Tyler Brûlé schnürt die Turnschuhe Zimmer mit Auslauf

Sydneys Hafenbecken, Stockholms Halbinsel Djurgården, die Gärten von Tokios Kaiserpalast: Gute Jogging-Routen gehören für Tyler Brûlé zum Besten, was ein Hotel bieten kann. Je weniger störende Hindernisse es zwischen der Lobby und der perfekten Laufstrecke gibt, desto besser.

Corbis

Zu gerne würde ich sagen: Was Hotels angeht, bin ich abenteuerlustig und risikofreudig. In Wahrheit aber wäre wohl ein echter Kraftakt nötig, um mich zu zwingen, mit einer liebgewonnenen Tradition zu brechen. Denn habe ich mal ein passendes Hotel für mich entdeckt, würde ich mich wahrscheinlich am Türrahmen festklammern, wollte man mich von dort wieder wegbringen. Es gibt nur zwei Varianten, mich dazu zu bewegen, etwas Neues auszuprobieren - und sei es nur für einen Abend: übermenschliche Überzeugungskraft des Herausforderers oder ein massives Versagen des bisher heißgeliebten Etablissements.

Ich bleibe also ein treuer Gast des Grand Hyatt, auch wenn ich weiß, dass die Suiten in einem angesehenen Hotel am Hafen von Hongkong größer sind und die dortige Bar einen besseren Ruf genießt. Und ich wähle immer wieder das schlichte Cortiina in München, obwohl mir bekannt ist, dass viele Orte schönere Zimmer und einen besseren Service bieten. In Osaka könnte ich mich in ein hochgelobtes und vorbildlich geführtes Fünf-Sterne-Hotel einquartieren, aber in den vergleichsweise winzigen Räumen, der vorzüglichen Bäckerei und der herrlichen Location des Dojima Hotels fühle ich mich einfach wohl.

Häufig werde ich von Hoteldirektoren gefragt, unter welchen Umständen ich die bekannten Pfade verlassen würde. Können wir etwas tun, um das Spa zu verbessern? Haben Sie besondere Wünsche bezüglich der Minibar? Sollten wir unsere Konferenzräume aufwerten? Wie wäre es, wenn unser Küchenchef in Ihrer Suite ein spezielles Menü für Sie und Ihre Kunden zubereiten würde? Was hielten Sie davon, wenn wir Ihnen kostenfrei einen Wagen und Fahrer für die Dauer Ihres Aufenthalts zur Verfügung stellen würden?

Spätestens an diesem Punkt erröte ich für gewöhnlich, nicke verständnisvoll und versuche, keine falschen Erwartungen zu wecken. Das rettet mich leider nur selten (gute Hoteldirektoren zeichnen sich in der Regel durch besondere Hartnäckigkeit aus). "Also, was soll es sein? Was können wir für Sie tun?" Mir ist klar, dass sie an besondere Matratzen, eine größere Terrasse oder den dünnsten und größten Flachbildschirm der Welt denken. Ich denke jedoch an etwas, das außerhalb ihrer Kontrolle liegt.

"Was stört Sie denn hier?"

Während der Geschäftsführer mir erwartungsvoll zuzwinkert und nach dem kleinen Extra fahndet, das mich dazu bringen können, mich für immer vom Rivalen am anderen Ende der Stadt zu verabschieden, gebe ich mir schließlich einen Ruck: "Sie könnten das Hotel versetzen." Das sorgt zunächst für Gelächter, welches in leichte Irritation umschlägt. Am Ende steht er mit verschränkten Armen da: "Was stört Sie denn hier? Die Lage ist doch perfekt! Man ist schnell am Flughafen, Räumlichkeiten für Meetings mit den Kunden liegen in unmittelbarer Nähe, ebenso wie exzellente Einkaufs- und Speisemöglichkeiten."

Ich nicke dann brav weiter und kaue ein wenig auf meinen Lippen herum. "Ich bin absolut Ihrer Meinung", beginne ich. "Das Hauptproblem besteht darin, dass man morgens nirgendwo laufen gehen kann. Ihre Location ist großartig, aber Ihnen fehlt ein Park in der Nähe oder eine Allee für einen lockeren Fünf-Kilometer-Lauf." Das kommt meist überraschend. Der Hotelmanager sucht nach einer Antwort, ist aber eigentlich ratlos: "Warum gehen Sie denn nicht in unser Fitnessstudio? Das ist wirklich toll, und die Geräte sind alle auf dem neuesten Stand."

Obwohl das kein Totschlagargument ist - tatsächlich trainiere ich gelegentlich auf dem Laufband, das ist im schwülen Bangkok, in Singapur und in Hongkong geradezu lebenswichtig -, kann man eine Stadt (und ein Hotel) einfach am besten genießen, indem man sich Socken, Schuhe, Shorts und T-Shirt überstreift und ohne große Umstände eine angenehme Laufroute raussucht. Je weniger störende Hindernisse es zwischen der Lobby und der perfekten Laufstrecke gibt, desto besser.

Andererseits hat es auch einen gewissen Charme, zwischendurch eine Ahnung davon zu kriegen, wie sich eine Stadt auf den kommenden Tag vorbereitet: Ladenbesitzer ziehen ihre Rollläden hoch und gießen die Pflanzen, Schulkinder gehen plappernd zum Bus, und die Cafés füllen sich für frühe Meetings.

Laufstrecke am Kaiserpalast

Ich habe oft das Gefühl, dass meine Zuneigung für Tokio eine Menge mit den Runden zu tun hat, die ich dort von den jeweiligen Hotels aus drehen kann. Das "Peninsula" bietet eine perfekte Laufstrecke rund um den Kaiserpalast. Das Park Hyatt hat den Yoyogi-Park vor der Tür und im Grand Hyatt in Roppongi habe ich meine eigene Route quer durch die Straßen von Nishi-Azabu und Hiroo kreiert.

Letztere ist vielleicht nicht die entspannendste, da sie Hauptstraßen kreuzt und maximale Aufmerksamkeit erfordert. Die Zeit vergeht jedoch wie im Fluge, da ich mir immer vorstelle, wie mein Leben wohl aussehen würde, wenn ich in einem dieser niedrigen Häuserblocks aus Beton mit dieser ungeheuren Menge an Restaurants direkt vor meiner Tür wohnen würde.

Auch das Park Hyatt in Sydney und die Tour rund um den Circular Quay und durch die Botanischen Gärten nimmt auf meiner Entspannungs- und Jogging-Liste einen Spitzenplatz ein; ebenso das Crosby Street Hotel in New York mit der Laufstrecke entlang des East Rivers; Kopenhagens Nimb und die Runde um die Seen; das "Esplanade" mit Zugang zu Stockholms Binnenhafen sowie der gerade Weg runter zur Halbinsel Djurgården.

Meiner Meinung nach sollten Hotels, die gute Laufstrecken offerieren, dies in ihrer Werbung viel stärker kommunizieren, statt immer nur die tolle Vegetation oder die phantastischen Wellness-Angebote hervorzuheben. Im Übrigen warte ich immer noch auf ein Hotel, in dem es für verschwitzte Jogger einen Extra-Seiteneingang gibt. Das kommt sofort auf den Wunschzettel für Hoteldirektoren. Denn ich hasse es, tropfnass durch eine Lobby (oder noch schlimmer: einen Frühstücksraum) zu waten, während andere Gäste Toast und Eier verzehren.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Tom Joad 04.09.2012
1. ?
Hat Tyler Brûlé ein Buch geschrieben, das promotet werden muss, oder wozu dient dieser Artikel?
kainkommentar 04.09.2012
2. Auch ohne Buch.
Zitat von Tom JoadHat Tyler Brûlé ein Buch geschrieben, das promotet werden muss, oder wozu dient dieser Artikel?
Ich fand den Artikel interessant zu lesen. Geht mir manchmal ganz ähnlich. Vielreisende können es sicher nachvollziehen.
shredderbert 04.09.2012
3. Seiteneingang für verschwitzte Jogger ...
... na, da empfehle ich den New York Athletic Club! Da kommt man zwar nur als Mitglied oder über Vermittlung eines solchen rein, aber der Dress Code verlangt die Benutzung des Hintereingangs, wenn man zum Joggen in den nahen Central Park will bzw. von dort zurückkommt. Nach dem Motto: Wohnen im 12. Stock - Aufzug zum 3. Stock - Treppe ins Erdgeschoß - am Hintereingang Schlüssel abgeben - und los geht's, bei der Rückkehr natürlich umgekehrt. Also, Herr Brûlé, wie wär's??
albert schulz 04.09.2012
4. toller Job
Zitat von Tom JoadHat Tyler Brûlé ein Buch geschrieben, das promotet werden muss, oder wozu dient dieser Artikel?
Überaus merkwürdig. Eigentlich reichen die von keinerlei Kenntnissen getrübten Berichte von Achilles völlig aus, um die Inkompetenz des Spiegel in Sachen Sport zu verdeutlichen. Es gibt aber ein zweites Motiv. Den Leser die ganze Tiefe der Langeweile auskosten lassen, die Fernsehanstalten an Ödnis und fehlender Relevanz zu übertreffen ist das Ideal eines Zeilenhonorarinhabers. „Der will doch nur schreiben.“ Und weil das meiste schon geschrieben wurde, muß er an die exotischen Sachen ran. Also zu Fuß gehen oder meinetwegen laufen kennt der Mensch bestenfalls aus den Erzählungen seiner Großeltern, Hotels mit Preisen wie Krankenhäuser kennt auch der gehobene Mittelstand nur vom Hörensagen, und selbst wohlhabend geworden, besucht er die Dinger erst in einem Alter, in dem er keineswegs mehr läuft. Und kein Schwein „könnte eine Stadt laufend am besten genießen“, wenn er gemächlich gehen kann, stehenbleiben, rumgucken, hinhocken, saufen, rauchen. Der Freund hat offensichtlich ein Rad ab. Aber genau das scheinen manche Leser faszinierend zu finden. Berichte aus der Anstalt, ungeschminkt die Trostlosigkeit des Alltags versprühend.
new-yorker 04.09.2012
5. Marriott Canary Wharf in London...
... hat einen separaten Eingang, den man fuer sowas prima nutzen kann. Nur braucht man ne Weile, eher man auf der Isle of Dogs an ner schoenen Laufstrecke ist.
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