Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Südschwarzwald: Wo der Skilift erfunden wurde

Von Johannes Schweikle

Der erste Skilift der Welt wurde mit Wasserkraft angetrieben - und von einem Tüftler im Südschwarzwald erfunden. Sein Enkel berichtet über den Höhenflug des patentierten Geräts und darüber, wie ein Pfarrer ihm den Garaus machte.

Schwarzwälder Erfinder: Eine Wassermühle und ihr Skilift Fotos
Johannes Schweikle

Die rote Pistenraupe fährt einen Hang hinauf und wendet kurz vor dem Waldrand. Ihr Fahrer trägt einen Dreitagebart und eine schwarze Wollmütze mit weißer Aufschrift: "1. Skilift der Welt". Im Schnee sind ein paar Tierspuren zu sehen, sonst nichts. Der Hang glänzt in der Wintersonne wie weißer Satin. Er ist mäßig steil und überschaubar, vom Bach im Tal bis zum Waldrand sind es gut 300 Meter. Wo bitte soll hier ein Skilift sein?

Andreas Winterhalder zeigt zu einem Häuschen am Bach: "Das war die Talstation." Dann weist er zu einem Gasthaus auf der anderen Seite des breiten Hochtals, dort war das Ziel. "Der Vater hat alle Unterlagen", sagt er. Der junge Mann mit dem schmalen Gesicht ist freundlich und wortkarg.

Der Vater ist in kommunikativer Hinsicht das Gegenteil. Er redet, wie ein Skilift im Idealfall läuft: ohne Unterbrechung. Klaus Winterhalder, Jahrgang 1940, weißes Haar und dunkle Augenbrauen, ist der Wirt vom Gasthaus Schneckenhof in Schollach, einem Luftkurort im Südschwarzwald, ein paar Kilometer nordöstlich vom Titisee gelegen.

Er öffnet eine braune Aktentasche, holt Dokumente heraus. "'S isch alles a weng durcheinander", sagt er und erzählt vom Männergesangsverein, vom Russlandfeldzug der Wehrmacht. Die Geschichte des ersten Skilifts der Welt hat viele Details.

Endlosseil mit Holzgriffen

Robert Winterhalder, Jahrgang 1866, war sein Großvater. Das Schwarzweißfoto aus der Tasche zeigt einen hageren Mann mit üppigem Bart. Er war Bauer und Gastwirt, im Schneckenhof bediente er hauptsächlich Fuhrleute, die mit ihren Pferden Langholz transportierten. In den Jahren nach 1900 kamen immer mehr Urlauber in den Schwarzwald.

Der Schneckenwirt investierte, man kann das heute noch sehen: Er ließ Balkone und einen Wintergarten an das Bauernhaus anbauen, in der Gaststube wurde Eichenparkett verlegt und die Wand mit einer dramatischen Schwarzwaldlandschaft bemalt. Ein Prospekt warb mit einer "öffentlichen Fernsprechstelle im Hause".

Am Bach stand die Mühle, in der Robert Winterhalder sein Getreide mahlte. Am Hang konnten die Urlauber im Winter Schlitten fahren. "Aber den Aufstieg im tiefen Schnee hat sich der Kurgast aus dem Ruhrgebiet einfacher vorgestellt", sagt Klaus Winterhalder. "Bergauf hatten die Asthmatiker Schwierigkeiten."

Der Schneckenwirt wollte seinen Gästen mehr Komfort bieten: Er baute fünf Holzstützen an den Hang zwischen Bach und Waldrand und spannte ein Endlosseil, das mit der Wasserkraft des Mühlrads angetrieben wurde. Über Holzgriffe konnten sich Ski- und Schlittenfahrer am Seil festhalten. Der erste Lift der Welt war 280 Meter lang und überwand 32 Meter Höhenunterschied. Am 14. Februar 1908 ging er in Betrieb.

Mit Umsicht und Energie machte der Schwarzwälder Wirt sich daran, seine Erfindung zu vermarkten. Ließ kolorierte Postkarten vom anstrengungslosen Wintervergnügen drucken, bot seine "epochemachende Neuerung" in einem Exposé an. 20.000 Mark sollte ein 700 Meter langer Lift kosten, in diesem Preis waren bereits 4000 Mark Lizenzgebühr enthalten, außerdem 130 Paar Ski und 130 Schlitten.

Für die Internationale Wintersportausstellung in Triberg im Schwarzwald, dem Pendant der heutigen Ispo in München, baute der Erfinder 1910 einen elektrisch betriebenen Lift. Das Preisgericht des Großherzogs von Baden verlieh ihm eine Goldmedaille.

Revival für ein paar Tage

Robert Winterhalder wollte einen Lift auf dem Feldberg bauen. Aber dann begann der Erste Weltkrieg - und mit ihm das Ende der patenten Erfindung. Der Enkel erzählt, wie der katholische Pfarrer seine Kirchenglocke gerettet hat. Sie sollte eingeschmolzen werden, Deutschland brauchte Kanonen, aber der Pfarrer sagte: "Holt euch das Eisenglump vom Skilift."

In Davos ließ ein Gastwirt 1934 einen Lift von ähnlichem Format bauen. Seither tun die Schweizer gern so, als sei das ihre Erfindung gewesen. Sie könnten es besser wissen. Bereits am 15. Juli 1908 erhielt der Schwarzwälder Robert Winterhalder vom Eidgenössischen Amt für Geistiges Eigentum das Hauptpatent mit der Nummer 44626. Die Erfindung hatte noch nicht den griffigen Namen "Skilift". Sie wurde präzise benannt: "Transporteinrichtung zum Ermöglichen des Bergaufwärtsfahrens mit Schlitten und Schneeschuhen".

Robert Winterhalder starb 1932. Von seiner Erfindung zeugt heute nur noch die Mühle, die Talstation des historischen Skilifts. Das hölzerne Wasserrad ist außer Betrieb, daneben steht ein alter Traktor. Und das rostige Treibrad eines elektrischen Skilifts. Dieser wurde 2008 installiert, zur Feier des hundertjährigen Jubiläums.

Das Fernsehen kam, schwarze Mützen mit weißer Aufschrift wurden verteilt, aber Klaus Winterhalder bekam nur eine Betriebsgenehmigung für drei Tage. Der Hang, an dem Wintersportgeschichte geschrieben wurde, ist heute Landschaftsschutzgebiet. Seit dem Jubiläum hängt ein gelbes Schild verloren an der Mühle: "Den Anweisungen des Bedienungspersonals ist unbedingt Folge zu leisten."

Andreas Winterhalder, der Urenkel des Erfinders, walzt mit seiner Pistenraupe am historischen Hang eine Rodelbahn. Den Bach sichert er mit einem roten Fangzaun, damit kein Kind ins Wasser fällt. Anschließend spurt er eine Loipe für Langläufer. Sie führt zwischen Bauernhöfen und Bergahorn durch ein Tal, dem alle Aufregung fremd scheint. "Zum Snowboarden geh ich an den Feldberg", sagt Winterhalder.

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schwoba halt!
koenigludwigiivonbayern 23.02.2015
Wenn die Schwaben auf ihrer Alb im Winter eingeschneit sind, erfinden sie halt unnütze Dinge wie Zündkerzen (Bosch), Autos (Benz, Porsche) und Pistenbullys (Käßbohrer). Den Kupferdraht durch fortgesetztes Hin- und Herwenden des Ein-Pfennig-Stückes sollen sie ja auch erfunden haben. Das gibt bei denen aber keiner zu. Typisch.
2. Der Schneckenhof
oschaaars 23.02.2015
... heisst eben "Schneckenhof" und nicht "Zum Schnecken" (weiter unten steht's dann richtig). Hat auch nix mit Schnecken zu tun sondern bedeutet "Schnee-Eck" (die einzige Ecke im Schollachtal, wo's Schnee gibt...). Bester Satz im Artikel: " Der Vater ist in kommunikativer Hinsicht das Gegenteil. Er redet, wie ein Skilift im Idealfall läuft: ohne Unterbrechung." Stimmt!! Lieb, aber anstrengend. Aber das ganze Ensemble ist ein absoluter Geheimtipp! Ich empfehle allen einen Besuch, die es ein wenig skurril mögen.
3. So ein Blödsinn!
freelucky123 23.02.2015
Lieber König Ludwig! Das sind keine Schwaben sondern Badenser und das ist ein gewaltiger Unterschied. Schwaben hätten das weltweit vermarktet. Badenser sind auch gescheit, machen ihre Umwelt aber nicht so kaputt wie die Daimlermenschen in Stuttgart.
4.
Eduschu 23.02.2015
Zitat von freelucky123Lieber König Ludwig! Das sind keine Schwaben sondern Badenser und das ist ein gewaltiger Unterschied. Schwaben hätten das weltweit vermarktet. Badenser sind auch gescheit, machen ihre Umwelt aber nicht so kaputt wie die Daimlermenschen in Stuttgart.
Habt Ihr es noch immer nicht verwunden, dass die Landeshauptstadt Stuttgart wurde und nicht Karlsruhe? ;-)
5.
taglöhner 23.02.2015
Zitat von freelucky123Lieber König Ludwig! Das sind keine Schwaben sondern Badenser und das ist ein gewaltiger Unterschied. Schwaben hätten das weltweit vermarktet. Badenser sind auch gescheit, machen ihre Umwelt aber nicht so kaputt wie die Daimlermenschen in Stuttgart.
Wohl Richtig! Man erkennt Badener aber auch daran, dass sie sich selbst nie als Badenser bezeichnen und diese Titulierung im Zweifel als Beleidigung empfinden ;).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH