Taufe von "Mein Schiff 2": "Wir sind kein Halligalli-Dampfer"

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Ein Gebrauchtschiff mit Pfiff: Am Samstag tauft TUI Cruises in Hamburg mit der "Mein Schiff 2" ihren zweiten Kreuzer. Der ursprünglich für US-Publikum konzipierte Liner wurde für deutsche Gäste umgebaut - Reedereichef Richard J. Vogel erzählt, was ihm wichtig war.

Rundgang auf "Mein Schiff 2": Schau Bar und Manhattan-Style Fotos
SPIEGEL ONLINE

"Meine Damen und Herren, willkommen an Bord!" Krächz, krächz. Aus den Lautsprechern der "Mein Schiff 2" dringen scheppernde Laute. "Moment!", Richard J. Vogel zieht sein iPhone heraus und trägt das Manko in sein Notizbuch ein. In den nächsten Tagen wird die Übertragung von der Brücke wohl auf Hightech-Qualität poliert. Der 55-jährige TUI-Cruises-Chef, Herr über eine Flotte von bald zwei Schiffen und auf einem Rundgang unterwegs, achtet auf jede Kleinigkeit, die noch im Argen liegt. Ihm entgeht kaum etwas: nicht die Macken in der Holzvertäfelung ("Da kommen Bilderrahmen drüber!"), ein Tisch, der herrenlos und kahl herumsteht ("Stellen Sie da mal was drauf!").

Bis zur Taufe seines neuen Kreuzers am Samstag in Hamburg soll alles stimmen. Dann wird die "Mein Schiff", die 2009 als Erste für das junge Unternehmen TUI Cruises in See stach, eine Schwester mit gleichem Namen, gleichem Konzept und gleichem Auftreten bekommen.

Oder vielmehr ihr Schwesterschiff wiedersehen: Denn die 77.700 BRZ großen Kreuzer sind umgebaut - jeweils innerhalb von 38 Tagen für rund 50 Millionen Euro; sowohl die ehemalige "Galaxy" (jetzt "Mein Schiff") als auch die bald umgetaufte "Mercury" stammen aus dem Bestand der Muttergesellschaft Royal Caribbean. Und beide wurden in der "Century"-Baureihe in der Meyer Werft in Papenburg Ende der Neunziger gebaut.

Also eine einfache Sache für die Techniker? "Gleiches Schiff, zweigeschossiges Restaurant, Riesenlounge, Casino - das Raster war identisch", sagt Reederei-Chef Vogel, die Struktur jedoch war trotz gleicher Baureihe verschieden. "Wir konnten das Konzept von 'Mein Schiff' übertragen, aber nicht die Baupläne." So finden sich Bars wie die TUI Bar und die Blaue Welt Bar und Restaurants wie Richard's oder Gosch auf beiden Kreuzern wieder, doch an unterschiedlichen Orten.

Alte Oceanliner-Elemente wurden erhalten

Richard J. Vogel hat so gar nichts von einem Seebären an sich - trotz Dreitagebart und Lachfältchen um die Augen. Ihn, der in der Nähe von Heidelberg aufgewachsen ist, hat es in seinen Jahren bei Aida Cruises in Rostock und bei TUI in Hamburg nie von seinem Wohnort Frankfurt an die Waterkant gezogen. Dennoch ist die deutsche Kreuzfahrt seit 15 Jahren sein Thema: Bei Aida, der größten deutschen Kreuzfahrt-Reederei, machte Vogel das bis dato unbekannte Konzept der Clubschiffe höchst erfolgreich bekannt, bei TUI Cruises zieht er nun alle Fäden. "Hier kann man sagen: Das ist Vogels Baby", sagt er selbst.

Beim Umbau seines zweiten "Babys" musste aufgrund der anderen Strukturen gelungenes Design Federn lassen. Etwa die amöbenhaft geschwungene TUI-Bar-Theke, die halbiert und ihrer Dynamik beraubt wurde. Dafür haben Vogel und die Innenarchitekten des Hamburger Büros CM-Design bewusst die alten Oceanliner-Elemente der Ex-"Mercury" erhalten: das Echtholzfurnier im Atrium etwa oder der klassische Manhattan-Style des Hauptrestaurants Atlantic am Heck, der sich durch klare Linien ohne Schnörkel auszeichnet. "So etwas wird doch heute nicht mehr gebaut", meint der Flottenchef in spe.

Andere US-Flausen mussten dem amerikanischen Schiff bei seinem Rebrush in Bremerhaven noch ausgetrieben werden: "Die Lobby war im barocken Stil gehalten, ab 17 Uhr wurden die Vorhänge runtergelassen", erzählt Vogel, der Amerikaner gehe früher essen und liebe es gediegen. Heute ist die Empfangshalle einer der schönsten Räume des Schiffes: licht, mit weiß-hellgelbem klassischem Mobiliar und cremefarbenen Teppich. Im zweigeschossigen Atlantic-Restaurant zeigt er auf das riesige Panoramafenster: "Wir haben gemerkt, wir brauchen Licht!" Jetzt sind die Vorhänge immer geöffnet, die Gäste sollen den Blick aufs Meer genießen können.

Glückspiel ade

Im Mai 2009 schickte Vogel mitten in wirtschaftlich turbulenten Monaten das erste "Mein Schiff" auf den Markt - "ein Risiko!", raunte die Touristikbranche. Doch die Zeiten für Kreuzfahrt-Projekte standen nie besser, das Segment boomt, das Credo der Experten lautet: Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Der TUI-Cruises-Erstling, der die Lücke zwischen den Clubschiffen und hochpreisigen Kreuzern schließen sollte, erreichte 2010 schon eine Auslastung von 95 Prozent.

Dabei gab es manche Anfangsschwierigkeiten, denn der Service auf dem neuen Kreuzer ließ zu wünschen übrig. "Das musste sich einspielen", sagt auch Vogel, die Crew sei frisch eingestellt gewesen, "wir hatten ja nie die Chance zu trainieren". Daraus haben die Hamburger gelernt: "Bei der Übernahme der '"Mercury' im Februar in Baltimore hatten wir unsere eigene Brückencrew und 220 Hotelmitarbeiter von uns an Bord, die das Schiff schon in der Werftzeit vorbereiten konnten."

Noch mehr Lehren hat Vogel aus den Erfahrungen mit "Mein Schiff" gezogen: Deutsche Kreuzfahrer können - ganz anders als US-Amerikaner - dem Glücksspiel an Bord nichts abgewinnen. Auch die letzten Reste des großen Casinos der "Mercury" wurden nun getilgt. Dafür sind deutsche Gäste gerne aktiv - also wurde der Kreativbereich "Meerleben" eingeführt und der Sportbereich um 150 Quadratmeter vergrößert. Künftig können Hobby-Golfer sogar als Fischfutter getarnte Bälle ins Meer abschlagen, auf Fechtreisen werden Florette und Degen gekreuzt.

"Wir wollen kein lautes Schiff sein"

Auch gehen "Mein Schiff"-Kunden lieber als zunächst vermutet mit ihrer Familie auf Kreuzfahrt: "Der Babyboomer, der unsere Zielgruppe darstellt, hat entweder schon erwachsene Kinder oder wieder kleine", sagt Vogel. Dem habe er Rechnung getragen: So haben die Lütten wieder ihr eigenes Revier, aber auch Teenager können sich nun in einer eigenen "Sturmfrei"-Lounge vergnügen, X-Boxes inclusive. Trotzdem will Vogel den Abstand zum Konkurrenten Aida wahren: "Wir wollen kein lautes Schiff sein. Wir sind kein Party-, kein Halligalli-Dampfer - es soll Spaß machen, es soll Rückzugsmöglichkeiten verschaffen."

Welche Erfahrungen Vogel wohl aus "Mein Schiff 2" ziehen wird? Dass es ein drittes Schiff geben soll, ist seit Gründung von TUI Cruises kein Geheimnis. "Mit einer größeren Flotte sind auch die Synergieeffekte größer, etwa beim Einkauf, Vertrieb und der Crew", sagt der CEO, erst ab drei Kreuzern macht es wirtschaftlich wirklich Spaß.

Ob es ein Neubau wird? Die Branche rätselt, doch das Unternehmen hält die Schotten dicht. Die Frage ist wohl auch, wie schnell TUI Cruises wachsen kann und will - ein neu gebautes Schiff ist ist um einiges teurer und braucht eine längere Vorlaufzeit als ein umgebautes. Doch: Richard J. Vogel liebt die sportliche Herausforderung ("ich jogge drei- bis viermal die Woche"), wie er sagt. Und ein Neubau wäre wohl genau das: eine Herausforderung.

Zunächst aber winkt der Schiffsboss ein Crewmitglied herbei und macht es auf die tiefen Scharten aufmerksam, die eine Tischplatte in einer Bar bei der Anlieferung davongetragen hat. "Drehen Sie die um, machen Sie eine Notiz!" Die Taufe naht.

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1. Traumschiffe
AllesGrau, 12.05.2011
Disney hat auch eine eigene Kreuzfahrtlinie, die sich an Familien richtet. Die riesigen Wasserrutschen an Deck sehen schon imposant aus. Das 4. Schiff Disney Fantasy wird in Papenburg gebaut, nach den ersten beiden Schiffen aus Italien hatte man wohl die Nase voll. Bin mir bis heute nicht schlüssig, ob ich so einer Kreuzfahrt was abgewinnen kann, oder ob ich mich nach einem Tag auf dem Stahlkoloss schon langweile. Die nächtlichen Überfahrten von Brindisi (Italien) nach Patras (Griechenland) waren mir oft schon lang genug. Das Traumschiff-Buch von Christoph Maria Herbst kann ich übrigens überhaupt nicht empfehlen. Dann schon eher das Buch von David Foster Wallace, Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich. Die englische Version des Buches ist die bessere Wahl, weil das Kreuzfahrterlebnis da nur einer mehrerer Aufsätze ist.
2. Armes Schiff....
el burgués furioso 12.05.2011
....das sich nicht wehren kann gegen eine Namensgebung, bei der es mir die Schuhe auszieht. Gibt es den abseits der Szene der sogenannten "Kreativen" tatsächlich jemanden, der diese anbiedernden Begriffe wie "mySAP" oder gar "Mein Schiff" auch nur im Ansatz gut findet? Ich hätte da noch ein gute Vorschläge für die Zukunft: Haustiere: "Mein Hund", "Mein Meerschweinchen" Abkömmlinge: "Mein Kind", bei mehreren "Mein Kind 2" und "Mein Kind 3" Stromerzeugung: "Mein Atomkraftwerk" Steuerbehörden: "Mein Finanzamt" Boni von Finanzmanagern: "Mein Bankraub"
3. x
mmueller60 12.05.2011
---Zitat von el burgués furioso--- ....das sich nicht wehren kann gegen eine Namensgebung, bei der es mir die Schuhe auszieht. Gibt es den abseits der Szene der sogenannten "Kreativen" tatsächlich jemanden, der diese anbiedernden Begriffe wie "mySAP" oder gar "Mein Schiff" auch nur im Ansatz gut findet? [...] Haustiere: "Mein Hund", "Mein Meerschweinchen" Abkömmlinge: "Mein Kind", bei mehreren "Mein Kind 2" und "Mein Kind 3" ---Zitatende--- Amen! Herzlichen Dank für diesen Beitrag :) Es geht weiter bei Login-Bereichen aller möglichen Diensleister, ob "my Fyve" beim Mobilfunkanbieter oder "meine DAK" bei der Krankenversicherung...
4.
sponner_hoch2 12.05.2011
Zitat von el burgués furioso....das sich nicht wehren kann gegen eine Namensgebung, bei der es mir die Schuhe auszieht. Gibt es den abseits der Szene der sogenannten "Kreativen" tatsächlich jemanden, der diese anbiedernden Begriffe wie "mySAP" oder gar "Mein Schiff" auch nur im Ansatz gut findet? Ich hätte da noch ein gute Vorschläge für die Zukunft: Haustiere: "Mein Hund", "Mein Meerschweinchen" Abkömmlinge: "Mein Kind", bei mehreren "Mein Kind 2" und "Mein Kind 3" Stromerzeugung: "Mein Atomkraftwerk" Steuerbehörden: "Mein Finanzamt" Boni von Finanzmanagern: "Mein Bankraub"
In der Tat, mir persönlich gehen diese my/mein Produktnamen auch gehörig auf den Senkel. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass diese Namen doch einen positiven (Verkaufs)Effekt haben / der Effekt angenommen wird (denn das ist der Sinn der Sache), auch wenn sie keiner gut findet (denn das ist nicht unmittelbar wichtig). Meine Hypothese: Die Namensgebung "Mein Schiff" führt nicht zu höheren Erstverkaufszahlen. Aber durch die ständige Aussprache des Begriffs "Mein Schiff" (wenn man vom Urlaub erzählt etc.) pflanzt sich unterbewußt ein, dass es wirklich mein Schiff ist und erhöht dadurch die Kundenbindung (zusammen mit anderen Mechanismen der Kundenbindung, die hier jetzt zu weit gehen) und somit den Anteil der Folgekäufe.
5. mein
StJames 12.05.2011
Zitat von sponner_hoch2In der Tat, mir persönlich gehen diese my/mein Produktnamen auch gehörig auf den Senkel. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass diese Namen doch einen positiven (Verkaufs)Effekt haben / der Effekt angenommen wird (denn das ist der Sinn der Sache), auch wenn sie keiner gut findet (denn das ist nicht unmittelbar wichtig). Meine Hypothese: Die Namensgebung "Mein Schiff" führt nicht zu höheren Erstverkaufszahlen. Aber durch die ständige Aussprache des Begriffs "Mein Schiff" (wenn man vom Urlaub erzählt etc.) pflanzt sich unterbewußt ein, dass es wirklich mein Schiff ist und erhöht dadurch die Kundenbindung (zusammen mit anderen Mechanismen der Kundenbindung, die hier jetzt zu weit gehen) und somit den Anteil der Folgekäufe.
:-)
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"Mein Schiff 2"
Reederei TUI Cruises
Bauwerft Meyer Werft GmbH
Baujahr 1997
Länge 262,5 Meter
Breite 32,2 Meter
Tiefgang 8,5 Meter
BRT 77.713
Antriebsleistung 31.500 kW
Geschwindigkeit 21,5 Knoten
Passagierkabinen max. 1912
Passagiere max. 1912
Crew-Mitglieder circa 780
Quelle: TUI Cruises

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