Armlehnen-Kampf im Flugzeug Platz da!

Tagtäglich tobt über den Wolken ein knochenharter Kampf: der um die Armlehne in der Flugzeugkabine. Noch hat die Luftfahrtindustrie keine Lösung umgesetzt, obwohl es durchaus Ideen gibt. Eine Grübelei auf dem Mittelsitz.

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Wenig ist an Bord eines Flugzeugs so hart umkämpft wie die Hoheit über die Armlehne. Und nichts offenbart so schnell den Charakter des Sitznachbarn wie sein betonfest platzierter Ellenbogen. Besonders rücksichtslos geht es unter vielfliegenden Geschäftsreisenden zu - zumindest nach meiner Erfahrung als Gelegenheitsfliegerin.

Neulich, es war auf einem morgendlichen, innereuropäischen Flug, wurde mir die emotionale Kälte des Vielfliegeralltags wieder einmal bewusst. Kaum hatten meine Mitreisenden und ich uns in die Dreier-Sitzreihe unseres Kurzstreckenfliegers gequetscht - ich mit Anfängerinnenpech mal wieder in der Mitte -, bohrten sich mir von beiden Seiten dolchscharfe Körperteile in die weichen Flanken.

Gegenwehr zwecklos, dafür fehlte zum einen der Bewegungsspielraum. Zum anderen fielen meine Sitznachbarn, beide in dunkle Anzüge gekleidet, in beneidenswerter Schnelligkeit in eine Art Flugkoma, allerdings mit angespannten Armmuskeln. Freundliche Ansprachen à la "Dürfte ich bitte...?", gesteigert mit deutlichem Ruckeln und Räuspern verhallten ohne Reaktion in der Großraumkabine.

Hätte ich so eine "Happiness Blanket" gehabt, mit der British Airways zurzeit experimentiert, bei mir hätte sie grellrot aufgeleuchtet. Die britische Fluglinie hat das Hightechteil entwickelt, um den Gefühlszustand ihrer Passagiere zu erkennen (als ob eine freundliche Frage nicht ausreichen würde). Dafür werden über ein Stirnband die Hirnströme abgenommen und über Bluetooth an die Decke weitergeleitet, in der eingewobene LED-Lämpchen Stress und Zufriedenheit in farbiges Licht umsetzen.

Gefesselt und gebändigt

Blau schillert der Fluggast also, wenn er happy ist. Und rot, wenn es ihm gar nicht gut geht. Was vielleicht angesichts der immer schmaleren Sitze und immer seltener servierten Snacks der Dauerzustand sein könnte. British Airways aber hofft, mit Hilfe der Glücksdecke seinen Service zu verbessern - und hat immerhin schon herausgefunden, dass die Passagiere blau leuchten, wenn sie gegessen haben und sie schlafen. Siehe da.

Ich also hätte den ganzen innereuropäischen Flug damit verbracht, dunkelrot zu flackern. Dabei liegt die Lösung des ewigen Armlehnen-Problems doch so nah. Auf Stehplätzen zum Beispiel hätten Ellenbogen gar nicht das Bestreben, sich auszubreiten. Einer Studie zufolge, veröffentlicht im "International Journal of Engineering and Technology", ist die Idee, im Flugzeug diese Billigbilligklasse einzuführen, kein Scherz. Sparfuchs Michael O'Leary, Chef von Ryanair, wollte das bereits vor zwei Jahren tun, wurde aber von einer Luftfahrtbehörde ausgebremst.

20 Prozent mehr Passagiere könnten in Flugzeugen mit Stehabteilung untergebracht und den Kunden um 44 Prozent günstigere Preise angeboten werden, meinen die Forscher aus Malaysia. "Ohne Sitz kein Sitzgurt", grummelt allerdings die US-Luftfahrtsicherheit ablehnend, und der sei beim Fliegen unabdinglich. Die Malaysier wiederum schlagen vor, die Fluggäste sollten sich doch gegen eine gepolsterte Rückenlehne pressen und sich mit Schultergurten daran fesseln. Und die Geschäftsleute ihre Ellenbogen gleich mit, schlage ich vor.

Oben oder unten?

Ob James Lee auch so malträtiert wird wie ich? Der 25-jährige Designer aus Hongkong hat eine Lösung für das "ewige Problem des Lehnenkampfes bei extrem engen Sitzen" parat und bereits rund um die Welt Preise für seinen Entwurf gewonnen. Paperclip-Armlehne nennt er ihn. Zu sehen ist eine geschwungene Doppeldecker-Stütze, die sich zwei Sitznachbarn teilen dürfen: Einer kann seinen Arm auf dem oberen Teil ablegen, der andere auf dem unteren. Eng sieht es dennoch aus. Und der knochenharte Kampf, wer oben darf und wer unten muss, ist erneut auszufechten.

Dabei gilt doch eine einfache Regel: "Man sollte dem Passagier in der Mitte beide Armlehnen überlassen", erklärt Flugbegleiter Timo Zinn von TUI Fly. Na also. Leider war diese Höflichkeitsgeste meinen Sitznachbarn nicht präsent. Innerlich rot glühend - mangels Glücksdecken-Anzeige - verbrachte ich meinen glücklicherweise kurzen Flug im Zangengriff der beiden Männer.

Als ich mir eine Cola light zur Abkühlung bestellte, war es mir daher nicht möglich, den plötzlich kippenden Plastikbecher noch zu erhaschen. Die klebrige Flüssigkeit ergoss sich in den Schoß des Komapatienten am Fenster, der plötzlich durchaus Reaktionen zeigen konnte. Ich schwöre, geplant war das nicht - wirklich! Aber leid tat es mir trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht. Oder nur ein ganz kleines bisschen.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
deranaluest 09.07.2014
1. einfache Lösungen
Entweder nach hinten setzen, grade in den Businessbombern drängen alle nach vorne, weil sie sooooo superwichtig sind. Oder falls man doch eingekeilt ist einfach selbst die Arme auf die Arme der Nachbarn legen.
mmueller60 09.07.2014
2.
---Zitat--- Besonders rücksichtslos geht es unter vielfliegenden Geschäftsreisenden zu - zumindest nach meiner Erfahrung als Gelegenheitsfliegerin. ---Zitatende--- Lustig, eigentlich benehmen sich vor allem die Gelegenheitsflieger daneben - Vielreisende kennen die Regel, daß der Mittelsitz die Armlehnen bekommt. Meine Wahrnehmung jedenfalls. Aber es ist natürlich irgendwie sympathisch, gegen die Anzugträger zu stänkern.
lari-fari-i 09.07.2014
3. Ganz recht...
wer in der Mitte sitzt bekommt beide Armlehnen! Der Gangplatz ist am Gang der Fensterplatz am Fenster und dafür bekommt der Mittelplatz beide Lehnen.... theoretisch ;)
spon-4fe-gopr-2 09.07.2014
4. Cola Light...
ist nicht klebrig, da kein Zucker. Sie brauchen den Artikel nicht durch solche erfundenen Geschichten aufzupeppen. Sachlich genuegt.
fucus-wakame 09.07.2014
5.
Man kann sich auch zu dieser Anzug-Marionette herüberbeugen, und sanft in den Nacken pusten. Darauf reagieren die meisten dieser Männer.
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