Tourismus in Sachsen "Nicht dem braunen Pöbel aussetzen"

Nach dem Wahlerfolg der NPD bei der Landtagswahl in Sachsen bleiben die ersten Touristen weg. Besonders betroffen ist die Neonazi-Hochburg Sächsische Schweiz.


Dresden - Nach einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des dortigen Tourismusverbandes sagte der Verbandsvorsitzende Klaus Brähmig am Samstag, zahlreiche Urlauber aus Westdeutschland, die ursprünglich in der Region Ferien machen wollten, hätten abgesagt. Außerdem hätten den Verband teilweise "beleidigende und unverschämte Meinungen" auf elektronischem Wege erreicht, so dass das Gästebuch des Tourismusverbandes im Internet am Montag, einen Tag nach der Landtagswahl vom letzten Sonntag, geschlossen worden sei.

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So habe ein Ehepaar seine Urlaubspläne auf Grund des Wahlerfolges der NPD mit dem Hinweis auf eine "braune Gegend" abgesagt. "Meine Frau ist Ausländerin und ich werde sie nicht Ihrem brauen Pöbel aussetzen", heißt es in einer entsprechenden E-Mail an den Verband.

In einem anderen Eintrag wird mitgeteilt: "Traurig, dass man nicht mehr die schöne Sächsische Schweiz besuchen kann. Wir haben immer unseren Urlaub dort verbracht, nun aber nie mehr". Auch ein Sängerbund aus Mannheim, der ursprünglich im nächsten Jahr mit 50 Personen eine mehrtägige Fahrt durch die Region geplant hatte, habe mit dem Hinweis auf das Ergebnis der Landtagswahl sein Vorhaben abgesagt, betonte Brähmig.

Erst ein "Heil Pirna", dann die Entschuldigung

Neben der Stornierung von geplanten Urlaubsreisen fragten viele potenzielle Gäste jetzt regelmäßig nach, was die Politik im Kampf gegen den Rechtsextremismus in Sachsen unternehme. Dies habe zum Beispiel eine promovierte Geoökologin aus Heidelberg getan, betonte der Verbandschef. Diesen Trend bestätigte auch Werner Kirschner, Inhaber mehrerer Hotels und Gaststätten in der Sächsischen Schweiz.

Am Samstag vor der Landtagswahl habe er Anzeigen in einer Hamburger Zeitung geschaltet und mit preisgünstigen Angeboten für den Herbst geworben. Nach der Wahlentscheidung habe er Anrufe von Interessenten bekommen, die ihm zunächst einmal ihre Ängste vor Rechtsextremisten und ihre Sorgen vor einem Aufenthalt in der Sächsischen Schweiz mitgeteilt hätten.

Arbeitslose und Geldadel

Nach Angaben von Brähmig setzt sein Verband auf Aufklärung. So sei es in einem Fall gelungen, ein Ehepaar aus Luxemburg doch noch umzustimmen, das seinen Urlaub fürs nächste Jahr abgesagt hatte und die E-Mail mit dem Hinweis auf die rechtsextremistische NPD mit "Heil Pirna", der Kreisstadt der Sächsischen Schweiz, unterzeichnete. Der Verfasser des Schreibens entschuldigte sich dann in seinem Antwortschreiben für diesen Zusatz.

Der Verbandschef verwies zudem auf eine Erklärung zu Weltoffenheit und Toleranz in der Sächsischen Schweiz, die bereits einen Tag nach der Wahl Landtags- und Bundestagsabgeordnete der CDU aus der Region sowie der Landrat Michael Geisler unterschrieben hätten. Auch die Mitarbeiter des Tourismusverbandes selbst haben eine Erklärung veröffentlicht, in der sie sich von der rechtsextremistischen NPD distanzieren und für Toleranz werben.

Geisler sagte, alleine in der Sächsischen Schweiz hätten 10.223 Menschen die NPD gewählt. Auf der Suche nach den Ursachen könne es aber nur differenzierte Antworten geben. Die Wähler seien nicht nur Arbeitslose gewesen. Er kenne Gegenden in der Sächsischen Schweiz, wo der Geldadel mit teuren Häusern und teuren Autos lebe. "Dort haben die Menschen zu mehr als 50 Prozent braun oder rot gewählt", betonte der Kommunalpolitiker.



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