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Streit um Fluglärm: 400 Tonnen schwere Bedrohung aus der Luft

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Der Flughafen Zürich ist zum Zankapfel deutscher und schweizer Politiker geworden. Grund ist der Lärm landender Jets. Neue Einflugschneisen sollen jetzt Abhilfe schaffen - doch sie erfordern riskante Manöver der Piloten. Der Konflikt eskaliert.

Der Landkreis Waldshut am südöstlichen Rand des Schwarzwaldes ist ein schönes Stück Deutschland: grüne Berge, verwunschene Täler, beschauliche Dörfer und natürlich der majestätische Fluss, der sich vom Bodensee kommend gen Westen schlängelt. Doch ungetrübt ist diese Idylle nicht. Ein massives Problem hängt buchstäblich in der Luft, und das gleich ein paar hundert Mal am Tag. Im Anflug auf den Flughafen Zürich-Kloten dröhnen schwere Maschinen über das deutsche Grenzgebiet hinweg. Schon seit Jahrzehnten, zum Leidwesen der Bevölkerung. Über 400 Tonnen kann ein vollbesetzer Jumbojet wiegen - und sorgt nach Flughöhe für ordentlich Krach am Boden.

Flugschneise Süd: Bürgerinitiativen in und um Zürich fordern ebenfalls Einschränkungen im Luftverkehr
DPA

Flugschneise Süd: Bürgerinitiativen in und um Zürich fordern ebenfalls Einschränkungen im Luftverkehr

Circa 100.000 Anflüge jährlich, das entspricht 80 Prozent der in Zürich landenden Flugzeuge, werden über dem deutschen Luftraum abgewickelt. Den Lärmbetroffenen ist das zu viel. "Wir sind selbstverständlich bereit, einen Teil der Last zu tragen, als gute Nachbarn", sagt der Waldshuter Landrat Tilman Bollacher zu SPIEGEL ONLINE. Er und seine Mitstreiter fordern eine Höchstgrenze von 80.000 Anflüge pro Jahr, kombiniert mit dem im Jahr 2003 für deutsches Gebiet verhängten Flugverbot zwischen 21 und 7 Uhr sowie zusätzliche Ruhe am Wochenende und an Feiertagen. Das wiederum schmeckt vielen Schweizern nicht.

"Wir brauchen einen guten Interkontinental-Flughafen"

In einem kürzlich in der "Badischen Zeitung" veröffentlichten offenen Brief richtet sich der Züricher Stadtpräsident Elmar Ledergerber an Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger und die "lieben Nachbarinnen und Nachbarn im südlichen Schwarzwald". Ledergerbers Bitte: Man möge "die einseitige Verordnung" bezüglich der Nutzung des deutschen Luftraums überdenken, denn "der Flughafen muss sich in Ihrem und unseren Interesse entwickeln können". Offensichtlich rechnet der Stadtpräsident in Zukunft mit einer Zunahme des Zürcher Luftverkehrsaufkommens und hält sie gar für erstrebenswert. Um sein Anliegen zu untermauern, listete Ledergerber Beispiele für die intensive wirtschaftliche Verflechtung zwischen dem Umland Zürichs und dem Südschwarzwald auf. Gleichzeitig warnt der Politiker vor "Scharfmachern" auf Schweizer Seite, die Sanktionen fordern und deren "Stimmen an Bedeutung zulegen könnten." Sorgfältig gewählte Worte für eine unverkennbare Drohung.

Ledergerbers größtes Problem sind die Fluglärm-Rebellen in den eigenen Reihen. Bürgerinitiativen in und um Zürich fordern ebenfalls Einschränkungen im Luftverkehr, vorrangig in Bezug auf die sogenannten Randzeiten von 6 bis 7 Uhr morgens und abends ab 9 Uhr, also während der Sperrung des deutschen Luftraums. Zu diesen Zeiten steuern die Maschinen den Flughafen fast ausschließlich vom Süden her an. Sie überfliegen dabei dicht besiedelte Wohngebiete in nur 250 Metern Höhe. Nachts wird Zürich-Kloten (noch) nicht angeflogen.

Roland Munz, Mitglied der "Bürgerinitiative Zürich Nord gegen Fluglärm", ist persönlich betroffen. "Ich lebe direkt unter der Südanflugschneise", betont der Aktivist. "Den Häusern hier fehlt die Schallisolation". Kein Wunder, denn vor dem Inkrafttreten der deutschen Verordnung war Fluglärm in diesen Stadteilen unbekannt. Munz ist auch Abgeordneter der Schweizer Sozialdemokratischen Partei (SP) im Zürcher Kantonsparlament. "Wir brauchen natürlich einen guten Interkontinental-Flughafen", beschreibt er die Position seiner Partei. "Eine solche lässt sich jedoch nicht gegen die Bevölkerung betreiben".

"Das ist Risikopotential pur"

Dementsprechend fordert Roland Munz neun Stunden Nachtruhe und einen weitgehenden Verzicht auf Südanflüge. Einer "größeren Zunahme" des Luftverkehrs erteilt er ebenfalls eine Absage. Interessanterweise steht diese Position des Kantonsabgeordneten wohl im Gegensatz zu dem seines SP-Parteifreundes, Stadtpräsident Elmar Ledergerber, der eine "Entwicklung" anvisiert. Ledergerber hat allerdings auch einen Sitz im Verwaltungsrat der Flughafen Zürich AG.

Als mögliche Lösung für den deutsch-schweizerischen Grenzzwist hat man sich auf eidgenössischer Seite etwas ganz Besonderes ausgedacht: den "gekröpften" Nordanflug. Dabei sollen sich die Maschinen Zürich vom Westen her nähern, um anschließend auf den letzten Meilen nach Süden zu schwenken und den Flughafen auf Sicht anzusteuern. "Das ist Risikopotential pur", schimpft Rolf Weckesser, Luftwaffenoberst a.D. und Vorsitzender der Bürgerinitiative Flugverkehrsbelastung Landkreis Waldshut e.V. Der Fachmann weist auf mehrere flugtechnische Komplikationen sowie auf drei Kernkraftwerke, ein Atommüll-Zwischenlager und einen Forschungsreaktor hin, die damit direkt in der Einflugschneise lägen. Folglich bezeichnet Weckesser die Idee als "grotesk" und vermutet dahinter pures politisches Taktieren.

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Forum - Flugsicherheit - was ist die richtige Strategie?
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1.
Paolo, 31.01.2007
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- Wir haben zwar eine Zweiklassengesellschaft, was die "Unterbringung der Passagiere im Flieger angeht. Aber das jetzt eine Zweiklassengesellschaft eingeführt wird, die nach dem Prinzip des Nasenfaktors läuft - denn was anderes ist ja wohl das "Vertrauenswürdige" wohl kaum - setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Oder besser: Turban. Denn diese Passagiere dürften ab sofort nur noch im Anhänger mitfliegen...
2.
fx33 31.01.2007
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- Welche Terrorbedrohung? Über diese ach so gefähliche Bande von islamistischen Flüssigsprengstoffmixern hat man nie wieder etwas gehört. Experten haben das ohnehin für Humbug gehalten, daß an Bord eines Flugzeugs Sprengstoff zusammengemixt werden kann. Es geht darum, die Terror*angst* am Köcheln zu halten, weil sich so für die Staaten der westlichen Welt, die ja über gewisse Freiheitsrechte für ihre Bürger verfügen, ein Überwachungsinstrumentarium zurechtbasteln können, was Sie ohne diese Angst nie im Leben gegen ihre Bevölkerung durchsetzen könnten. Diese Regelung mit den Flüssigkeiten an Bord ist absoluter Quatsch und soll nur die Aufmerksamkeit davon ablenken, daß im Hintergrund noch ganz andere Sachen passieren.
3.
takeo_ischi 31.01.2007
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- Wenn die letzten Jahre des Terrorismus eines gezeigt haben ist es, daß niemand als absolut vertrauenswürdig eingestuft werden kann. Gelte ich als vertrauenswürdig wenn ich regelmäßig die gleiche Strecke fliege und bei allen bisherigen Kontrollen nichts Verdächtiges dabei hatte? Das würde nicht funktionieren. Ein Terrorist kann auch erst 20-mal mit einem 'falschen Hasen' einchecken und beim 21sten Mal dann, wenn er durchgewunken wird die Bombe dabei haben. Oder ist der automatisch vertrauenswürdig, der wichtige Fürsprecher hat, oder im Auftrag rennomierter Unternehmen unterwegs ist? Auch das würde nicht Funktionieren, da er ebenso käuflich sein könnte. Oder bin ich vertrauenswürdig wenn ich kein bärtiger Moslem bin? Das wäre noch absurder, außerdem diskriminierend und nicht grundgesetzkonform. Die einzige Variante die nicht bloße Augenwischerei und Scheinsicherheit wäre, ist die zusätzliche Anstellung von Sicherheitspersonal und die Ausweitung der Parallelabfertigung. Wobei dies dann wieder durch 'Ticketpreisanpassungen' auf den Kunden zurückfallen würde. Da würde dann erst das richtige Gezeter losgehen. Ich sehe gerade keine bessere Lösung als die Situation zu ertragen. Obwohl, eventuell könnte man separate 'Premium-Nutzer-Schalter' einführen. Deren Benutzung dann zwar teurer, aber dafür express wäre. Wenn sowieso die Firma des unter Zeitdruck Handlungsreisenden den Sonderkontrolleur finanziert wäre das doch eine feine Sache. Nachteil wäre eine sichtbare Zweiklassengesellschaft, die zum Unmut der Pauschalreisenden führen könnte. Aber dies wäre dann z.B. organisatorisch oder baulich zu lösen.
4.
Reziprozität 31.01.2007
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- "Vertrauenswuerdige" Flugpassagiere, mit welchen Kriterien soll denn da eine Kategorisierung vorgenommen werden? Da sich die bis dato aus diversen Datanbankcocktails verquirlten Informationen ueber den "gruenen", "gelben" oder gar "roten" Status eines Passagiers (man erinnere sich an Cat Stevens und Edward Kennedy) allzuoft als grob falsch erwiesen haben, scheint es mir fuer potentielle Anschlagstaeter ein Leichtes zu sein sich den V-VIP-Status zuzulegen. Im Ergebnis waere das eine signifikante Verschlechterung der Flugsicherheit. @fx33: Sie haben vollkommen Recht! Nun muesste man den Verantwortlichen nur noch stecken, dass man bspw. aus Schiessbaumwolle Papier oder gar Stoffe, vulgo Buchseiten, herstellen kann, dann stehen bald alle im Eva-/Adamskostuem im Jet, denn den Sitzbezuegen kann man ja dann auch nicht mehr trauen... :-o
5.
Marquis d`Anjou, 31.01.2007
Orwells Vision u.Utopie hat uns mit erschreckender Wirklichkeit nicht einge- sondern bereits überholt. Was vor 9/11 bereits in den Köpfen derer schlummerte, die sich Sicherheits-Experten, Heimat-Schützer, Geheim-Dienstler, Daten-Verantwortlicher, Anti-Terror- Spezialisten etc...etc..nennen, haben in einer Art Blitz-Krieg der zivilisierten Welt ihr Sicherheits-Konzept übergestülpt und demontieren unter den Namen des Terrors die Freiheit. Anscheinend ist es noch wahrlich wenigen Menschen bewusst das jene Freiheit-1789- kein Kolateral-Schaden ist? Wir verlieren jene Freiheit an eine abstrakte Sicherheit die uns tagtäglich auf eine besondere paranoide Art und Weise in die Gehirne gehämmert wird. Freiheit, jene höchste Errungenschaft der zivilisierten Menschheit,ist in höchster Gefahr auszusterben.
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