Überfordert vom Schneewetter Warum die Bahn nicht winterfest ist

Deutschland verschneit - prompt häufen sich im Schienenverkehr Verspätungen und Ausfälle. Die ICE müssen langsamer fahren, ein Regionalzug blieb stundenlang stehen. Warum die Bahn mit dem Winter nicht zurechtkommt: ein Überblick über die Schwachstellen.

Von Stephan Orth und

DPA

Hamburg - Vier Stunden lang mussten die Passagiere auf Rettung warten: Am Donnerstagabend legte ein Stromausfall einen Regionalzug zwischen Hamburg und Lübeck auf offener Strecke lahm. Heizung und Beleuchtung fielen aus, die Türen blieben zunächst verschlossen, auch Durchsagen waren ohne Elektrizität nicht möglich. An Bord waren rund 400 Fahrgäste, in den Waggons kam es zu chaotischen Zuständen: Mehrere Passagiere gerieten in Panik, wollten die Scheiben einschlagen, später mussten einige mit Unterkühlungen und Kreislaufproblemen behandelt werden.

Erst nach zwei Stunden konnten rund 150 Fahrgäste von der Feuerwehr aus dem Zug geholt werden, der zwischen Bargteheide und Kupfermühle in Schleswig-Holstein stand. Sie wurden zunächst in einem Gemeindehaus in der Nähe untergebracht. Die anderen rund 200 Fahrgäste, darunter auch zwei Schulklassen, saßen noch weitere zwei Stunden fest. Ein weiterer Zug blieb wegen des Stromausfalls ebenfalls stehen, er befand sich jedoch glücklicherweise an einem Bahnsteig, so dass die Fahrgäste aussteigen konnten.

"Was in Schleswig Holstein passiert ist, finde ich dramatisch. Ich bin erstaunt und kann nur mit dem Kopf schütteln", sagte Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, SPIEGEL ONLINE. "Bahn-Chef Rüdiger Grube hat mehrfach betont, dass die Bahn winterfest sei. Ich frage mich, ob das jetzt jeden Winter passieren wird. Die Grenze zur Akzeptanz ist überschritten."

250 Euro Entschädigung für jeden Passagier

Nach Informationen des NDR sei der Notfallmanager der Bahn erst nach zweieinhalb Stunden eingetroffen. Es habe viel zu lange gedauert, bis den Menschen geholfen wurde, gab Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis gegenüber SPIEGEL ONLINE zu. "Normalerweise sollte das in einer bis anderthalb Stunden gehen." Die Bahn werde die Prozesse noch einmal überprüfen, kündigte er an.

Die Befreiung der Fahrgäste am Donnerstagabend habe jedoch unter erschwerten Bedingungen stattgefunden. "Weil die Straßen so vereist waren, konnten Notfallfahrzeuge nur mit 30 km/h fahren", sagte er. Man habe versucht, eine Diesellok aus Hamburg zu schicken, die konnte aber wegen einer Weichenstörung nicht zu dem Regionalexpress gelangen. Ein weiterer Rettungsversuch mit einer Lok aus Bargteheide verzögerte sich durch ein geradezu groteskes Problem: "Die musste stoppen, weil nun Passagiere auf dem Gleis waren", sagte der Sprecher. Man habe keine Personen gefährden wollen, nachdem schließlich einige Fahrgäste den Pannenzug verlassen hatten. Jeder der Betroffenen soll nun eine Entschädigung von 250 Euro erhalten.

"Alle reden vom Wetter, nur wir nicht", hieß es in einer berühmten Werbung der Bahn aus den Sechzigern. Doch nachdem im Sommer zahlreiche Klimaanlagen in der Hitze ausfielen, wird auch im Winter dieser Spruch wieder einmal ad adsurdum geführt: Die Züge müssen bei Schnee und Eis langsamer fahren, immer wieder funktionieren Weichen nicht, es kommt bundesweit zu teils erheblichen Verspätungen.

SPIEGEL ONLINE erklärt, wo die Probleme der Bahn liegen - und warum in diesem Winter weiterer Ärger für Passagiere programmiert ist:

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insgesamt 339 Beiträge
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Seite 1
Roßtäuscher 17.12.2010
1. Wozu die Aufregung über den vielen Schnee
Zitat von sysopDeutschland verschneit - prompt häufen sich im Schienenverkehr Verspätungen und Ausfälle. Die ICE müssen langsamer fahren, ein Regionalzug blieb stundenlang stehen. Warum kommt wo die Bahn mit dem Winter nicht zurecht - ein Überblick über die Schwachstellen. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,735317,00.html
Ab Montag den 20.12.2010 beginnt das Tauwetter mit Tages-Wärmegraden bis einschl. 01.01.2011
Cinderella01, 17.12.2010
2. Unfair!
Hunderte Flüge gestrichen, Fluggäste mussten teilweise auf den Flughäfen übernachten - Nur wenige Starts und Landungen sind pünktlich. Autofahrer stehen 15 Stunden und länger bei eisiger Kälte im Stau auf der Autobahn - wegen querstehender LKWs auf nichtgeräumten Autobahnen. Aber die Bahn soll 100% perfekt funktionieren ? Ganz schön unfair, was der Spiegel hier suggerieren will. Wenn schon, denn schon: Weichen sollen alle beheizt sein - warum dann nicht auch die Start und Landebahnen auf Flughäfen, warum dann nicht die Autobahnen? Also wenn schon utopische Forderungen wegen ein paar Wochen Schnee im Jahr, dann für alle!
Anur 17.12.2010
3. privatisierte Bahn
Was sich dieser Tage wieder bei der Bahn zeigt, ist eine Entwicklung, die Großbritannien bereits vor Jahren vorweg genommen hat. Die Privatisierung der staatlichen Eisenbahn hat dort zu einer radikalen Verschlechterung und Verteuerung des Eisenbahnangebots geführt und das passiert nun auch hier. Im Streben nach guten ökonomischen Kennzahlen für einen Börsengang und der Behauptung der eigenen Marktposition wurde gespart und gestrichen bis sich die Balken bogen und die fangen nun an zu brechen. Infrastrukturaufgaben für die laut Verfassung im Ernstfall ohnehin Bund, Länder und Kommunen zuständig wären, wenn es kein anderer anbietet, sind eben fast immer defizitär. Gewinnbringend werden sie erst mit der Verknappung und gleichzeitigen Verteuerung des Angebots, was angeblich durch die Privatisierung genau umgekehrt hätte sein sollen, aber die Realität war schon in den 90er Jahren in vielen Vorreiterländern Europas abzusehen. Es ist bis heute unverständlich, warum der Staat seine Infrastruktur für ein paar billige Kröten vertickt hat, anstatt selbst zu versuchen mit betriebswirtschaftlichen Maßnahmen eine gute Infrastruktur zumindest halbwegs kostendeckend, aber eben nicht gewinnbringend auf die Beine zu stellen.
frubi 17.12.2010
4. .
Zitat von RoßtäuscherAb Montag den 20.12.2010 beginnt das Tauwetter mit Tages-Wärmegraden bis einschl. 01.01.2011
Deutschlandweit? Und das können Sie so genau sagen? Oder mal schnell bei Wetter.de nachgeschaut und an die dort präsentierten Werte geglaubt?
Cinderella01, 17.12.2010
5. Doppelmoral
Auf den Seiten, wo der Spiegel gegen die angebliche Unfähigkeit der Bahn stänkert, nimmt man aber gerne das Geld aus der Bahnwerbung! Da gibt's dann nichts dran auszusetzen oder? Vielleicht sollte die Bahn mal bei der Werbung sparen, besonders dort, wo besonders laut rumgestänkert wird!!
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