Tauchen im Roten Meer Im Reich der Hammerhaie

Das Daedalus-Riff vor Ägypten gilt als Taucher-Paradies, vor allem wegen der Hammerhaie. An kaum einem Ort vor der Küste kann man den Königen des Roten Meeres näher kommen.

Von Linus Geschke


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Rotes Meer: Riesen und Zwerge des Daedalus-Riffs
Der Weg ins Herz des Roten Meeres ist weit. Vom ägyptischen Retortenstädtchen Port Ghalib aus schiebt sich die "Seawolf Galaxy" schon seit Stunden in Richtung Südost. Über dem Schiff strahlt ein wolkenloser Himmel, darunter liegt schimmernd das tintenfarbene Meer. An der Kimm, wie Seeleute die auf dem offenen Meer sichtbare Grenzlinie zwischen Wasser und Himmel nennen, fließen beide Farbtöne ineinander über. Ein Bild zwischen Kitsch und Erhabenheit.

Martin Hügel ist kein Seemann, sondern Taucher. Und dennoch liebt er das Bordleben, den Hauch von Abenteuer und das gleichmäßige Brummen der beiden starken Schiffsmotoren. Nur die Fahrt quer zur Welle ist sein Ding nicht: Wenn die Welt in Bewegung und die Sonnenliege in Schieflage gerät, dann verflucht er die stundenlange Überfahrt. Zumindest solange, bis der Leuchtturm des Daedalus-Riffs in sein Blickfeld kommt und vom nahen Ende der Fahrt kündet.

So wie Hügel haben 19 weitere Unterwassersportler den Trip auf dem Luxuskreuzer gebucht. Im Januar, wenn auch im Roten Meer die Wassertemperaturen nur noch knapp oberhalb der 20-Grad-Marke liegen, sind die erfahrenen Taucher meist unter sich. Oftmals ist das eigene jetzt sogar das einzige Schiff, das am Riff liegt. Eine Situation, so ganz anders als in den warmen Sommermonaten, in denen unter Wasser mehr Taucher als Fische zu sehen sind.

Vier Tage will die Gruppe vor Ort bleiben. Vier Tage nur Daedalus. Bei den meisten Touren werden die Riffe häufig im Tagesrhythmus gewechselt, doch Organisatorin Monika Hofbauer hat anderes im Sinn: "Daedalus ist eines der schönsten, wenn nicht das schönste Tauchgebiet in Ägypten. Anstatt die Zeit mit endloser Fahrerei und mittelmäßigen Spots zu verbringen, konzentrieren wir uns diesmal auf das Beste, was das Rote Meer zu bieten hat."

Könige des Roten Meeres

Die meisten Taucher an Bord verbinden mit dem Daedalus-Riff vor allem Begegnungen mit Hammerhaien, die hier in einer recht standorttreuen Population vorkommen. Die majestätischen Tiere mit ihrem charakteristischen Schwimmverhalten sind so etwas wie die Könige des Roten Meeres, dementsprechend hoch sind die Erwartungen unter den Reisenden.

Vom Ankerplatz aus bringen zwei Schlauchboote die Tauchgruppe an die nordöstliche Spitze des Riffes. Hofbauer zählt "Drei, zwei, eins - go!", und die Insassen lassen sich rückwärts ins Meer fallen, um sich dort in fünf Meter Tiefe zu treffen. Schon in flacheren Bereichen beeindrucken die Artenvielfalt sowie das überbordende Vorkommen an Hart- und Weichkorallen, die praktisch jeden Zentimeter des Riffs besiedelt haben. Dazwischen wuseln Fahnenbarsche, nagen Papageifische an Korallen, steht auf dem Riffdach eine Schule Barrakudas.

Doch wer Hammerhaie sehen will, muss weiter runter. Auch Martin Hügel folgt Hofbauer, die sich langsam in die Tiefe sinken lässt. Er folgt ihr, als sie sich vom Riff hinaus ins Freiwasser bewegt, und er folgt ihr, als sie auf zackenförmiger Route wieder zurückkehrt. Der Blick ist dabei meist vom Riff weg gewandt: Schält sich dort ein mächtiger Schädel aus dem tiefen Blau, gerät da ein grauer Körper ins Sichtfeld?

Nach 20 Minuten bricht Hofbauer die Suche ab. Der Rest des Tauchganges erfolgt dichter am Riff, zwischen Falterfischen und Steinkorallen, Flötenfischen und einer Schildkröte. Auch der zweite Tauchgang, drei Stunden später, nimmt einen ähnlichen Verlauf.

Während Hügel die vergebliche Suche locker sieht und unter "Pech gehabt" abhakt, zieht Monika Hofbauer an Bord eine Schnute: Wie können sie sie nur so im Stich lassen, "ihre" Hammerhaie? Selbst ihr Leibgericht Käsespätzle, das der Schiffskoch zum Abendessen serviert, mag da nicht mehr so richtig schmecken. Ab jetzt ist die Suche nach den Großfischen zu einer persönlichen Angelegenheit geworden - nach dem Motto: "Früher oder später krieg ich euch!"

Erfahrung siegt

Am nächsten Tag hat die Sonne das Meer kaum wachgeküsst, da ist Hofbauer schon wieder im Wasser. Im Freiwasser, dort, wo das Riff nur noch schemenhaft zu sehen ist. Hügel klebt ihr an den Flossen, die Digitalkamera einsatzbereit in den Händen. Solche Tauchgänge sind nichts für Anfänger, zu groß ist hier die Gefahr, die Orientierung zu verlieren oder von der Strömung mitgezogen zu werden.

Doch Hofbauer weiß, was sie da tut: Als eine der ersten Frauen überhaupt begann sie 1997 als Tauchführerin auf der "Number One", einem Safarischiff, welches unter Tauchern einen fast schon legendären Ruf genoss. Mehrere hundert Safaris und etliche tausend Tauchgänge später wechselte sie die Seiten und bietet nun mit ihrer Firma Omneia Tauchsafaris als Veranstalterin an. "Mir ist der allgemeine Trend zu immer anspruchsloseren Touren schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Jetzt als Veranstalterin kann ich die Fahrten endlich so organisieren, wie ich sie damals als Guide gern gemacht hätte."

Die Tauchführerin lässt sich nochmals ein paar Meter tiefer fallen und verharrt dann fast regungslos. In der Gruppe macht sich Anspannung breit: Hat sie etwas gesehen? Ist jetzt der große Moment gekommen? Ganz langsam schieben sich erst ein, dann zwei Hammerhaie ins Blickfeld, ihnen folgen weitere Tiere. Die Räuber schwenken die so typisch geformten Köpfe hin und her, ihre muskulösen Körper scheinen vor Kraft fast zu platzen. Hofbauer dreht sich um, schaut Hügel in die Augen und reißt die geschlossene Faust nach hinten: eine Geste, wie man sie sonst nur bei Boris Becker gesehen hat, wenn er gerade ein Match in Wimbledon gewonnen hat.

Angriff der Anemonenfische

Langsam ziehen die zwischen zwei und drei Meter langen Großfische an den Tauchern vorbei. Der Herrscher des Roten Meeres ist nicht aggressiv, nicht neugierig, nicht zutraulich. Er toleriert die Besucher in seinem Reich und steht ihnen ansonsten recht gleichgültig gegenüber. Dann zeigt einer der Haie doch noch eine Reaktion und dreht den Tauchern seine Unterseite zu. Warum er das macht, welchen Sinn das hat? Die Sportler wissen es nicht.

Nachdem sich die Haischule wieder in den Weiten des Meeres verloren hat, nehmen die Taucher Kurs auf den oberen Riffbereich. Für den Abschluss des Tauchganges hat sich Hofbauer noch ein Highlight aufgespart: das vielleicht größte Anemonenfeld im Roten Meer. Spätestens seit dem Trickfilm "Findet Nemo" haben sich die dort lebenden Anemonenfische zu wahren Stars der Unterwasserszene gemausert. Bis zu drei unterschiedliche Arten leben hier in einer Anemone zusammen - ein Anblick, den Biologen als außergewöhnlich bezeichnen.

Und die kleinen bunten Fische wissen ihr Zuhause zu verteidigen: Sobald ein Taucher sich einer Anemone zu dicht nähert, geht der Bewohner auf Konfrontationskurs. Dass der potentielle Angreifer mit Flossen fast zwei Meter misst und er selber nur wenige Zentimeter, scheint ihn dabei nicht zu stören. Wenn es eine Tapferkeitsmedaille im Tierreich gebe, wäre der Anemonenfisch ein Kandidat dafür.

Dennoch sind es die Hammerhaie, die am zweiten Abend bei Daedalus die Gespräche der Taucher bestimmen. In der Erzählung waren sie nur noch einen Meter entfernt, dafür aber "an die vier Meter groß". Taucherlatein - vielleicht auch dem Umstand geschuldet, dass unter Wasser die Dinge um ein Drittel größer wirken als an Land.

Hofbauer hat ihre 153 Zentimeter Länge auf der Sitzgruppe im Salon der Galaxy zusammengefaltet und lächelt selig: Sie hat ihn mal wieder gefunden, den König des Roten Meeres, und immer noch zwei weitere Tage vor Ort vor sich. Hier, bei Daedalus, dem vielleicht schönsten Riff des Roten Meeres.

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