Befestigungsanlagen, die die Briten errichtet hatten. Vor den Fenstern in der Bucht liegen die Boote der Fischer und ein paar Jachten auf einem spiegelglatten Atlantik. An der Wand hängt ein Bild der Queen. Die Gouverneurin klagt über die Auswirkungen des bevorstehenden Brexits, der jetzt schon die Nahrungsmittelimporte verteuert habe und die Fortsetzung der EU-Förderprogramme auf St. Helena gefährde.

Wirklich abgekoppelt von Europa war die gern als "abgelegenster Ort der Welt" beworbene Insel aber ohnehin schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Den Portugiesen, die sie 1502 entdeckten, diente der unbewohnte und insgesamt nur 121 Quadratkilometer große Flecken Land zunächst als Versorgungsstation. Dann balgten sich vor allem Holländer und Engländer um das Eiland. 1657 übergab die britische Krone die Rechte zur Verwaltung St. Helenas an die Britische Ostindien-Kompanie. Die Besiedlung begann.

Auf den Straßen grüßt jeder der nur 4500 Einwohner jeden. Gesprochen wird ein Englisch, das die Inselbewohner Saint nennen und das an eine gejodelte Mischung aus schottischem Hochlandkauderwelsch und US-Südstaaten-Slang erinnert. Staus und schimpfende Verkehrsteilnehmer gibt es nicht - und kann es auch nicht geben, weil man sich ja kennt und sicher schon bald wieder sieht. Die Kriminalität ist niedrig, die Einwohner schließen nicht einmal ihre Autos ab.

Schnorcheln neben Walhaien

Vor 200 Jahren war es dieses Provinzielle, das den berühmtesten Inselbewohner wider Willen - Napoleon Bonaparte - auf die Palme brachte. Von 1815 bis zu seinem Tod 1821 lebte der französische Militärdiktator auf St. Helena, zwar verbannt und bewacht von den Briten, aber durchaus in gehobenem Stil. Edle Weine aus Madeira und Kapstadt sowie Schinken aus Spanien seien Napoleon geliefert worden, berichtet Trevor Magellan. "Er konnte sich auch frei bewegen, aber wo konnte er schon hin?"

Magellan, schon lange Rentner, führt heute zweimal die Woche Touristen durch das Gästehaus, in dem Napoleon die ersten sieben Wochen seines Aufenthalts lebte. Seitdem der Flughafen eröffnet wurde, hat er viel zu tun: 32 Besucher seien in der vergangenen Woche gekommen, heute allein schon wieder 25, wie er stolz berichtet. Zuvor aber - das gibt er zu - ist er manchmal ganz allein geblieben.

Wer Einsamkeit sucht, müsste heute aus Jamestown hinausfahren. Denn der Ort mit seiner Einkaufsstraße und dem kleinen Hafen ist das Zentrum der Insel. Von hier legen die Boote ab, die Taucher zu den Riffen bringen, wo sich Doktorfische, Felsenbarsche und Muränen tummeln. Hauptattraktion zwischen November und März sind die gigantischen Walhaie, die als Planktonfresser schnorchelnde Wegbegleiter tolerieren.

Frühmorgens legen die alten Fischerkähne aus der Bucht ab. Peter Benjamin ist einer von nur noch sieben Berufsfischern, die zunächst im Schutz der Nacht die scheuen Köderfische und anschließend dicke Gelbflossenthunfische fangen. Wann immer es geht, nimmt er dazu auch Gäste mit. Einen Fischfinder hat der 57-Jährige nicht an Bord. "Wenn du 41 Jahre zum Fischen gefahren bist, hast du das im Kopf", sagt Benjamin. Bald umkreisen die Meeresräuber das Boot förmlich.

Gästehauseigner Derek Richards will die Inselatmosphäre nicht mehr missen. Für mehrere Monate hat er in England gearbeitet, doch dort zu bleiben, kam für ihn nicht in Frage. Mit einem Glas Weißwein in der Hand steht er am South West Point, dort wo das ruhigere Wasser der Nordküste auf die rauen Wellen trifft, die aus Südosten heranrollen. Ein St.-Helena-Regenpfeifer fliegt auf, der Wappenvogel der Insel. Irgendwo Richtung Brasilien geht über dem endlosen Meer die Sonne unter.

Eine knappe Stunde lang ist Richards über zerfurchte Feldwege an diesen Ort gefahren, nur für diesen Moment. "Ich liebe diesen Ort", sagt er. "Wo könnte ich so etwas in Großbritannien jemals haben?"

Christian Selz, dpa

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bocuse_AK 13.03.2018
1. "Gesprochen wird ein Englisch, ...
das die Inselbewohner Saint nennen und das an eine gejodelte Mischung aus schottischem Hochlandkauderwelsch und US-Südstaaten-Slang erinnert." Danke an den/die Autor/in für diese wundervolle Beschreibung! Ich denke, das muss man mal selbst gehört haben - ergo steht St. Helena ab sofort auf der engeren Liste für den übernächsten Urlaub.
kalumeth 13.03.2018
2. Sche..ss was auf Klimawandel
..wir fliegen hin!! Soll'n doch die andern sparen. Sowieso ist's China (und die pöhesn Amis) in Schuld, wenn die Küste von BanglaDesh absäuft. Wir Deutschen reiben unsere Hände in Unschuld!
hisch88 13.03.2018
3. Postschiff
Ich würde das Postschiff vermissen, wenn ich nochmals auf die Reise dorthin gehen würde. Ca. 20 Kabinen (hab sie nicht gezählt) mit tollen Leuten auf dem doch kleinen und gemütlichen Schiff mit ausgezeichnetem Essen und Service. Der Kontakt zwischen all den Leuten und der besatzung war nach 2 Tagen vollendet, ein Familiäres Verhältnis ist entstanden. Auf der Insel blieb man 8 Nächte bis das Schiff wieder von der Ascension Island zurückkam wo sich die RAF niedergelassen hatte.. Die Insel ist herrlich zum Wandern, Mietwagen sind auch zu bekommen, Straßen sind wie in Schottland meist einspurig. Den Regenpfeifer den der Autor anmerkte, ist der "The Wire Bird". öfters zu sehen, wenn man wandert. Die Unterkunftspreise sind aufgrund der Insellage relativ teuer, außer man geht in eines der wenigen Hostels. Ein erneuter Inselbesuch immer gerne, aber das Postschiff, wie gesagt, würde ich missen. Was das "Saint-" Englisch angeht, war das recht gut verständlich.
Berliner42 14.03.2018
4.
Der "abgelegenste Ort" ist das administrativ zu St.Helena gehörende Tristan da Cunha. Da leben nur knapp 300 Leute und es ist noch weiter zur nächsten Siedlung.
BlogBlab 14.03.2018
5. Fernão Lopes
Wenn von St. Helena berichtet wird, findet ja immer Napoleon Erwähnung, der dorthin verbannt worden war. Mindestens genau so interessant, aber kaum bekannt, ist jedoch die Geschichte des Fernão Lopes, ein Portugiese, der als erster wirklicher Robinson Crusoe gilt, da er dort 1515 von Schiff gegangen ist und allein 30 Jahre auf der einsamen Insel gelebt hat, bis er 1545 da verstarb. Er war nach 10 Jahren zwischenzeitlich mit einem Schiff, das sich vor Ort mit Wasser versorgte, nach Portugal zurückgefahren, nach kurzer Zeit aber wieder nach St. Helena zurückgekehrt. Es muss dort also wie im Paradies gewesen sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.