Aus Frankfurt am Main berichtet Rico Grimm
Zum Arbeitskampf am Frankfurter Flughafen kommt Nicoley Baublies im Nadelstreifenanzug. Er ist der Vorsitzende der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo und sagt: "Wir können aus einer Position der Stärke agieren." Seine Gesten sind beim Sprechen äußerst sparsam, sein Tonfall ist ruhig. Er raucht an diesem Freitagmorgen in gelassenen Zügen. Baublies Ruhe ist die Ruhe eines Pokerspielers, der die Karten auf den Tisch gelegt und gerade bewiesen hat, dass er nicht blufft.
Denn vor drei Tagen hatte Baublies per Megafon am Münchner Flughafen verkündet, dass die Gewerkschafter heute 24 Stunden lang streiken werden, an sechs deutschen Flughäfen. Die Flugbegleiter kämpfen gegen Leih- und Mehrarbeit, gegen Zulagenkürzungen und weniger Urlaubstage. 13 Monate lang hatten die Parteien zuvor verhandelt, ehe Ufo in den Arbeitskampf ging.
Um das Schlimmste zu verhindern, hatte die Lufthansa einen Sonderflugplan entwickelt. Der half. Das große Chaos am Flughafen Frankfurt bleibt aus (hier finden Sie im Minutenprotokoll die Ereignisse des Vormittags). Dennoch will Deutschlands größte Airline so schnell wie möglich weiterverhandeln. Inzwischen ist die Einschaltung eines Schlichters im Gespräch.
Wenn die Flugbegleiter streiken, trifft der Ärger und die Wut der Passagiere die Mitarbeiter an den Schaltern. Eine von ihnen lehnt am Zuckertisch einer Bäckerei und unterhält sich mit zwei Fluggästen, die gerade aus Nordamerika gelandet sind. Sie ist empört über die Millionenbeträge, die der Streik kostet. "Das ist auch unser Urlaubsgeld, das da weggeht." Die Nordamerika-Passagiere nicken verständnisvoll. "Sehen Sie", sagt die Lufthansa-Mitarbeiterin, "wenn die Flugbegleiter streiken wollen, dann sollen sie das, das ist ihr gutes Recht." Aber: "Dann sollen sie sich auch unten an die Schalter stellen und das den Gästen erklären."
Ein Zeichen setzen
Patrick Helke macht das. Er steht zwar nicht hinter den Schaltern, aber davor. Helke trägt eine knallgrüne Weste, auf der groß "Streik!" steht, und verteilt vor dem Umbuchungsschalter in der Abflughalle B des Terminal 1 Flugblätter, auf denen die Gewerkschafter ihre Ziele erklären und den Ausstand begründen. Er ist einer der Streikenden und versucht mit seiner Präsenz ein Zeichen zu setzen. Er will zwischen den Flugbegleitern, den Passagieren und den anderen Mitarbeitern der Lufthansa vermitteln.
Das war so eigentlich nicht geplant. Er und ein paar Kollegen haben sich - auf Einladung einer Kollegin vom Schalter - spontan verabredet, heute selbst in der Abflughalle präsent zu sein; und nicht nur auf dem offiziellen Marsch zur Lufthansa-Geschäftsführung, die mittags stattfindet. "Heute baden die Kollegen unsere Probleme aus", sagt Helke. Da wollten sie sich solidarisch zeigen. Später wird Helke sagen, dass alles ganz gut gelaufen sei.
Aber nicht für jeden. Denn Streiks in der Luftfahrt haben meist weitreichendere Folgen als in anderen Branchen. Wenn die Metallarbeiter in den Arbeitskampf gehen, kann vielleicht noch aus dem Lager gewirtschaftet werden. Das geht bei der Luftfahrt nicht. Denn Passagiere wollen von A nach B und nirgendwo dabei aufgehalten werden. Und wenn Baublies und seine Gewerkschaftler ihre Hände ins Frankfurter Drehkreuz halten, können die Ausfälle jeden Reisenden treffen.
"Wir fliegen nicht wieder mit Lufthansa"
Diesmal traf es zum Beispiel ein junges Pärchen, das eigentlich erst am Nachmittag nach Wien fliegen wollte. Am Donnerstag erfuhren sie, dass ihr Flug annulliert wurde. Zwei Stunden versuchten daraufhin sie vergeblich, telefonisch umzubuchen. Dann wurde die Hotline abgestellt. Sie versuchten es online, die Seite war kaum zu erreichen - "weil gar nichts mehr ging", wie der junge Mann sagt. Schließlich kamen sie im Internet doch noch an ihr Ticket. Und konnten früher als geplant abheben - ihr Flug startete um 9.25 Uhr nach Wien.
Weniger Glück hatte eine sechsköpfige Familie aus Cambridge, die müde und wütend in der Abflughalle B des Terminal 1 sitzt. "Die haben uns von Schalter zu Schalter geschickt, ohne uns wirklich zu helfen", sagt eine der britischen Reisenden. Sie seien heute morgen um kurz nach sechs gelandet und hatten zu dem Zeitpunkt einen Zehn-Stunden-Flug aus Südafrika hinter sich. Dort hatten sie eine Hochzeit gefeiert, außerdem waren sie auf eine Safari gegangen. Es war wundervoll, sagen sie. Bis sie in Frankfurt landeten.
Der Anschlussflug nach Gatwick wurde gestrichen. Das wussten sie nicht, weil sie in Nationalparks unterwegs waren. "Bei den Löwen lassen sich schlecht E-Mails checken". Sie sollten statt nach Gatwick nach London-Heathrow fliegen. Das hätte auch alles gut geklappt - wenn die Koffer rechtzeitig vom Band gekommen wären. Zu allem Überfluss leidet die Jüngste derzeit an einer Hüftverletzung und sitzt im Rollstuhl.
"Wir kommen nie wieder nach Deutschland", sagt die Mutter. Das will die Tochter so jetzt nicht stehen lassen: "Zumindest fliegen wir nicht wieder mit Lufthansa." Die Familie soll nun einen Zug nach Amsterdam nehmen und von dort nach England fliegen. Mit Glück sind sie gegen Mitternacht zu Hause. Ihr Tag hatte dann 30 Stunden. Auf einem ihrer Koffer liegt ein Buch: "Per Anhalter durch die Galaxis."
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