Jobtipps vom Reiseprofi: Wie Sie kein Praktikum bei Tyler Brûlé kriegen

Viel Ambition, wenig Qualifikation: Dem Kolumnisten Tyler Brûlé verraten viele Praktikums-Bewerbungen schockierende Fakten über den Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt. Besonders unsympathisch findet er Eltern, die für ihre Kids einen Job organisieren wollen.

Barkeeper in New York: Ein Job im Service bringt wertvolle Erfahrungen Zur Großansicht
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Barkeeper in New York: Ein Job im Service bringt wertvolle Erfahrungen

Vielleicht ist kürzlich auch in Ihrem Eingangsordner eine Mail gelandet, die - mit ein paar kleinen Abweichungen - in etwa folgendermaßen lautet:

"Hallo! Ist es nicht erstaunlich, dass wir fast schon wieder Sommer haben? Was haben Sie denn für Pläne? Ich hoffe auf jeden Fall, dass die Geschäfte zu Ihrer Zufriedenheit laufen und dass die erste Jahreshälfte Ihre Erwartungen erfüllt hat. Bei uns hat sich zum Glück alles wunderbar entwickelt, besser noch, als wir damals an Weihnachten bei unserem Gespräch ahnen konnten.

Leider hatten wir kürzlich ja keine Gelegenheit, bei Ihnen auf ein Glas vorbeizuschauen. Das sollten wir bald wirklich nachholen. Wir nehmen die Kinder nämlich nächste Woche auf eine Wander- und Fahrradtour durch Norditalien mit. Auf der Rückfahrt sehen wir Sie dann hoffentlich.

Können Sie sich vorstellen, dass Elliott jetzt an der Uni sein Studium beginnen wird? Er hat sich für Kreative Kommunikation eingeschrieben. Sebastian wird erst mal für ein paar Monate verreisen und dann ein bisschen Arbeitserfahrung sammeln.

Mir ist bewusst, dass ich mit meiner Anfrage spät dran bin, aber vielleicht haben Sie aufgrund Ihrer Expansion ja noch ein paar Praktikumsstellen zu vergeben? Elliott kann zwar wegen der vielen Extra-Kurse, die er während seiner Schulzeit belegt hat, keine großen Erfahrungen im Arbeitsmarkt vorweisen, aber ich bin der festen Überzeugung, es wäre für alle ein Gewinn, wenn er einfach jemandem mal ein paar Wochen über die Schulter schauen könnte.

Auch Sebastian hat sehr viel zu bieten. Beispielsweise geht er sehr strukturiert an Aufgaben heran (er hat nicht nur die Apps auf dem iPhone seiner Mutter alphabetisch sortiert, sondern auch ein richtiges Album aus ihren Fotos gefertigt - echt clever) und er versucht immer, sich nützlich zu machen. Für nächstes Jahr hat er schon einige Reisen gebucht, doch dazwischen hätte er immer mal ein paar Wochen, in denen er jemandem aus Ihrem Marketing-Team hilfreich zur Seite stehen könnte. Er liebt es, sich Konzepte auszudenken und große Ideen zu entwickeln. Uns hat er aber auch schon zu verstehen gegeben, dass er seine Zukunft nicht wirklich im Verkauf sieht. Seine Beweggründe kann ich sehr gut nachvollziehen.

Wie auch immer - lassen Sie mich einfach wissen, an wen die beiden ihre Lebensläufe schicken sollen. Ich möchte Sie keinesfalls unter Druck setzen, aber Sie würden uns sehr helfen, wenn Sie ein gutes Wort für die Jungs einlegen könnten. In den letzten Jahren haben sie so viel Zeit in die Schule investiert und von Ihnen und Ihren Kollegen könnten sie bestimmt noch eine Menge lernen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sommer!

Mit den allerherzlichsten Grüßen,

Ihr XXXXXX"

Eine Handvoll dieser Mails habe ich bereits bekommen (von Bekannten und Geschäftspartnern), und jedes Mal muss ich mich stark zurückhalten, um nicht eine offene Breitseite abzufeuern. Es ist inzwischen schon eine Binsenweisheit , dass der Arbeitsmarkt mit der Generation Y echt gestraft ist: mit ihrer Unselbstständigkeit, ihrem Mangel an Allgemeinwissen (ich google das mal eben) und dem fehlenden Verständnis von Autorität. Aber es wäre ungerecht, gleich eine ganze Generation abzuschreiben, wenn doch in erster Linie die Eltern (und Lehrer) die Verantwortung für diese Anspruchshaltung tragen.

Es kommt immer seltener vor, dass Leute, die sich für ein Praktikum in meinem Bereich (Verlagswesen und Markenentwicklung) bewerben, jemals schon Regale aufgestockt, Eis verkauft, Essen serviert oder Fußböden geschrubbt haben. Oder werden Teilzeitjobs im Lebenslauf absichtlich weggelassen, da sie zu viel über einen potenziellen Kandidaten aussagen könnten? Vielleicht liegt es auch daran, dass viele einfach keine Lust haben, während der Semesterferien zu jobben. Leider halte ich Letzteres für wahrscheinlicher.

Meine Lieblingsbewerbungen sind diejenigen, die betonen, man sei durchaus bereit, "Kaffee zu kochen, bis spät zu arbeiten und sogar die Papierkörbe auszuleeren". Wahnsinn! Die Weltwirtschaft ist gerettet dank des Einsatzes dieser Praktikanten, die vorsichtig die Ärmel hochkrempeln, um das zu tun, was eh ihre Aufgabe ist.

Vom Kaffeekocher zum Chef

In den nächsten Monaten werde ich eine kleine Konferenz für meine Kollegen in leitenden Positionen abhalten. Tagesordnungspunkt Nummer eins sollte ein Umdenken im Umgang mit Bewerbungen sein. Es gibt zwar bereits ein Einführungsprogramm, nach dem sich Neuzugänge zunächst am Empfang beweisen sollen, bevor sie in der Firma höher klettern. Denn wenn du nicht lächeln, keine FedEx-Abholung organisieren, keinen guten Kaffee machen oder Mäntel annehmen kannst, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du keinen großartigen Etatdirektor oder leitenden Redakteur abgeben wirst. Aber vielleicht ist es an der Zeit, unsere Bewerber-Webseite mit ein paar zusätzlichen erforderlichen Qualifikationen zu bestücken.

Im Zweifel würden Sebastians und Elliotts Eltern zweimal überlegen, bevor sie derart unsinnige Briefe auf den Weg schicken, wenn für Praktika folgende Voraussetzungen gelten würden:

  • muss in den Sommerferien schon mal Vollzeit und gegen Bezahlung gejobbt haben.
  • muss für die Dauer eines Semesters parallel in einem service-orientierten Bereich gearbeitet haben - vorzugsweise in Bars, Restaurants, dem Einzelhandel oder anderen Betrieben des Gast-Gewerbes.
  • sollte ein klares Verständnis davon haben, was ein Arbeitstag ist und dass diverse dauergeöffnete Chat-Screens und Social-Media-Seiten nicht dazu gehören.
  • sollte begreifen können, dass Nein auch Nein heißt.
  • sollte wissen, dass ein Job-Angebot kein Recht, sondern ein Privileg ist. Rechte entstehen peu à peu mit dem Grad der Zufriedenheit des Arbeitgebers.

Nächste Woche diskutieren wir dann, warum es für Eltern von Vorteil wäre, ebenfalls Sommerjobs anzunehmen, statt einfach Ferien zu machen.

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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".