Zeelands Strände Einsame, einsame Niederlande

Kaum ein Land der Welt ist dichter besiedelt als die Niederlande. Wer die entvölkerten Strände in der kalten Jahreszeit erlebt, glaubt das kaum. Das kann rau sein, ist aber wunderschön.

Frank Patalong

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Das Meer, ich weiß das, liegt da hinter Deich oder Düne: ein steiler, mit knorrigen Büschen bewachsener Hügel, der jede Sicht auf die Weiten des Meeres verbaut, wie fast überall an der Nordsee. Hier und da führen Treppen hinauf, und natürlich schwingen sich Fahrradwege in leichten Bögen zur Krone auf.

Es ist kühl und fast nichts zu hören: Heute weht der Wind auflandig, noch laufen wir im Windschatten der Küstenbefestigung. Bis wir oben sind. Es ist, als wollte uns die Böe zurückdrücken, man muss sich in den Wind lehnen. Feucht springt uns die Kälte an: "Wow! Nichts wie runter!"

Hinab an den Strand, denn da ist das weniger heftig. Nur einen Augenblick noch, das muss man sich doch ansehen: Grau und vom Wind zu Wellen aufgepeitscht liegt das Meer vor uns und geht da, wo der Horizont sein muss, in einen Himmel gleicher Farbe über. Hier und da schießen große Möwen mit einer Geschwindigkeit, die unnatürlich scheint, mit mächtig Rückenwind durch die Luft.

Die langen Doppelreihen der dunklen Buhnen, in Strand und Meerboden gerammte Holzpfähle, strecken sich rechtwinklig vom Strand weg ins Meer. Sie stehen in regelmäßigen Abständen Spalier und sichern die Küste: Gleich werden sie unsere Entfernungsmesser sein. Denn am menschenleeren, scheinbar unendlich langen Strand ist die Distanz sonst kaum einzuschätzen. Ist das ein Kilometer bis zu dem Pavillon, dessen Lichter da so einladend leuchten, oder mehr? Vier Buhnenreihen jedenfalls, das ist die Maßeinheit der winterlichen Strandwanderung.

Von Friesland im Norden bis Zeeuws-Vlaanderen im Süden (siehe Karte unten) haben die Niederlande einen Rand aus Sand: Das Gros der niederländischen Küste ist von langen, meist sehr geraden Stränden geprägt. Ich mag vor allem die im Süden, wo die "Finger" von Zeeland für eine abwechslungsreichere, mitunter zerfurchte Küstenlinie sorgen. Anders als im äußerst dicht besiedelten Norden, wo sich teils selbst Hochhäuser bis an die Strände drängen, sind Zeelands Örtchen noch immer ländlich geprägt: bäuerlich im Inland, flach bebaute Fischerdörfchen an der Küste.

Selbst die größten und traditionsreichen Seebadeorte haben sich viel von diesem Charme bewahrt. Klar, im Sommer ist der Strandparty-Ort Renesse fast ein Vorort von Dortmund (eine Art Nah-Ballermann für das Ruhrgebiet). In der kalten Jahreszeit aber flitzen da allenfalls Strandsegler und Golden Retriever über die endlosen Sandflächen.

Zeelands Süden: Auf Walcheren kann man die Seele baumeln lassen

Je weiter südlich man kommt, desto originärer und einsamer wird es. Ganz im Süden liegt die Halbinsel Walcheren, der südlichste "Finger" von Zeeland. In Domburg, ganz offiziell Seebadeort seit 1834, reiht sich zwar Hotel an Hotel, Kneipe an Kneipe, aber die Stimmung ist relaxed und - ja - gemütlich: Man sitzt im beheizten Wintergarten und wärmt sich auf nach dem Strandspaziergang. In Honig marinierte, leicht scharf angewürzte Rippchen dampfen auf dem Teller und Glühwein im Glas.

Weiter westlich wird es immer kleiner: Zoutelande, das den einzigen Südstrand der Niederlande besitzt, ist winzig, aber beispiellos schön: Die Strandpromenade im Ortskern ist keine 250 Meter lang. Zwei Kneipen sind offen im Winter, manchmal die Eisdiele, eine Pommes- und Kibbeling-Bude (isst man natürlich mit Knoblauchsauce!), der Fischhändler, der Souvenirladen.

Zwei Strandpavillons (De Branding und De Zeeuwse Riviera) markieren West- und Ostende. Die oft auf Stelzen im Sand stehenden Holzrestaurants motivieren zu Wanderungen, selbst wenn der Wind rau weht: Wie Almhütten in den Alpen sind sie hier die Orte der Belohnung für alle Mühen. In Zeeland findet man die Hütten auch zwischen den Ortschaften. Viele sind im Winter allerdings eingeschränkt geöffnet: Das Web weiß da genau Bescheid (einfach Ortsname und "strandpaviljoen" eingeben).

Tapfere sitzen dort draußen auf den riesigen Terrassen, Plexiglasscheiben brechen den Wind. Drinnen tummeln sich überraschend viele Besucher, solange es hell ist. Kinder und Hunde laufen herum, was niemanden stört: Das sieht man hier locker. Viele Strandpavillons bieten Kneipenküche, manche aber sind innen richtig edel - und auf den großen Tellern darf man kleine Portionen guter Gerichte erwarten.

Total spezielle Spezialität: Karamell mit einem Hauch Essig und Salz
Frank Patalong

Total spezielle Spezialität: Karamell mit einem Hauch Essig und Salz

Spezialitäten: Das ist typisch Zeeland
Surf 'n Turf und überhaupt
Ähnlich wie in der Bretagne oder den angelsächsischen Ländern kombiniert die Küche gern Meer und Land - Rind mit Krebsfleisch, Muscheln zu allem möglichen, Fleischgerichte mit Gemüsen von Salzwiesen oder aus Wasserpflanzen. Die Essensqualität variiert aber stark: Rippchen sind so häufig, dass man sich fragt, was die mit dem Rest vom Tier machen. Standard ist Frittiertes mit Frittiertem oder Gegrilltem. Wer gut essen will, muss sich umschauen - erlebt dann aber echte Überraschungen!
Queller, Lamsoor, Zeessla und Co.
Die Fülle an Salzwiesen- und Gezeitenzonen-Gemüsen und -Salaten ist beachtlich. Darunter sind Seegräser und Algen, vor allem Pflanzen der Übergangszonen. Meist werden solche Zutaten in kleinen Mengen, also eher würzend eingesetzt - sorgen dann aber für Pfiff.
Austern, Kreukels und Zeuuwse Hachee
Fisch, Krebsgetier und Meeresfrüchte sind allgegenwärtig. Kreukels sind essbare Wasserschnecken, Austern gibt es in zwei heimischen Varianten, die in den Schelden kultiviert werden. Daneben gibt es ein regelrechtes Austernproblem mit eingeschleppten Sorten, die sich schneller vermehren, als selbst die Touristenschar sie verzehren kann: Das drückt die Preise. Muscheln sind so oder so Pflicht - und preiswert.
Crème de Cassis de Zélande (und Co.)
Johannisbeeren sind überall in den Niederlanden ein höchst populärer Rohstoff für alles, was man essen oder trinken kann (Jawohl: auch für Bessenjenever!). In Zeeland macht man Deserts und Marmeladen daraus, vor allem aber Fruchtwein und Crème de Cassis de Zélande - pur oder im Cocktail genossen.
Erwtensoep
Bauernland lässt grüßen: Keine Strandbude, keine Kneipe, in der man sich die Füße aufwärmt, die keine deftige Erbsensuppe anbieten würde. Die dazu angebotene Chocomel wirkt bei Kindern suchtbildend.
Boterbabbelaars
Karamell ist nichts spezifisch Niederländisches, aber Boterbabbelaars sind schon etwas Besonderes: Nur in Zeeland macht man den Süßkram nicht nur aus Zucker, Butter und Wasser, sondern gibt auch Essig und eine Prise Salz dazu. Klingt seltsam, schmeckt aber nicht halb so irritierend wie der Babbelaar-Likör, den man daraus durch Zugabe von Wacholderschnaps gewinnt. Zeeländern schmeckt das, alle anderen sind zumindest beeindruckt.
Bolus
Backen kann jeder, aber Bolus richtig hinzubekommen, soll eine Kunst sein: Die zu Schnecken geformten Weißbrotwürste werden in braunem Zucker getränkt, der dann im Ofen karamellisiert. Wenn alles gut geht, bekommt man eine irre süße Köstlichkeit, außen knackig, innen weich. Wenn nicht, kann man das Zeug als biologisch abbaubaren Baustoff behandeln.
Tote Tante
Heiße Schokolade mit einem Schuss Rum oder Amaretto und einem Sahnehäubchen drauf. Ist auch als "Lumumba" bekannt, aber Touristen glauben, das hieße dann "chocolademelk met rum en slagroom". Niederländer sagen einfach "Tote Tante". Raten Sie mal, warum.

Noch einsamer wird es, wenn man weiter über Vlissingen, durch den Westerschelde-Tunnel hinüber in Richtung Belgien fährt. Fast von Antwerpen bis fast zum Ende der Schelde bei Cadzand haben sich die Niederlande mit Zeeuws-Vlaanderen einen schmalen Streifen Land gesichert: Es ist das Gros der flandrischen Küste - und ein fast ununterbrochener Strand.

Sein schönster, einsamster Abschnitt: bei den Nieuwvliet-Dörfchen. Die liegen ein wenig weiter im Inland, direkt am Meer gibt es hier nur Ferienhaussiedlungen und ein paar Campingplätze, die im Sommer bestens gebucht sind.

Die einsamste Ecke der Niederlande

In der kalten Jahreszeit herrscht hier die pure Einsamkeit. Man kann stundenlang laufen und begegnet nur wenigen Menschen, meist mit Hunden: Treibholz-Werfen bis zur Erschöpfung ist ein populärer Sport. Wer die Augen aufhält, findet bei Cadzand (und seltener auch bei Nieuwvliet) versteinerte Haifischzähne oder einen fossilen Knochen im Sand.

Und sonst? Können die oft historischen Ortskerne ungemein pittoresk sein. Immer wieder schaffen die Zeeländer und Flandern Events, die graue Zeit zu brechen: Sei es beim von Fackeln erleuchteten Nachtmarkt, auf dem der Bauer auch seinen hausgemachten Kümmelkäse verkauft, sei es bei der rituellen Verbrennung der Weihnachtsbäume am Strand, am Abend vor Silvester. Das Kneipenleben ist - gerade im Winter - laut und sehr sozial, auch der Besucher wird schnell einbezogen. Die Küche tendiert zu oft zum Frittierten, aber man findet auch gute Restaurants (selbst da sind Pommes aber die Standardbeilage).

Städtchen wie die Bummelkleinstadt Middelburg, das niedliche Sluis oder - natürlich - das nahe Brügge bieten reichlich Ausflugsziele. Das gilt auch für das wegen seiner Hochhaussilhouette oft falsch eingeschätzte Vlissingen: Das Viertel rund um den Bellamypark bietet urige Kneipen und Restaurants jeder Preisklasse, dazu Einkaufsstraßen, Museen und mehr.

Und natürlich Olliebollen: In der Vorweihnachtszeit, vor allem aber rund um Silvester kauft und konsumiert der gemeine Niederländer gesüßte, frittierte Krapfen in kaum zu glaubenden Mengen. Wer sich traut, isst die am Abend zum Koek-en-Zopie, einem traditionsreichen Bockbier-mit-Rum-Punsch. Warm wird einem spätestens da wieder.

Hier ist das Rezept:

  • 1 Liter Bockbier
  • 1 Stange Zimt
  • 2 Nelken
  • 2 Scheiben Zitrone
  • 125 Gramm braunen Zucker
  • 2 Eier
  • 100 ml Rum

Zubereitung: In einer großen Saucenpfanne das Bockbier mit Zimt, Nelken und Zitrone zum Kochen bringen, 20 Minuten köcheln lassen. Zucker und Eier verrühren, kurz durchschlagen und dann in den Bierpunsch geben. Ganz zuletzt den nicht mehr kochenden Sud mit Rum auffüllen und sofort servieren.

Schmeckt, sagen wir mal, spezifisch niederländisch. Kann man mögen, tut aber nicht jeder. Da muss man dann durch: Zur Belohnung gibt es nachher eine Tote Tante (siehe Kasten oben).

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 13.11.2016
1. Leider für Camper mit Hunde
nicht geeignet - Belgien liebt auch keine Wohnmobile - da gibts für uns nur: Frankreich: tolle und viele viele Campingplätze - bei 99 % sind Hunde willkommen - viel viel Natur - Es ist einfach herrlich, mit unserem Wohnmobil ca. 1/2 Jahr durch Frankreich - ohne GPS ! - immer der Nase nach zu reisen ! Keine Autobahnen - keine Maut ! Ja, Rentner und Rentnerin müsste man sein - gelle ?
hermannsson 13.11.2016
2. Die Schelde, stark belasteter Badestrand
Sie sollten bei aller Liebe zu den herrlichen Stränden nicht unterschlagen, dass die Schelde zu den am stärksten mit Abwässern und Schwermetallen belasteten Wasserläufen in Europa gehört. Man denke nur an das Fehlen von Brüsseler Kläranlagen bis noch vor einigen Jahren und die massive Einleitung von Industrieabwässern die zu einer sehr hohen Belastung der Sedimente geführt haben. Sedimente, das ist der Stoff in den Sie Ihre "Sandburgen" bauen.
dreamdancer2 13.11.2016
3. Pssssst!
Neinneinneinein... Zeeland im Winter ist ganz, ganz furchtbar, sollte man üüüüüberhaupt nicht hinfahren. Wir versuchen es seit ca. 30 Jahren jedes Jahr immer wieder... :-D Ernsthaft: Ich kann jedes Wort unterschreiben und die Fotos könnten so aus meinem eigenen Album schreiben - und obwohl wir grade erst seit einer Woche wieder zurück sind, packt mich schon wieder die Sehnsucht.
hughw 13.11.2016
4. Oh SPON
Immer diese lustigen Bildunterschriften. Ein Bromfiets ist -kein- Motorrad, Bild 19. Bromfiets ist ein Moped.
taglöhner 13.11.2016
5.
Zitat von dreamdancer2Neinneinneinein... Zeeland im Winter ist ganz, ganz furchtbar, sollte man üüüüüberhaupt nicht hinfahren. Wir versuchen es seit ca. 30 Jahren jedes Jahr immer wieder... :-D Ernsthaft: Ich kann jedes Wort unterschreiben und die Fotos könnten so aus meinem eigenen Album schreiben - und obwohl wir grade erst seit einer Woche wieder zurück sind, packt mich schon wieder die Sehnsucht.
Also Ihre beiden Vorposter haben das aber geschickter gemacht ;). Und dass mir keiner auf die Idee kommt, über die belgische Grenze zu fahren!
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