Südasien Das gefährliche Selfie

Das perfekte Selfie als Urlaubsbeweis will jeder haben. Doch die Selbstdarstellung wird in Ländern wie Sri Lanka und vor allem Indien zum Problem. Eine App soll vor Gefahren beim Fotografieren warnen.

Selfie an einem Wasserfall in Indien
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Selfie an einem Wasserfall in Indien


Traumstrände, Ayurveda, Elefanten - Sri Lankas Charme zieht Touristen an. Darunter eine 35-jährige Deutsche, die vor wenigen Wochen den Horton-Plains-Nationalpark im zentralen Hochland des Inselstaates besuchte. An einer mehr als tausend Meter hohen Klippe, die "World's End" genannt wird, wollte sie ein Selfie machen - und stürzte in den Tod.

Der Reiseführer "Lonely Planet" hat Sri Lanka zum Topreiseziel 2019 erklärt. Eine tolle Nachricht für das Land im Indischen Ozean, das neun Jahre nach dem Ende eines jahrzehntelangen Bürgerkrieges die Einnahmen aus dem Tourismus gut gebrauchen kann - aber keine Meldungen über tödliche Selfies von Besuchern.

Mit ihrer Vorliebe, sich selbst vor schönen Kulissen zu fotografieren, begeben sich Touristen nicht selten in Gefahr - in Sri Lanka zum Beispiel auf den Bahnstrecken durch den Dschungel des Landesinneren. "Die Zahl der Ausländer, die aus fahrenden Zügen auf das Trittbrett steigen, um Selfies zu machen, nimmt zu", erzählt der Sicherheitschef von Sri Lankas Bahngesellschaft, Anura Premaratna. "Unsere Schaffner müssen ihnen ständig sagen, dass sie im Wagen bleiben sollen."

In diesem Jahr hat es ihm zufolge schon 450 Todesfälle auf den Zugstrecken Sri Lankas gegeben - wie viele davon bei Selfies passierten, sei statistisch nicht erfasst. Ein vergangenes Jahr beschlossenes Selfie-Verbot auf Bahnschienen werde bislang nicht durchgesetzt.

Indien hat die meisten Selfie-Toten

Der große Nachbar Indien ist aber mit Abstand das Land mit den meisten Selfie-Toten, wie Studien ergeben haben. Forscher der indischen Universitätskrankenhaus-Kette AIIMS berichteten zum Beispiel vor wenigen Monaten, es habe zwischen Oktober 2011 und November 2017 weltweit 259 Todesfälle beim Selbstfotografieren gegeben - etwa die Hälfte davon in Indien. 2016 kam eine Studie des Instituts für Informationstechnologie (IIT) in Delhi und der US-amerikanischen Carnegie Mellon University zu ähnlichen Ergebnissen: Mit weitem Abstand folgen demnach hinter Indien Länder wie Pakistan, Russland und die USA

Ein Grund für die hohen Zahlen mag Indiens Bevölkerungszahl von 1,3 Milliarden Menschen sein. Eindeutig ist das Selbstfotografieren auf dem Subkontinent aber auch weiter verbreitet als in manch anderen Ecken der Welt. Leute mit ausgestrecktem Arm und auf sich selbst gerichtetem Handy sieht man in indischen Städten überall.

Ein Phänomen, das wohl die meisten Indien-Besucher kennen, ist es, dass Inder gerne auf Ausländer zugehen, um mit ihnen Selfies aufzunehmen - manchmal, ohne vorher zu fragen. Ein junges Paar aus der Schweiz wurde vergangenes Jahr im bei Touristen beliebten Ort Fatehpur Sikri von einer Gruppe indischer Jugendlicher übel zusammengeschlagen - Berichten zufolge, weil sie ein gemeinsames Selfie abgelehnt hatten.

Fremdenführer erzählen, sie müssten Touristen inzwischen vor aggressiven Selfie-Anfragen schützen. Fotos - vorzugsweise mit jungen, weißen Frauen - mit der Kennung #selfiewithforeigner (Selfie mit Ausländer) machen unter Indern in sozialen Medien die Runden. Ponnurangam Kumaraguru , IT-Professor und Experte für soziale Medien am IIT, führt den Selfie-Wahn darauf zurück, dass viele Inder erst seit kurzem Zugang zu internetfähigen Handys haben. Außerdem seien zwei Drittel der Bevölkerung jünger als 35 Jahre - und der Hang junger Inder zur Selbstdarstellung spiele wohl auch eine Rolle.

Den Studien zufolge sind es vor allem junge Männer, die riskante Selfies machen - etwa an Klippen, auf den Dächern hoher Gebäude oder am Rande von Gewässern. Ertrinken ist demnach eine häufige Todesursache. In Mumbai und in Goa gibt es inzwischen Orte, an denen Selfies verboten sind. An einer neuen Brücke in Delhi soll eine Ecke für Selfies eingerichtet werden, nachdem Menschen sich aus fahrenden Autos lehnten und auf der Brücke herumkletterten, um besonders gute Fotos zu schießen.

Die "No-Selfie Zones" in Mumbai und Goa zeigten kaum Wirkung, zumal sie nicht ausgeschildert seien, sagt Kumaraguru und meint, eine bessere Lösung zu haben: Zusammen mit Kollegen hat er eine App namens Saftie entwickelt, die eine Datenbank mit rund 7000 Orten weltweit enthält, an denen es gefährlich sein kann, ein Selfie zu machen. Außerdem kann die App durch die Handykamera erkennen, ob man beim Selfie-Schießen einem Abgrund oder Gewässer zu nahe steht.

Noch hat Saftie nicht sehr viele Nutzer. Kumaraguru hofft aber, dass Internetunternehmen wie Google oder Snapchat die Technologie in ihre Anwendungen integrieren. "Es geht hier darum, Leben zu retten", meint er.

Nick Kaiser, dpa



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