Tyler Brûlé in Tracht Ein Londoner auf dem Oktoberfest

Dirndl betonen weibliche Kurven, und Lederhosen machen ein perfektes Hinterteil: Tyler Brûlé begeistert sich anlässlich des Oktoberfests für die bayerische Tracht. Beim Anlegen von Zopfstrümpfen und Filzhut stößt der in London lebende Designer allerdings auf ungeahnte Probleme.

Lederhosen auf dem Oktoberfest: Kurz oder lieber lang? Socken oben oder unten?
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Lederhosen auf dem Oktoberfest: Kurz oder lieber lang? Socken oben oder unten?


Meine vergangene Woche war sehr deutsch geprägt - inklusive traditioneller Kleidung. Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in der Londoner Zentrale (abgesehen von zwei Tagen Tokio) machte ich mich am Samstag auf den Weg, Ziel: Oktoberfest, München. Die Stadt liegt zwar des Öfteren auf meinen Reiserouten. Das Fest hatte ich jedoch bisher immer verpasst, da Kunden in Bayern es nach Möglichkeit vermeiden, Meetings zu dieser Zeit des Jahres anzusetzen.

Mein Freund Ian hatte eine Gruppe Österreicher, Deutsche und Kalifornier dort zu einem Abendessen in voller Tracht eingeladen. Ich landete nachmittags und war mir noch recht unsicher, in was ich da hineingeraten würde. Dankenswerterweise hatte Ians Team jedoch alle Details vorab geklärt - vom Transport bis zu den Lederhosen. Als ich im Hotel ankam, wartete bereits eine Tasche mit entsprechender Kleidung in meinem Zimmer.

Auf der Fahrt in die Innenstadt hatte ich einige Männer entdeckt, die das Tragen ihrer Tracht zu einer wahren Kunstform erhoben hatten, und versucht, mir einige der Finessen einzuprägen, die den traditionellen Look ein bisschen moderner aussehen ließen. Im Hotel probierte ich zunächst die Lederhose an, versuchte mich dann an Strümpfen und Hut und beschloss schließlich, dass es an der Zeit sei, in etwas größeren Kategorien zu denken.

Gelmähne und kniefreie Lederhosen

Zum Glück lag Lodenfrey direkt auf der anderen Seite der Straße. Ians Kollegin Pia begleitete mich in den dritten Stock des Ladens, um mir bei der Zusammenstellung der passenden Sachen zu helfen. Ich hatte ein eher spießiges Ambiente erwartet - stattdessen wurden wir von Verkäufern in sehr individuellen Auslegungen von Tracht begrüßt, die aussahen, als kämen sie frisch von einer Prada-Show mit dem Themenschwerpunkt "Tirol".

Auf der einen Seite des Raumes unterstützte ein junger Gentleman in einer stark abgenutzten (sprich: speckigen) Hirschlederhose, dunkelblau-kariertem Hemd, aufwendig gemusterten Strümpfen und schicken Stiefeln eine Gruppe Franzosen dabei, die richtigen Jacken auszusuchen. Ein anderer Verkäufer mit perfekt nach hinten gekämmten Haaren trug kniefreie Lederhosen, ein blaues Karohemd, kürzere dicke Socken, helle Wildlederschuhe und eine elegante, sehr eng geschnittene Weste.

"Sehen die Typen nicht einfach toll aus", fragte Pia und beschied dem uns betreuenden Verkäufer: "Nein, diese Schuhe gefallen ihm nicht, sie heben sich nicht richtig vom restlichen Outfit ab." Während ich gerade ein zweites Paar Lederhosen aus weichstem Hirschleder anprobierte, wurde mir ein Paar weniger Ton-in-Ton designte Schuhe gebracht sowie diverse Westen und Jacken.

Ein Hut als Statement?

Eine halbe Stunde später war Pia endlich zufrieden mit unserer Auswahl, und wir begaben uns zur Kasse. Ein paar Verkäuferinnen begannen, meine Einkäufe einzupacken, eine andere befestigte einen kostbaren kleinen Gamsbart auf meinem neuen Hut. Wir sprachen über die erstaunliche Renaissance des Dirndls und der Filzhüte. Obwohl das Ende des Oktoberfestes schon in Sicht war und die Stadt sich nun für die Ankunft Zehntausender Makler für die große Immobilienmesse vorbereitete, deckten sich immer noch erstaunlich viele Leute mit Jacken aus gewalkter Wolle, robusten Schuhen und ausgefallen Strümpfen ein.

"Wer in Österreich solche Strümpfe herstellt, kann wahrscheinlich den Rest des Winters freinehmen", sagte ich zu Pia. "Das ist gut möglich", meinte sie, "denn die Produktion hier und in Österreich spiegelt sich ja auch im Preis wider." Nie wurde ein wahrerer Satz gesprochen: Als die Kassiererin mir die Quittung reichte, traf mich fast der Schlag - vor allem, da ich diese wunderschönen Kleidungsstücke im besten Fall wahrscheinlich alle fünf Jahre mal tragen würde.

Zurück im Hotel verbrachte ich eine gute Stunde damit, verschiedene Varianten durchzuprobieren. Die Strümpfe hochgezogen oder runtergekrempelt? Oder vielleicht stattdessen lieber Tiroler Kniewärmer? War der Hut zu viel für einen warmen Oktoberabend, oder ging er als Statement durch? Hätte ich lieber eine richtige Jacke erstehen sollen statt der Weste? Wären die Lederhosen eine Größe kleiner und vielleicht ein wenig kürzer vorteilhafter gewesen?

"In Tracht sieht einfach jeder gut aus"

In der Hotellobby nickte mir Pia anerkennend zu - eine Geste, die ich postwendend zurückgab, denn in ihrem schwarzen Dirndl mit den perfekten Schuhen dazu sah sie einfach phantastisch aus. Überhaupt sah hier jeder in seinem jeweiligen Outfit elegant und sexy aus. Auch draußen auf der Straße waren die Menschen entsprechend gekleidet, wie ich erfreut bemerkte, als ich zu einem Geldautomaten rüberging.

Im Auto auf dem Weg zum Käferzelt (ein spezieller Oktoberfest-Ableger des bekannten Münchner Restaurants und Gourmetgeschäfts) drehte sich das Gespräch um die Vorteile einer Tracht-Tradition. Schnell kamen wir auf Japan und waren uns alle einig, dass es Charme hat, junge Männer und Frauen in Kimono und Yukata zu sehen. "In so einer Tracht sieht einfach jeder gut aus", sagte Pia, "und sie strahlt Würde aus. Außerdem war sie noch nie so beliebt wie zurzeit."

Auf dem Weg zu Käfers Wies'n-Schänke stießen wir überall auf Zeichen deutscher Handwerkskunst: Dirndl, die die Kurven der Frauen herausstellten; kurze Lederhosen, die die Wadenmuskulatur betonten, den Bauchansatz versteckten und jedem Gentleman ein perfektes Hinterteil verliehen. Naja, fast jedem.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
auweia 16.10.2012
1. Schade...
Zitat von sysopDPADirndl betonen weibliche Kurven, und Lederhosen machen ein perfektes Hinterteil: Tyler Brûlé begeistert sich anlässlich des Oktoberfests für die bayerische Tracht. Beim Anlegen von Zopfstrümpfen und Filzhut stößt der in London lebende Designer allerdings auf ungeahnte Probleme. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/tyler-brule-auf-dem-oktoberfest-ein-tag-in-tracht-a-861617.html
Ich finde die bayrische (ok bayrisch-österrichische) Tracht sehr schön. Leider kenne ich nichts vergleichbares mit dem man sich in Norddeutschland vor die Tür trauen kann.
JayArrr 16.10.2012
2. Mir...
Zitat von auweiaIch finde die bayrische (ok bayrisch-österrichische) Tracht sehr schön. Leider kenne ich nichts vergleichbares mit dem man sich in Norddeutschland vor die Tür trauen kann.
...gfrein uns imma üba Zugroaste! Also keine Hemmungen, auf nach Süden ;)
rst2010 16.10.2012
3.
vergesst die lokalen trachten, kauft alle die miesbacher und macht sie endgültig zur einheitstracht.
niska 16.10.2012
4.
Zitat von JayArrr...gfrein uns imma üba Zugroaste! Also keine Hemmungen, auf nach Süden ;)
Aber nur so lange es keine Kunststoff'leder'hose oder ein Schlampadirndl ist. ;o]
Hugh 16.10.2012
5.
Zitat von auweiaIch finde die bayrische (ok bayrisch-österrichische) Tracht sehr schön. Leider kenne ich nichts vergleichbares mit dem man sich in Norddeutschland vor die Tür trauen kann.
Und das ist auch gut so. Wäre doch schlimm, wenn wir uns dem gleichen Spottgelächter aussetzten, wie die lederbehosten Bürohanseln, die sich in München einmal im Jahr zum Affen machen, in dem sie sich in die Kleidung von Bauern aus längst vergangenen Zeiten hüllen. Dort wo die Tracht noch echt ist und zum Leben dazu gehört, da passt sie hin, da findet man auch noch echte, und das gilt auch für Norddeutschland. Aber in der Großstadt? Da ist sie doch nur Zubehör zum größten Besäufnis der Welt. Müssen wir nun wirklich nicht nachäffen.
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