Griechischer Tourismus in Krisenzeiten "Eine Rückkehr zur Drachme wäre verheerend"

Die Schuldenkrise verdirbt manchen griechischen Hoteliers das Geschäft. Wer kommt, hilft der Bevölkerung, sagt der Chef des Tourismusverbandes Sete, Andreas Andreadis. Die Last-Minute-Buchungen, warnt er, brechen jedoch massiv ein.

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Ein Interview von und


  • Xinhua Press/ Corbis
    Andreas Andreadis, Jahrgang 1953, ist CEO der Hotelkette Sani und Präsident des griechischen Tourismusverbandes Sete. Die Vereinigung repräsentiert über 50.000 Unternehmen mit über 350.000 Mitarbeitern.
  • Webseite von Sete
SPIEGEL ONLINE: Herr Andreadis, der Tourismus ist eine sehr wichtige Einnahmequelle in Griechenland. Hat die derzeitige politische und wirtschaftliche Krise negativen Einfluss auf Ihre Branche?

Andreadis: Ja, eindeutig. Eigentlich haben wir eine neue Rekordsaison erwartet, mit mehr als 25 Millionen Gästen im Vergleich zu 24 Millionen Gästen im vergangenen Jahr. Aber jetzt, mitten in der Hochsaison, droht uns ein mögliches Desaster. Wir sind die Leidtragenden dieses politischen Spiels.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Andreadis: In normalen Zeiten haben wir in der Hochsaison bis zu 120.000 Last-Minute-Buchungen täglich. Diese Zahl ist nach Beginn der Kapitalverkehrskontrollen um bis zu 40 Prozent eingebrochen. Wenn sich die Situation in unserem Land verbessert, können wir bei diesen Buchungen wieder zulegen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Leute, die sagen, die griechische Tourismusbranche könnte davon profitieren, wenn das Land zur Drachme zurückkehren würde - weil der Urlaub wegen einer vergleichsweise weichen Drachme dann vermutlich preiswerter würde. Was halten Sie davon?

Andreadis: Das muss ein Witz sein! Der Tourismus spiegelt das Leben in unserem Land wider. Können Sie sich vorstellen, dass Menschen aus aller Welt zu uns kommen, um verarmte und verzweifelte Griechen zu sehen? Wir sind kein Dritte-Welt-Land mit Touristengettos. Wir sind unter den Top 15 der weltweiten Touristenziele, es geht uns um hohe Qualitätsstandards. Mit Einführung des Euro ist es uns gelungen, die Einnahmen aus dem Tourismus schneller zu steigern als etwa Spanien, Frankreich und Italien. Eine Rückkehr zur Drachme wäre verheerend.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie bestätigen, dass manche Hotels in Ihrem Land keine Kreditkarten mehr akzeptieren?

Andreadis: Nein, das ist nicht richtig. Es ist zudem gegen das Gesetz, Zahlungen per Kreditkarte nicht zu akzeptieren. Es kommt höchstens bei kleineren Betrieben vor. Kleine Tavernen zum Beispiel haben kein E-Banking und benötigen Bargeld, etwa für Gehälter oder um Zulieferer zu bezahlen. Bei größeren Hotels und Restaurants gibt es diese Probleme nicht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es derzeit, abgesehen von der schwachen Buchungslage, weitere Probleme für griechische Tourismusunternehmen?

Andreadis: Ja, das betrifft sämtliche Branchen: Um einen weiteren Abfluss von Kapital ins Ausland zu verhindern, müssen Überweisungen auf ausländische Konten derzeit vom Finanzministerium genehmigt werden. Griechische Unternehmen importieren aber viel. In der zuständigen Kommission im Finanzministerium sitzen derzeit lediglich fünf Leute - sie sind angesichts massenhafter Anträge offenbar überlastet.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bereits wichtige Güter, die knapp werden?

Andreadis: Wir wollen natürlich verhindern, dass es Knappheiten bei Nahrungsmitteln und Getränken gibt, die in Hotels und Restaurants serviert werden. Es gibt derzeit noch keine Probleme. Aber wenn sich die Lage nicht bessert, könnte es in einigen Wochen schwierig werden - nicht nur in Hotels und Restaurants, sondern auch in Supermärkten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht gerade so, als könnten Sie derzeit einen Urlaub in Griechenland empfehlen!

Andreadis: Im Gegenteil! Es hat für uns höchste Priorität, dass unsere Gäste in Griechenland einen schönen und erholsamen Urlaub erleben. Sollten irgendwelche Probleme drohen, werden wir die Ersten sein, die die Touristen informieren - auch wenn es schlecht für unser Geschäft sein sollte. Wir müssen ihnen gegenüber ehrlich sein. Es gibt derzeit überhaupt keinen Grund, nicht nach Griechenland zu reisen. Die 800.000 Touristen, die derzeit ihren Urlaub bei uns genießen, sind der beste Beweis dafür. Wer hierher kommt, hilft damit außerdem unserer Bevölkerung - und nicht den Politikern, ganz gleich aus welcher Partei, die verantwortlich für die derzeitigen Schwierigkeiten sind.

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bonngoldbaer 02.07.2015
1. Jetzt noch nicht
Leider habe ich erst im August Urlaub. Sonst würde ich gern am Sonntag kommen, um mit meinen griechischen Freunden den Sieg des griechischen Volks über die EU-hörigen Ja-Sager zu feiern.
dr.b70 02.07.2015
2.
Ein Verbleib im Euro erst recht!
abraham lincoln 02.07.2015
3. Eine Beibehaltung des Euro wäre noch verheerender
Eine Beibehaltung des Euro wäre noch viel viel verheerender. Aber den Beitritt zum Euro hat sich Griechenland mit frisierten Daten erschwindelt. Die restlichen Euroländer haben teilnahmslos zugeschaut und Milliarden ihrer Steuergelder in Griechenland verbrennen lassen. Wie auch immer, es wird richtig teuer, für Griechenland und die restlichen Euroländer. Und das alles hätte vermieden werden können.
tageskolumne 02.07.2015
4. Natürlich bietet die Drachme viele gute Chancen
Sehr erfolgreiche Tourismus-Länder haben keinen Euro: man denke an die Türkei, die relativ günstigen Luxus anbieten kann, wovon Touristen und Gastgeber gleichermaßen profitieren. Dann hat sich ja seit jahren abgezeichnet, dass Griechenland nicht reif für den Euro war und wohl auch bei strengerer Prüfung der Wirtchaftsdaten gar nicht zugelassen hätte werden dürfen. Nun sagen führende Ökonomen weltweit, dass die Rückkehr zur Drachme durchaus viele aktuelle Vorteile für die Griechen mit sich bringe: Förderung einheimischer Produkte, die ja in Hülle und Fülle vorhanden sind, von Obst und Gemüse über Wein und andere Lebensmittel bis hin zu Handwerks- und Bauleistungen. Die Drachme als Konjunkturprogramm würde aber auch ausländische Investoren anreizen, denn der Einstige in den Produktions-Standort Greece würde sich vergünstigen. Stabilität wäre aber das noch wichtigere Argument. Ein Land, das so wenig Steuer-ehrlich ist wie Griechenland, bracht Spielraum bei seiner Währung, um Defizte besser kompensieren zu können. Und da die Drachme dann ja nicht ein anonymes, virtuelles Zahlungsmittel "aus Brüssel" wäre, sondern etwas "eigenes", was allen Griechen gehört, würde der Druck auf Steuersünder automatisch steigen. Wie offenbar Sahra Wagenknecht sagte: wenn die reichsten 600 griechischen Familien ihre Steuern zahlen würden, gäbe es diese Krise nicht. Wohlan! Mit der Drachme und einem neuen Soidaritätsgefühl haben die Griechen mehr denn je die Chance, als Volkswirtschaft zu gesunden.
Alfred Ahrens 02.07.2015
5. Die Drachme kommt und Varoufakis geht, was denn sonst ???
Griechenland wird so attraktiv für Touristen mit wenig Geld wie nie. Was soll also passieren ? Nichts, alles ok. Und irgendwann wird sich keiner mehr aufregen. Ausser die griechischen Wirte in Deutschland, weil keiner mehr hingeht. Man braucht nicht das Orakel zu befragen um die traurrige Zukunft der armen Menschen in Griechenland zu erkennen.
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