Tourismusflaute am Roten Meer: Geisterstille in Mubarak-City

Aus Scharm al-Scheich berichtet

Leere Strände, ausgestorbene Restaurants, verwaiste Hotels: Nach den Unruhen in Ägypten ist der Tourismus am Roten Meer fast vollständig zum Erliegen gekommen. Vor allem kleinere Unternehmen fürchten um ihre Existenz - Teile von Scharm al-Scheich wirken wie eine Geisterstadt.

Ägypten: Hoffnung auf die Rückkehr der Touristen Fotos
DPA

Ahmed ist verzweifelt. "Was soll ich denn noch tun", fleht er eine völlig sonnenverbrannte britische Touristin an. "Wenn ich noch weiter mit dem Preis runtergehe, kann ich Ihnen den Bikini gleich schenken". Für 35 ägyptische Pfund, nur etwa fünf Euro, offeriert er seine Ware im sogenannten "Old Town" von Scharm al-Scheich. Die Meile aus Dutzenden kleinen, bunt getünchten Geschäften mit schlecht gemachten Pharaonen-Replika, Papyrus-Imitationen und Plagiaten von Marken-Handtaschen aus China ist schon recht heruntergekommenen, obwohl sie erst vor maximal zehn Jahren für die Scharen an Pauschaltouristen aufgebaut wurde.

Die Masche mit der Verzweiflung, sagt Ahmed nach seinem erfolglosen Versuch bei der Britin, wende er natürlich auch in normalen Zeiten an. Dann allerdings verkaufe er seine Ramsch-Bikinis an allzu gutgläubige Touristen für 15 oder 20 Euro, ein gutes Geschäft. Seit rund zwei Wochen aber, spätestens seit die europäischen Länder ihre rund 160.000 Touristen wegen der politischen Unruhen am Nil aus den weit entfernten Touristen-Nestern am Roten Meer zurückgeholt hatten, sei er wirklich am Ende. "Ich verkaufe praktisch gar nichts mehr", sagt er und dreht sich im Kreis. Außer einer langen Reihe von Taxis mit wartenden Fahrern und den dösenden Verkäufern ist niemand zu sehen im "Old Town", einem der Touristenmagnete der Stadt.

Die Unruhen in den Großstädten, sie haben den Tourismus in Ägypten zum völligen Stillstand gebracht. Alle Hotels in Scharm al-Scheich stehen derzeit so gut wie leer, nur in dem Golf-Resort neben der Villa von Ex-Präsident Husni Mubarak haben sich ein paar westliche Reporter eingenistet. Ansonsten wirkt der Urlaubsort am Roten Meer, eine endlose Reihe von gesichtslosen Mega-Hotels aller Ketten dieser Welt, wie eine Geisterstadt. Normalerweise sind die riesigen Bettenburgen zu dieser Zeit des Jahres etwa zu 70 Prozent belegt, rund vier Millionen Pauschaltouristen verbringen pro Jahr hier ihren Urlaub. Derzeit, so eine wohl zu positive Schätzung der Tourismusbehörde, sind gerade einmal 15 Prozent belegt.

Schaden in Milliardenhöhe befürchtet

Von den Unruhen selber, dem Protest gegen den Despoten Husni Mubarak, hat man in Scharm al-Scheich nichts mitbekommen. Gleichwohl aber verschärften spätestens nach dem Gewaltausbruch zwischen Mubarak-Gegnern und dessen Schläger-Trupps in Kairo fast alle europäischen Länder wie Deutschland ihre Reisehinweise für ganz Ägypten. Sofort zogen die Veranstalter ihre Kunden aus den bei Schnäppchenjägern beliebten Urlaubsorten wie Scharm al-Scheich, Hurghada oder Dahab zurück und strichen bis Ende Februar ihre Reisen. Seitdem verliert die Tourismusbranche dort jeden Tag Schätzungen zufolge rund 22 Millionen Euro, insgesamt könnte der wichtige Wirtschaftsfaktor einen Schaden von rund einer Milliarde Euro erleiden.

Die aktuelle Lage lässt Männer wie Abdel Fatah al-Assy wütend werden. Der lokale Tourismusminister trifft sich derzeit gern mit Journalisten in einem der verwaisten Cafés mit Blick auf das Rote Meer. "Sehen Sie es sich doch an", flucht er, "sehen Sie hier irgendwelche Demonstrationen oder Proteste?" Immer wieder fordert er die Runde auf, man solle endlich über die völlig ruhige Lage berichten. "Das Wetter ist schön, überall wird für die Sicherheit gesorgt, die Touristen können sofort wiederkommen", sagt er. Die Frage, wie viele der rund 70.000 Angestellten in der Tourismusbranche jetzt ihren Job verlieren oder schon arbeitslos sind, will er lieber nicht beantworten. "Je schneller der Betrieb wieder läuft, desto weniger werden es sein", sagt er.

Bisher aber ist völlig offen, wann das Geschäft mit den Sonnenhungrigen wieder anlaufen wird. Zwar hat das Auswärtige Amt wie mehrere andere europäische Länder seine Reisehinweise für die Urlaubsorte Anfang dieser Woche wieder stark relativiert, doch Verunsicherungen bei Urlaubern wirken langfristig. Aktuell legte das Marktforschungsinstitut GfK eine Studie vor, der zufolge die Buchungen für Nordafrika wegen der politischen Unruhen für die kommenden sechs Monate massiv eingebrochen sind. Allein für Ägypten rechnen die Forscher mit einem Rückgang der Reservierungen um rund 50 Prozent.

Angst vor neuer politischer Krise

Al-Assy wird bei diesen Zahlen ganz anders zumute. Zwar weiß der Tourismusmanager, dass Ägypten mit neuen Werbekampagnen vielleicht langfristig das Vertrauen der Touristen zurückgewinnen kann. Allein eine Desaster-Saison aber, sagt er, sei für viele Betriebe in Scharm al-Scheich das sichere Ende. Die großen Hotels, pikanterweise zumeist in der Hand von langjährigen Getreuen des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, würden die Krise zwar überleben, meint al-Assy. Kleine Tauchschulen, Restaurants und Hunderte Dienstleister allerdings könnten mehrere Monate ohne Einkommen nicht überstehen.

Schon heute befürchten Analysten, dass der Einbruch des Fremdenverkehrs eine neue politische Krise auslösen könnte, wenn Zehntausende arbeitslos werden. Satte 20 Prozent der Deviseneinnahmen Ägyptens kommen nach Angaben des Auswärtigen Amtes aus dem Tourismus. Viele Zulieferer und Dienstleister, die ebenfalls vom Geschäft mit den zahlenden Ausländern profitieren, sind da noch nicht eingerechnet.

Fast flehend trat am Dienstagabend der gerade erst ernannte Wirtschaftsminister im US-Fernsehen auf. Ziemlich optimistisch prophezeite er, dass schon Ende nächster Woche wieder Charter-Jets mit Touristen nach Ägypten fliegen würden. Grundsätzlich stimmt das, auch mehrere deutsche Airlines fliegen das Rote Meer schon bald wieder an.

Die Frage ist nur, wie viele Passagiere sie am Ende an Bord haben werden.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Tja...
jObserver 17.02.2011
Was soll man sagen? Sein Handeln will gut überlegt sein! Proteste, weil einem die Politik nicht passt, müssen nicht immer gut sein. Das gleiche gilt in Tunesien und überall sonst: Freiheit kann super sein - aber nicht, wenn man dann sich damit zugleich seiner Lebensgrundlage entzieht.
2. zu einem guten und vollständigen Urlaub
bluearoma 17.02.2011
gehört nunmal in Ägypten auch ein Besuch der alten Kultur. Ob nun in Kairo im ägyptischen Museum, der Karnaktempel oder anderswo. Leider gab es viele negative Schlagzeilen darüber und das verunsichert die Touristen. Wir wollten eigentlich auch nochmal diese Jahr ans rote Meer mit 2-3 Tagen Kultur, aber bei der aktuellen Lage wird da wohl diese Jahr nichts daraus.
3. Ist das Ihr Ernst?
Mueller-Luedenscheid 17.02.2011
Zitat von jObserver...Freiheit kann super sein - aber nicht, wenn man dann sich damit zugleich seiner Lebensgrundlage entzieht.
Das war jetzt aber nicht ernst gemeint, oder? Die logische Schlussfolgerung wäre ein "Hoch der Sklaverei und Leibeigenschaft". Na ja, aber wir sind ja auch auf dem Besten Weg dorthin. War also vermutlich ernst gemeint.
4. ..Man liest immer...
XRay23 17.02.2011
...wieder was von "momentaner Lage". Mein Vorschlag: Weniger Panikverbreitende TV Sendungen schauen und keine derartigen Artikel lesen. Wenn man mal drüber nachdenkt ist die derzeitige Lage nicht anders als sonst auch - vielleicht sogar ein kleines wenig besser. Es ist in den Urlaubsorten nichts geschehen, daran wird sich auch nichts ändern. Ich freue mich auf meinen Urlaub, ist leider noch eine Weile hin. Vielleicht sind dieses Jahr weniger Id....n da. Das kann nur schön werden, schade aber für die Ägypter.
5. Unverbesserliche - gut für die Ägypter
wanderprediger 17.02.2011
[QUOTE=XRay23;7175788Wenn man mal drüber nachdenkt ist die derzeitige Lage nicht anders als sonst auch - vielleicht sogar ein kleines wenig besser. Ich freue mich auf meinen Urlaub, ist leider noch eine Weile hin. Vielleicht sind dieses Jahr weniger Id....n da. Das kann nur schön werden, schade aber für die Ägypter.[/QUOTE] Na, zumindest einer von den unverbesserlichen Id....n wird demnächst dort sein. Dann mal einen schönen Urlaub.
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