Familienurlaub unter Wasser Wie Kinder ohne Risiko tauchen lernen

Wer Nemo und Flipper in die Augen schauen will, muss Flossen und Atemgerät anlegen. Meer- und tierbegeisterte Kinder sollten jedoch nicht zu früh mit dem Tauchen beginnen. Experten geben Tipps, worauf Eltern achten sollten.

Werner Lau

Von Linus Geschke


Welches Kind träumt nicht davon? Zutritt zu einer Welt zu erhalten, die den meisten verborgen bleibt. Delfinen zu begegnen, Mantas bei ihrem Unterwasserflug zu beobachten und sich schwerelos wie ein Astronaut zu fühlen. Doch vor der Erfüllung des Traums steht die Tauchausbildung.

Schon ab acht Jahren dürfen Kinder bei den kommerziellen Ausbildungsorganisationen wie PADI oder SSI in einem Pool bis zwei Meter Tiefe tauchen. Ab zehn ist dann das Tauchen im Meer erlaubt - immer in Begleitung eines ausgebildeten Erwachsenen und nur bis maximal zwölf Meter Tiefe. Zwei Jahre später sind, je nach Verband und Brevet, sogar 21 Meter Tiefe drin.

Vielen Experten scheint das jedoch zu früh und zu tief zu sein. Beim Tauchen steigt der Wasserdruck alle zehn Meter um 1 bar an; dementsprechend stark wird die Atemluft komprimiert, die der Taucher aufnimmt. Winzige Bläschen sammeln sich in der Blutbahn und im Gewebe an. Erfolgt dann der Aufstieg zu schnell und unkontrolliert, werden die Luftbläschen durch den nachlassenden Druck schlagartig größer und können verheerenden Schäden anrichten. Im Extremfall sind ein Lungenriss oder Lähmung die Folge.

Dies ist ein Grund, warum der Tauchlehrer René Kremers auch dafür plädiert, den Einstieg erst mit zwölf Jahren möglich zu machen: "Meiner Meinung nach sind die zugelassenen Maximaltiefen nicht altersgerecht, da bei den Kleinen noch kein wirkliches Risikobewusstsein vorhanden ist."

Auch die Kindertherapeutin Ruth Sodann sieht die starren Regeln von PADI und Co. eher problematisch: "In dem Alter ist die geistige Reife von Kindern sehr unterschiedlich entwickelt. Eltern sollten sich deshalb zuvor fragen: Kann mein Nachwuchs komplexere Zusammenhänge bereits erfassen? Ist er in der Lage, Konzentration auch über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten? Fragen, die man nur individuell beantworten kann."

Nur ein bis zwei Kinder pro Tauchlehrer

Dagegen sagt Tauchmediziner Ralf Busch: "Das Problem sind weniger die Regularien der Verbände, sondern übermotivierte Eltern, die es nicht abwarten können, mit ihrem Kind die tollsten Abenteuer zu erleben." Häufig muten sie ihrem Nachwuchs dann zu viel zu, glaubt er. "Wenn ich solche oft aus Vater und Sohn bestehenden Buddy-Teams am Riff in 35 Metern Tiefe sehe, schwillt mir schon der Kamm! Es gab durchaus schon 'Tauchväter', die ich am liebsten angezeigt hätte."

Busch verweist darauf, dass es bislang noch keine Langzeituntersuchung gibt, die die Spätfolgen des Atmens unter hohem Wasserdruck auf eine noch nicht voll entwickelte Lunge untersucht hat. "Ich will das aber auch nicht dramatisieren", sagt er. "Generell ist Tauchen eine sehr sichere Sportart, auch mit Kindern." Diese sollten nur vorher unbedingt bei einem mit dem Thema vertrauten Arzt eine Tauchtauglichkeitsuntersuchung absolviert haben. Von einem spontanen Tauchkurs im Urlaub hält er gar nichts: "Meist muss man dort nur ein Formblatt unterschreiben, auf dem man versichert, dass das eigene Kind gesund ist."

Einer, der sich mit dem Thema in der Praxis ebenfalls gut auskennt, ist Mirko Obermann. Auf seinen sechs Tauchbasen bildet er jährlich bis zu 150 Kinder aus. "Neben der unbedingt einzuhaltenden Maximaltiefe gibt es noch weitere Faktoren, die man beachten muss", sagt der gebürtige Franke, der jetzt in Ägypten lebt. "Keine Wiederholungstauchgänge zum Beispiel; einmal tauchen am Tag genügt. Dazu sollte an der Tauchschule eine spezielle Ausrüstung für Kinder vorhanden sein, darunter auch kleinere Pressluftflaschen mit vier oder sechs Litern Inhalt - die Standardgrößen sind für Kinder noch zu groß."

Das Wichtigste jedoch sei der Tauchlehrer, sagt Obermann: "Von ihm ist bei der Kinderausbildung ein großes pädagogisches Einfühlungsvermögen gefragt. Jedes Kind ist anders, und darauf muss er eingehen können. Das geht auch nur in kleinen Gruppen, wo ein Tauchlehrer sich lediglich um ein bis zwei Kinder kümmert - so, wie es die Ausbildungsorganisationen zumeist auch vorschreiben."

Tauchen als Familiensport

Tauchlehrer Thomas Jurkschat wird häufig von seiner zwölfjährigen Tochter auf seinen Streifzügen begleitet, die durch heimische Seen und tropische Meere führen. "Es gibt viele Dinge, die man nicht einfach von groß - also Erwachsenen - auf klein umrechnen kann", sagt der Vater. "Eine Raupe ist auch kein kleiner Schmetterling, und so sollte man es auch beim Kindertauchen sehen."

Natürlich hat er seine Tochter anfangs auch mal bremsen müssen, sagt er. "Beispielsweise, wenn sie mal wieder einem Fisch hinterhergestürmt ist, als wenn es der Einzige im Ozean wäre." Mit Tiefenbeschränkungen und den für Kinder empfohlenen langsamen Aufstiegsgeschwindigkeiten gab es dagegen nie Probleme: "Hierauf haben wir sie vor jedem Tauchgang hingewiesen; das hat sie sofort verstanden. Außerdem achtet man als Erwachsener ja ganz besonders auf Kinder und bleibt den kompletten Tauchgang über dicht bei ihnen. So könnten wir direkt eingreifen, wenn mal etwas danebengehen sollte."

Ansonsten kann der 46-Jährige den Tauchgängen mit dem eigenen Nachwuchs nur Vorteile abgewinnen. "Man macht in den Ferien als Familie deutlich mehr gemeinsam und erlebt Dinge, die andere nicht erleben. Dazu finden Taucher - und somit auch deren Kinder - im Urlaub immer schnell Anschluss. Und der Moment, wenn unsere Tochter unter Wasser etwas Besonderes entdeckt hat und voller Begeisterung ist, ist sowieso mit keinem Geld der Welt zu bezahlen."

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sebastian.teichert 25.06.2014
1. -.-!!!
Man muss ja auch direkt mit tauchen anfangen! Schnorcheln reicht heute natürlich genau so wenig, wie ein einfaches Pausenbrot in der Schule, ein Handy und einer Spielkonsole und nicht 3 zu einem Weihnachten! Verstehe ich ja schon... -.-
kosmopoli 25.06.2014
2. Hurra Sommerthemen
langsam aber sicher bereiten wir uns auf das Sommerloch vor... Davon abgesehen kann ich die Meinung der Experten nur bestätigen, ich (33) tauche seit meinem 13 Lebensjahr also seit 20Jahren, die Selbstüberschätzung einzelner und die Sucht nach Tiefenangaben führt zu Zwischenfällen. Meine Tochter möchte eigentlich schon immer mitkommen hat mit ihren 6 Jahren aber noch deutlich Zeit, da gehen wir halt Schwimmen und Schnorcheln da kann man auch viel entdecken.
maco 25.06.2014
3. Zu früh
Ich halte den Einstieg ins Gerätetauchen wie erwähnt auch zu früh - ab Teenageralter wäre sicher passender, weil man idealerweise auch die physikalischen und physiologischen Zusammenhänge verstehen können sollte. Ich selbst bin begeisterter Apnoe- oder Freitaucher (ABC-Ausrüstung) und werde meinen Sohn sicher auch da ranführen - aber der muss jetzt erstmal Schwimmen lernen, bevor er Tauchen darf :-)
gelegenheitsposter2 25.06.2014
4. blablabla
Die Tauchindustrie lebt nun mal davon jeden, aber auch jeden irgendwie unter Wasser zu bekommen und vor allen Dingen auszurüsten und auszubilden. Ein wirklich abgesicherter Tauchgang mit Kindern ist nur mit zwei erwachsenen, noch dazu SICHEREN Tauchern möglich. Es reicht schon dass ein Kind unsicher wird und trotz guter Ausbildung nicht neben, sondern leicht hinter dem Ausbilder taucht .... in so einem Fall ist dann der zweite Begleiter des Tauchgangs in der Lage das Kind abzusichern. Dann muss niemand in den Tauchgang eingreifen und dem Kind ein Negativerlebnis bescheren. Eine fundierte Grundausbildung in der Halle und im Pool beinhaltet ca. 10-20 Stunden aktive Zeit UNTER Wasser und nicht die vielfach beobachteten Gespräche an der Wasseroberfläche mit mehreren Teilnehmern. In der Tauchindustrie und auch in den Vereinen werden die Anforderungen immer weiter reduziert um Kasse zu machen oder dem Wunsch der Vereinsmitglieder zu genügen .... vielen Ausbildern fehlt es auch schlicht an Einsicht wie sicher so eine Unternehmung gestaltet werden sollte.
thomas6049 25.06.2014
5. Das Tauchen der Kinder
Ich finde das Tauchen von Kindern, so wie beschrieben gut. Ein ausgebildeter und erfahrener Tauchlehrer mit max . 2 Kindern und zeitlicher Begrenzung für eine Stunde am Tag würde ich begrüßen. Dann lernen sie ,wenn auch später, die Unterwasserwelt kennen, was die Menschen auch falsch machen (z.B. Pastikmüll).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.