Tourismus in Sachsen-Anhalt Hoteliers saufen ab

So viele Weltkulturerbe-Stätten wie sonst nirgends in Deutschland drängen sich in Anhalt-Wittenberg. Obwohl vom Hochwasser nicht überflutet, will kaum ein Tourist sie besuchen - Hotels und Gaststätten stehen vor dem Aus.


Wittenberg: Die Altstadt blieb von der Flut verschont
DDP

Wittenberg: Die Altstadt blieb von der Flut verschont

Wittenberg - "Beim Hochwasser haben unsere Gastronomen und Hoteliers meist nicht einmal nasse Füße bekommen, jetzt aber saufen sie buchstäblich ab", sagt Kerstin Bittner vom Fremdenverkehrsverband Anhalt-Wittenberg resigniert. Obwohl die Fluten das historische Zentrum der Stadt gar nicht erreichten, bleiben die Gäste aus. "Im Westen denken sie, ganz Ostdeutschland war überflutet. Und in Übersee stellt man sich wohl vor, alle Deutschen sind nur noch mit Schwimmweste unterwegs", klagt Bittner. Dabei sind hier Weltkulturerbe-Stätten wie die Luthergedenkstätten, das Bauhaus in Dessau und das Dessau-Wörlitzer Gartenreich zu besichtigen.

Wenn in den vergangenen Wochen das Telefon bei Stefan Schelhaas von der Wittenberg-Information klingelte, handelte es sich kaum um Anfragen oder Buchungen, sondern meist um Absagen von Reiseveranstaltern. "Jährlich 250.000 Gäste aus dem In- und Ausland besuchen normalerweise die Stadt. Jetzt war bei uns wochenlang Totenstille", sagt er.

Ganz allmählich nur wird es wieder lebhafter in der Stadt, von der aus die Reformation um die Welt ging.. Dabei hatte der diesjährige Sommer für die ganze Region touristisch äußerst vielversprechend begonnen. Der bundesweite Trend zum Deutschlandurlaub war auch hier an steigenden Besucherzahlen spürbar, stellte der Fremdenverkehrsverband Anhalt-Wittenberg noch Anfang August fest.

Doch dann kam das Hochwasser. Der Schaden für das Hotel- und Gaststättengewerbe ist weit größer, als es die nüchternen Zahlen über ganz oder teilweise vom Wasser zerstörte Cafés und Restaurants ausdrücken, sagt Wolfgang Schildhauer vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Sachsen-Anhalt. Nach seinen Angaben betraf die Flut rund 50 Objekten direkt, 17 von ihnen mussten vorübergehend schließen. Der unmittelbar vom Hochwasser verursachte Schaden an Hotels und Restaurants wird in Sachsen-Anhalt auf bis zu 30 Millionen Euro geschätzt.

Fast dramatischer aber sind die indirekten Auswirkungen, von denen mindestens 500 Betriebe betroffen sind. Landesweit wurde etwa jede vierte Buchung von Reisen und Veranstaltungen abgesagt. In Anhalt-Wittenberg müssen touristische Unternehmen fast hundertprozentige Stornierungen verkraften, sogar Weihnachts- und Silvesterreisen sind betroffen.

"Der Winter wird sehr derb für die Hotellerie und Gastronomie des Landes", befürchtet Schildhauer. Er hoffe zwar, dass durch die derzeitige Tourismusflaute nicht ein einziger Arbeitsplatz verloren gehe, es sei aber mit 300 bis 400 Entlassungen zu rechnen. Auch um das zu verhindern, planen Dehoga und die Deutsche Zentrale für Tourismus Werbekampagnen für die vom Hochwasser betroffenen Regionen in Sachsen-Anhalt und Sachsen. Hotellerie und Gastronomie entlang der Elbe seien darauf angewiesen, dass noch in diesem Jahr wieder Touristen ins Land kämen, sagt Schildhauer. Manche Restaurants lockten schon mit Dumpingpreisen, um überhaupt Gäste bedienen zu können.



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