Tourismus in Nahost "Die Gewalt macht uns alles kaputt"

Gerade erst begann sich der Tourismus in den Nahoststaaten wieder zu beleben, doch mit der neuen Gewalteskalation schwinden die Hoffnungen auf eine dauerhafte Erholung. Allerdings beurteilen Tourismusvertreter vor Ort die Auswirkungen auf die jeweiligen Länder unterschiedlich.

Von Florian Harms


Hamburg - Kampfflugzeuge bombardieren Dörfer, Raketen regnen auf Wohnhäuser, Panzer rollen durch die Straßen: Der Südlibanon, Nordisrael und der Gaza-Streifen sind in diesen Tagen beileibe keine Orte, an denen man sich als Tourist aufhalten möchte. Auch wenn die unmittelbaren Kampfhandlungen lokal begrenzt sind, ziehen sie doch die ganze Nahostregion in Mitleidenschaft: Wenn es in Israel und im Libanon knallt, leiden auch die umliegenden Staaten. Weil Urlauber ihre Reisen abbrechen oder bereits vor Antritt stornieren, verbuchen Hotels, Restaurants, Geschäfte und Reiseführer zum Teil erhebliche Einkommensverluste.

Tausende von Ausländern sind seit Freitag aus dem Libanon ausgereist, darunter auch zahlreiche Touristen. 200 Deutsche haben den Zedernstaat auf dem Landweg verlassen, die Bundesregierung will weitere 500 Deutsche in Sicherheit bringen. Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für den Libanon und für den Gaza-Streifen herausgegeben und rät dringend vor Touren in den Norden Israels und ins Westjordanland ab. Aber auch in Jerusalem, einem der beliebtesten Touristenziele im Nahen Osten, empfiehlt das Ministerium besondere Vorsicht.

Mit dem Tourismus trifft die gegenwärtige Eskalation auch einen Wirtschaftszweig, der sich gerade erst wieder zu erholen begann. Die Tempelruinen von Baalbek im Libanon oder die Omayyaden-Moschee in der syrischen Hauptstadt Damaskus, die Felsengräber im jordanischen Petra oder der Felsendom in Jerusalem – in der Region liegen zahlreiche Kulturschätze, viele zählen zum Unesco-Weltkulturerbe.

Nach einem Einbruch der Gästezahlen zu Beginn des Irak-Kriegs im Jahr 2002 verzeichneten alle Nahostländer in den vergangenen drei Jahren wieder einen rasch wachsenden Zustrom von Urlaubern. 2005 besuchten laut der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) 900.000 Touristen den Libanon und knapp zwei Millionen Israel. In Jordanien waren es sogar 5,8 Millionen, in Syrien 3,4 Millionen. Nachdem der Mord an Ministerpräsident Rafik Hariri im vergangenen Jahr kurzfristig für einen leichten Rückgang gesorgt hatte, erwartete Nada Ghandour, Generaldirektorin des libanesischen Tourismusministeriums, in diesem Jahr eine Steigerung der Gästezahlen um 20 Prozent. Mithilfe vereinfachter Visaregeln wollte ihr Ministerium bis 2010 die Besuchermarke von zwei Millionen knacken.

Auch Israel hatte große Pläne. Ein Entwicklungsprogramm mit dem inoffiziellen Namen "Revolution" sollte die touristische Infrastruktur auf eine ganz neue Basis stellen. Das ambitionierte Ziel war nicht weniger als die Verdopplung der Gästezahlen bis 2011. Auch Syrien und Jordanien investierten verstärkt in Entwicklung und Ausbau von Hotels, Straßen, Museen und Kulturstätten. So stampften etwa saudi-arabische Investoren in Damaskus einen gigantischen Hotelkomplex aus dem Boden.

Ob sich diese Investitionen rentieren, steht angesichts der neuerlichen Eskalation in den Sternen. "Die Lage bei uns ist ruhig, aber wir haben Angst. Keiner weiß, ob die Israelis nicht als nächstes Damaskus bombardieren", sagt Tarif Tabaa, syrischer Reiseleiter, im Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir machen ganz normal unsere Arbeit und betreuen die Touristen, die noch hier sind. Aber mehrere Gruppen haben bereits ihre Reisen storniert. Das ist eine Krise wie nach dem 11. September oder zu Beginn des Irak-Kriegs. Die Gewalt macht unseren Tourismus kaputt."

Soeben hat er erfahren, dass zwei mexikanische Gruppen, die er durchs Land führen sollte, nun gar nicht erst anreisen. Deutsche Urlauber gibt es derzeit ohnehin nur wenige in Syrien. "Den Deutschen ist es hier im Sommer zu heiß, die kommen traditionell im Herbst oder im Frühjahr", sagt Tabaa. "Aber dieses Jahr werden sie wohl ganz ausbleiben. Den Reiseherbst können wir vergessen. Selbst wenn die Lage sich irgendwann wieder beruhigt hat, wird es noch einige Zeit dauern, bis die Touristen wieder kommen."

"Wir bekommen hier kaum etwas mit"

In der Tat schwinden die Hoffnungen auf eine lukrative Saison – zumindest bei Kultur- und Studienreisen, die in der Region traditionell stark vertreten sind. Die führenden deutschen Anbieter haben ihre Touren storniert: Studiosus aus München hat ebenso wie Dertour und Meier's Weltreisen bis 31. Oktober alle Reisen nach Israel und in den Libanon abgesagt. Dr. Tigges aus Kiel bläst bis 30. September alle Reisen nach Libanon, Syrien und Jordanien ab, Mutterkonzern TUI hat zumindest bis Ende Juli das komplette Israel-Programm abgesagt. Die meisten Veranstalter bieten ihren Kunden kostenlose Umbuchungen oder Stornierungen an.

Ob der Tourismus im Nahen Osten aufgrund der anhaltenden Gewalt dauerhaft einbrechen und damit auf Jahre hinaus die Wirtschaft geschädigt wird, ist allerdings umstritten. Zumindest gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Ein jordanischer Reiseleiter ist weniger pessimistisch als sein syrischer Kollege: "Wir bekommen hier bislang kaum etwas von der Eskalation mit", sagt Ayyad Ayyad aus Amman zu SPIEGEL ONLINE. "Es klingt zynisch, aber für den Fremdenverkehr ist es eigentlich positiv, dass diese Gewaltwelle nicht in der Winterjahreshälfte, sondern jetzt im Sommer passiert, wo wegen der Hitze sowieso weniger Urlauber hier sind."

Seine Auftraggeber haben bislang keine Stornierungen gemeldet. "Viele Leute können sehr wohl differenzieren: Zwar heißt die ganze Region Naher Osten, aber die einzelnen Länder sind sehr unterschiedlich und der Konflikt wird nicht automatisch über die Grenzen getragen. In unserem Nachbarland Irak herrscht ja nun schon seit Monaten Krieg – und dennoch kommen die Touristen zu uns." Im ersten Halbjahr 2006 seien die Besucherzahlen gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent gestiegen. Kommenden Sonntag erwartet Ayyad seine nächste deutsche Reisegruppe, bislang hat sie nicht abgesagt. "Wir haben keinen dauerhaften Rückgang zu erwarten", ist er sich sicher.

Das sieht Klaus Dietsch, Pressesprecher von Studiosus, ähnlich. "Wir rechnen damit, dass das Interesse am Nahen Osten nach dem Ende der unmittelbaren Eskalation wieder wächst. Denn es scheint sich hier um eine begrenzte Militäraktion zu handeln. Das ist etwas anderes als ein Terroranschlag, der die Menschen viel stärker verunsichert."

Auch Pinny Millo, israelischer Tourismusbeauftragter für Westeuropa, hofft darauf, dass der Tourismus nicht dauerhaft einbricht. "Noch sind die Hotels in Tel Aviv, Eilat und Jerusalem sogar überbucht", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. "Aber die große Frage ist, wie lange das jetzt noch weitergeht. Sollte die Lage sich in zwei Wochen beruhigen, dürften sich die Auswirkungen auf den Fremdenverkehr in Grenzen halten. Aber wenn sich die Eskalation bis in den September hinzieht, bekommen wir Probleme."

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