Massenmord und Terror Was tun, wenn der Urlaubsort zum Anschlagsziel wird?

Ob Berlin, Barcelona oder jetzt Las Vegas - immer wieder werden Metropolen zum Ziel von Anschlägen. Viele Touristen sind verunsichert. Wie sollen sie sich im Ernstfall verhalten?

Touristen und Einheimische flüchten nach dem Terroranschlag auf den Ramblas in Barcelona.
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Touristen und Einheimische flüchten nach dem Terroranschlag auf den Ramblas in Barcelona.

Von Birte Bredow


Ein Massenmörder hat sich in Las Vegas ein Konzertgelände als Ziel gesucht. 58 Menschen starben in einer Stadt, die als Top-Touristenattraktion der USA gilt. Auch der Terroranschlag im August zielte auf das touristische Zentrum Barcelonas. Ein Lieferwagen raste in die Menschenmenge, die auf der Flaniermeile Las Ramblas unterwegs war. 16 Menschen starben, mehr als 120 wurden verletzt. Viele von ihnen waren Urlauber, die Opfer stammen aus 34 verschiedenen Ländern.

Immer wieder wählen Attentäter beliebte Touristenziele für einen Anschlag aus.

Wer über einen Urlaub nachdenkt, fragt sich womöglich "Wo kann ich überhaupt noch hinreisen? Welche Ziele sind sicher?" Genau diese Verunsicherung wollen Terroristen erreichen.

Klar ist: Nach wie vor ist es sehr unwahrscheinlich, Opfer eines Attentats zu werden. Das Risiko wird laut Studien oft extrem überschätzt, dennoch ist das unsichere Gefühl nur schwer zu bekämpfen. Der englische Risikoforscher David Spiegelhalter sagte in einem SPIEGEL-Interview: "Die reale und die gefühlte Gefahr sind zwei sehr verschiedene Dinge."

"Sich vor einem Terrorakt zu schützen, ist nahezu unmöglich" - das schreibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Wie man sich aber im Ernstfall verhalten sollte, dazu gibt das BBK in einem Flyer Tipps - und hier auch Walfried Sauer. Er hat früher in einer Antiterroreinheit gearbeitet, vor mehr als 20 Jahren gründete er die Result Group, ein Beratungsunternehmen für Risiko- und Krisenmanagement.

Szenario 1: Unmittelbar betroffen

Menschen, die die London Bridge überquerten, erlebten Anfang Juni aus nächster Nähe, wie ein Transporter mehrere andere Fußgänger anfuhr. "Den gesunden Menschenverstand einschalten und so gut es geht die Ruhe bewahren", sagt Sauer. Wer das schafft, kann entscheiden, ob es sinnvoller sei, sich zu verstecken oder zu flüchten.

Die Londoner Polizei empfahl nach dem Anschlag die dreistufige Verteidigungstaktik "Run, hide, tell", auf Deutsch ungefähr "wegrennen, verstecken, Polizei rufen". Sich in Sicherheit zu bringen, sei besser als sich zu ergeben oder zu verhandeln. Die Methode wurde von Kritikern als Zeichen der Schwäche verstanden, zumal sich einige Londoner erfolgreich gegen die Attentäter zur Wehr gesetzt hatten. Wie man reagieren sollte, wenn man dem Attentäter direkt gegenübersteht, zeigt unser Video über ein Antiterrortraining.

Szenario 2: Am Anschlagsort, aber nicht direkt betroffen

Rund 600 Menschen waren in der Silvesternacht im Istanbuler Nachtklub Reina, als ein Attentäter begann, um sich zu schießen. Weit mehr feierten aber in anderen Ecken der türkischen Metropole in das neue Jahr. Welches Verhalten ist in einer vergleichbaren Situation empfehlenswert?

Wer unterwegs ist oder in seiner Unterkunft Gerüchte über einen Anschlag hört, sollte sich zunächst einmal einen Überblick über die Situation verschaffen. Ulrich Heuer, Leiter des Krisenmanagements bei der TUI, empfiehlt, sich bei den Einsatzkräften und in den örtlichen Medien auf dem Laufenden zu halten.

Oft berichten die örtlichen Behörden auf ihrem Twitter-Account zeitnah über das Geschehen und geben auch Verhaltensratschläge. Die Mossos d'Esquadra, die katalanische Polizei, hat nach dem Barcelona-Anschlag beispielsweise auch auf Englisch informiert, allerdings langsamer als in der Landessprache - und recht kryptisch:

"Wenn die Täter möglicherweise noch auf der Flucht sind, würde ich im Hotel bleiben und die Lage beobachten", sagt Sauer. Auch wer unterwegs sei, solle sich nicht zu viel fortbewegen, bis die Lage geklärt sei. Er empfiehlt, verschiedene Quellen zu vergleichen.

Was sonst noch wichtig ist

Der Fußballer Lucas Digne spielt für den FC Barcelona und die französische Nationalmannschaft. Nach dem Anschlag in Barcelona sorgte er aber nicht mit sportlichen Leistungen, sondern mit seiner Hilfsbereitschaft für Aufsehen. Der 24-Jährige, der in der Nähe des Anschlagsorts wohnt, lief auf die Straße und leistete mehreren Verletzten erste Hilfe. Ist das nachahmenswert?

Oberste Prämisse ist laut BBK, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Wer nicht helfen kann, solle aber nach Möglichkeit die Einsatzkräfte auf verletzte Personen aufmerksam machen.

Angehörige und das Auswärtige Amt informieren

  • Wer gerade knapp einem Anschlag entgangen ist, vergisst vielleicht in der Hektik, dass sich Angehörige Sorgen machen. Zumal die Erreichbarkeit in solchen Situationen, etwa durch ein überlastetes Handynetz, erschwert sein kann. Daher - wenn's möglich ist - zu Hause melden. Das BBK rät allerdings, Telefonate so knapp wie möglich zu halten, damit die Leitungen nicht zusammenbrechen.
  • Auch "ist es sinnvoll, das Auswärtige Amt zu informieren", sagt Walfried Sauer.
  • Der Safety Check von Facebook bietet Nutzern die Möglichkeit, allen "Freunden" auf einmal mitzuteilen, dass sie in Sicherheit sind - sofern diese das soziale Netzwerk ebenfalls nutzen.
  • Sauer empfiehlt Urlaubern, sich bereits vor der Reise in die Datenbank Elefand (Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland) des Auswärtigen Amts einzutragen. Im Krisenfall ist so bekannt, dass sich eine Person in dem jeweiligen Land aufhält.
  • Auch seinen Reiseveranstalter sollte man informieren. "Es ist wichtig, dass unsere Kunden ihre Handynummer bei der Buchung hinterlegen", meint TUI-Krisenmanager Heuer, "damit wir ihnen im Krisenfall helfen können und ihnen wichtige Informationen per SMS direkt aufs Mobiltelefon senden können." Das gelte insbesondere bei Städtezielen wie Barcelona, wo es keine Reiseleitung vor Ort gebe.

Einfluss auf das Reiseverhalten

Diese Tipps können helfen, das Sicherheitsgefühl derjenigen zu steigern, die demnächst nach Paris, London oder Barcelona fahren. Dennoch entscheiden sich einige für angeblich sichere Ziele oder bleiben sogar ganz zu Hause.

Im vergangenen Jahr ist der Umsatz der deutschen Reiseveranstalter erstmals seit Jahren gesunken, auch aufgrund von Anschlägen. Risikoforscher Spiegelhalter sagte dem SPIEGEL, dass er ein gewisses Verständnis für Personen habe, die ihr Reiseziel ändern: "Zwar täuschen sie sich, was das reale Risiko angeht, aber emotional geht es ihnen besser."



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