Trend in der Hotellerie: Der Pool ist der Star
Ein Balkonpool? Ein Verandapool im Bungalow? Das sind zwei Spielarten des gleichen Trends: Luxusurlauber wollen ihr ganz privates Planschvergnügen, und die Hotels rüsten nach. Auch für Normalreisende ist das intime Wässern inzwischen bezahlbar.
Ich springe. Die Knie an die Brust gezogen, die Hände an den Schienbeinen, klassische Arschbomben-Haltung. Weniger klassisch ist der Pool, in den ich gleich eintauche: Er ist in den Balkon der Suite 401 eingelassen und gehört zum achtgeschossigen Luxushotel The Lodhi in Neu-Delhi, einem früheren Aman-Resort.
Das Haus ist eines der weltweit wenigen Stadthotels, das Gästezimmer mit Privatpool anbietet. Zusätzlich zum 50-Meter-Becken in der Fitnessabteilung und zur Badewanne neben der Dusche gibt es in der Balkonterrasse ein zwei mal zwei Meter großes, etwa 1,50 Meter tiefes Becken. Es ist ein erhabenes Gefühl, über einer Stadt zu, nun ja, planschen. Zum Schwimmen reicht der Platz nicht.
Der Pool im Balkon ist die konsequente Weiterentwicklung eines Trends, der die Luxushotellerie verändert hat: Mitte der neunziger Jahre hat das Banyan Tree Phuket als erstes Luxusresort seinen Gästen auch Villen mit privatem Pool angeboten. Seitdem verlangen immer mehr vermögende Gäste solche Plunge Pools, die für eine Suite pro Nacht mehr Geld ausgeben als andere Reisende für einen zweiwöchigen All-inclusive-Urlaub in der Türkei.
Heute zahlt man für Poolblick
Eine Goldgräberstimmung erfasste die Top-Hotellerie. In den Grünanlagen vieler Resorts begann hektische Buddelei. Zierpflanzen und Rhododendren wurden herausgerissen, Löcher gegraben und betoniert, Kacheln und Fliesen verlegt. Manche Häuser stellten den Betrieb ein, nur um nachzurüsten. Denn der Gast zahlt für privates Planschen. So verlangt das Four Seasons auf den Malediven für einen Overwater-Bungalow, der auf Stelzen im Meer steht, 1300 Dollar pro Nacht. Für einen Overwater-Bungalow mit Pool 1900 Dollar.
Seit rund hundert Jahren sind Pools Teil der Erlebniswelt von Hotels. Während 1927 manche Häuser damit warben, über Zimmer mit Radioempfang zu verfügen, wurde das kalifornische Huntington Hotel berühmt für sein olympisches Sportbecken. Es setzte einen Standard. Nach der Leibesertüchtigung kam der Spaß ins Bad - mit Rutschen und Wasserspielen. Und als der Massentourismus dazu führte, dass Hotels in zweiter oder dritter Reihe errichtet wurden, gaukelten lagunenartige Bassins den Gästen vor, man müsse gar nicht an den echten Strand gehen. Der Pool als Ersatz-Lido.
Heute zieht manch kunstvoll inszenierte Badewelt mehr Aufmerksamkeit auf sich als das Vorbild, nicht mehr die Bucht ist der Star, sondern das Becken. Bildbände zelebrieren "Cool Pools", und einige Hotels - etwa das Melia in Marbella - verlangen inzwischen für Zimmer mit Poolblick einen Aufschlag. Früher zahlte man für Meerblick.
Eine unserer Urlaubssehnsüchte scheint sich gewandelt zu haben - der Traum vom Glück auf einer einsamen Insel. Wer früher an einem vollgepackten Strand lag, sehnte sich nach einer sichelförmige Bucht mit weißem Sand und hübschen Palmen, wo kein Radio plärrte, keine Kinder zankten und es nicht nach Kokossonnenöl roch. Man ist allein, nur mit Schatzi. Die Suite mit privatem Planschbecken ist die Neuinterpretation dieses Glücks.
Einen Pool zum Traumstrand
Die Poolvilla "Belle Mare Plage" auf Mauritius liegt am Rand der ghettoartigen Anlage und ist ein Luxusrefugium mit Butlerservice. Durch bodentiefe Fenster geht der Blick auf ein rund acht Meter langes, zwei Meter schmales Becken; eine brusthohe Mauer trennt es vom Strand, gegen den mit milder Wucht der Indische Ozean anrollt. Das Hotel spekulierte beim Bau auf Superreiche mit Freunden oder Familie. Und es war zu Beginn nicht sicher, ob das Konzept aufgehen würde. Gibt es genug Gäste, die bereit sind, 1500 Euro pro Nacht zu berappen?
Heute ist das keine Frage mehr. Enrica Arend von Dertour Deluxe sagt, inzwischen biete jedes neu eröffnete Luxusresort ganz selbstverständlich Suiten mit Privatpools an, mehr als 160 Häuser weltweit seien allein im Programm des deutschen Veranstalters verfügbar. Und dessen vermögende Gäste fragen explizit nach den Planschbecken für Millionäre. Warum? "Unsere Deluxe-Gäste", so Arend, "wünschen sich vor allem Privatsphäre."
Armando Kraenzlin nickt zustimmend zur Aussage der Touristikerin und lächelt. Der Schweizer ist ein sehr höflicher Mann und Direktor des Four Seasons Maldives. Der Profi mit viel Erfahrung in der Luxushotellerie findet es manchmal selbst seltsam, wie seine betuchten Gäste ticken. So sind jene Over-Water-Bungalows als erstes ausgebucht, die einen Privatpool haben. Eines der schönsten Bade- und Tauchreviere der Welt liegt den Bewohnern zu Füßen - und sie nehmen noch einen Pool dazu.
Privatpools werden bezahlbarer
Das intime Planschbecken der Four-Seasons-Suiten wird oft allerdings gar nicht genutzt. Die Luxusurlauber scheinen lieber am Becken des Haupthauses mit anderen Gästen über Segelyachten parlieren und dabei mit der Schlüsselkarte für ihre spezielle Suite wedeln zu wollen. Hat etwa nicht die Sehnsucht nach der einsamen Poolinsel den Boom ausgelöst, sondern jenes weltumspannende, fast kindliche "Mein Auto, mein Haus, mein Boot"-Verhalten?
Inzwischen verfügen auch Fünf-Sterne-Hotels über Zimmer mit kleinem Wasserbecken. Und die sind bezahlbarer als die Etablissements auf Maritius und den Malediven: Etwa 140 Euro pro Person kostet die "Infinity Suite" des Westin Costa Navarino auf dem griechischen Peleponnes, 115 Euro pro Person die "Pool Villa" im thailändischen Sala Phuket.
In einer 20-Millionen-Metropole wie Delhi, geprägt von Smog und Hitze, von Gewusel und Enge, ist das Minibecken im Balkon eine besondere Wohltat. Und weckt auch kindliches Verhalten. Und so sprang ich, die Knie an die Brust gezogen, die Hände an den Schienbeinen. Dann spritzte das Wasser.
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- Dirk Lehmann war mehr als zehn Jahre Redakteur beim Reisemagazin "Geo Saison". Inzwischen schreibt der Autor in seinem Blog push:RESET über Phänomene des Reisens.
Susanne Baade
In "Ausgecheckt - die Hotelkolumne" auf SPIEGEL ONLINE will er Trends in der Tourismusbranche hinterfragen. - Blog von Dirk Lehmann
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