Ueli Steck an der Annapurna Einsame Spitze

3000 Höhenmeter Aufstieg in knapp 20 Stunden: Mit der erfolgreichen Besteigung der Annapurna-Südwand hat der Schweizer Ueli Steck Achttausender-Geschichte geschrieben. Unterwegs verlor er einen Handschuh und seine Kamera. "Ich hatte großes Glück", sagt er.

PatitucciPhoto

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Hamburg - Es ist dunkel, minus 20 Grad kalt, und Ueli Steck weiß, dass ein falscher Griff oder ein falscher Tritt den sicheren Tod bedeuten würde: Unendlich einsam muss sich das anfühlen, allein an einer 2350 Meter hohen Steilwand zu hängen. Langsam arbeitet er sich mit Steigeisen und Eispickeln nach oben, etwa 150 Meter weit reicht der Schein seiner Stirnlampe.

"Das ist technisch anspruchsvolles Klettern, so als würden Sie die Eiger-Nordwand in 8000 Meter Höhe versuchen. Aber von der Schwierigkeit her war ich immer noch in meiner Komfortzone", sagt Steck. Eigentlich wollte ihn sein Freund Don Bowie aus Kanada begleiten, ein erfahrener Höhenbergsteiger mit reichlich Achttausender-Erfahrung. Doch als er am Fuß dieser Wand stand, verlor er den Mut. Steck zog allein los.

"Diese Everest-Geschichte im Frühjahr hat dazu geführt, dass ich hungrig war, diese Annapurna-Wand zu klettern, mein Ehrgeiz war enorm", sagt der 37-Jährige Schweizer nun. Im April 2013 war Steck in die Schlagzeilen geraten, weil er am Mount Everest von einer Sherpa-Gruppe attackiert wurde, die Fixseile verlegte. Die Ereignisse und das folgende Medieninteresse nahmen ihn so mit, dass er sich nach einem detaillierten Interview für den SPIEGEL für eine Zeitlang abschottete.

Am 10. Oktober um 1 Uhr morgens erreichte Steck nun den Gipfel der Annapurna in Nepal, 8091 Meter über dem Meeresspiegel. Über diese Route an der Südflanke, einer nahezu senkrechten gigantischen Wand, hatte das noch niemand vor ihm geschafft. Es ist die wohl spektakulärste alpinistische Leistung des Jahres.

"Als ich aufstieg, gab es weder Steinschlag noch Lawinen. Solche Tage gibt es manchmal jahrelang nicht an der Annapurna, ich hatte großes Glück", sagt Steck, dessen athletische Touren in großem Tempo ihm den Spitznamen "The Swiss Machine" eingebracht haben.

Lebensrettung statt Gipfelsturm

Er weiß, dass alles passen muss für ein derartiges Unternehmen. Zweimal schon musste er den Versuch aufgeben, eine neue Aufstiegsroute am zehnthöchsten Berg der Erde zu schaffen. Im Jahr 2007 traf ihn ein Stein am Kopf und zertrümmerte seinen Helm. Er verlor das Bewusstsein, rutschte 300 Meter den Hang hinab. Mit letzter Kraft konnte er sich ins vorgezogene Basecamp retten.

Ein Jahr später opferte er die Chance auf eine Besteigung für eine Rettungsaktion. Zwei Spanier waren auf 7400 Metern Höhe in Not geraten. Steck stieg zu ihnen auf, half einem der beiden mit Medikamenten, so dass der absteigen konnte. Der andere, Iñaki Ochoa, litt unter schweren Erfrierungen und Höhenkrankheit. Steck konnte nicht mehr für ihn tun, als ihm in den Stunden bis zu seinem Tod Gesellschaft zu leisten. Dass er dabei auch sein eigenes Leben riskierte, brachte ihm viel Respekt in der Alpinszene ein.

Die Annapurna ist statistisch gesehen der tödlichste aller Achttausender, auf gut 190 erfolgreiche Besteigungen kommen 61 Todesfälle (Stand: März 2012).

Einen kritischen Moment erlebte Steck diesmal, als er einen seiner Daunenhandschuhe verlor. Unterhalb einer Felswand wollte er ein Foto machen, um sich damit später orientieren zu können. "Ich schlug meine beiden Eispickel besonders fest in den Boden und hängte die Handschuhe darüber", berichtet er. "Als ich die Kamera hochhielt, ging eine Spindrift über mich hinweg, eine Art kleine Lawine. Ich erschrak, hielt mich so schnell wie möglich an den Pickeln fest, dabei fiel die Kamera und ein Handschuh in den Abgrund."

Für ihn kein Grund zum Aufgeben: "Ich hatte ja noch dicke Fingerhandschuhe." Den verbliebenen Fäustling trug er dann abwechselnd links und rechts. "Aber über die Kamera habe ich mich sehr geärgert, ich hatte ja viele Fotos vom Aufstieg gemacht."

Fast 20 Stunden Aufstieg

19,5 Stunden kämpfte er sich vom vorgezogenen Basecamp auf 5000 Metern bis nach ganz oben. Zunächst mit einem vier Kilo schweren Rucksack, dann baute er auf etwa 7000 Metern ein Zelt auf und zog nur noch mit einem 60-Meter-Seil und einer Wasserflasche in der Jackentasche weiter. Seine Route führte mitten an der Wand hoch, in fast direktem Weg Richtung Gipfel, ohne große Schlenker durch weniger steile Passagen.

Wer vom Annapurna-Basecamp auf diese Mauer aus Fels blickt, kann kaum glauben, dass ein solcher Aufstieg machbar ist. Der französische Spitzenalpinist Pierre Béghin starb 1992 beim Versuch, ansonsten wurde bislang der direkte Weg immer umgangen: Der Brite Chris Bonington kämpfte sich 1970 mit einer Großexpedition und viel technischem Gerät weiter links nach oben, Seilschaften aus Spanien, Polen und Japan waren weiter rechts erfolgreich. Sehr viel weiter östlich war der Slowene Tomaz Humar bei seinem Alleingang 2007 unterwegs. Die meisten Expeditionsteilnehmer wählen die Normalroute auf der Nordseite des Bergmassivs.

Ueli Steck - Annapurna South Face - Quick Edit from Nepal from Fenom Creative Group on Vimeo.

Gipfelsturm im Dunkeln

Egal, welchen Weg man nimmt, gefährlich ist die Annapurna immer, vor allem wegen der enormen Lawinengefahr. Dazu kommt starker Wind: Tagsüber blies während Stecks Aufstieg ein Sturm mit bis zu 50 km/h, nachts war es fast windstill. Deshalb entschied er, das letzte Stück über den ausgesetzten Gipfelgrat in der Dunkelheit zu gehen.

"Irgendwann ging es dort nicht mehr weiter. Mein Höhenmesser zeigte an, dass ich ganz oben bin." Die Aussicht vom Gipfel war natürlich um die Uhrzeit wenig spektakulär: "Oben ein paar Sterne, ansonsten nur der Schnee, den ich mit meiner Stirnlampe sehen konnte." Viel gefühlt habe er nicht in diesen fünf Minuten, die er auf dem Gipfel verbrachte. "Die Anspannung hat sich noch nicht gelöst. Ich wusste, dass ich es erst geschafft habe, wenn ich wieder unten im Camp bin."

Achteinhalb Stunden brauchte er für den Abstieg, noch einmal achteinhalb Stunden volle Konzentration. Unten am Gletscher empfingen ihn Don Bowie und zwei weitere Mitstreiter mit Cola, einem Apfel und Brot. Mit 500-Millimeter-Kameraobjektiven hatten sie seine Fortschritte verfolgt. Ihre Bilder sind neben seinen Höhenmesser-Aufzeichnungen die einzigen Beweise, die es nun vom Erfolg dieser Solotour gibt, ein Anachronismus im Alpinsport, in dem es immer auch um möglichst spektakuläre Fotos und Videos geht. Aber irgendwie passt das zum Stil des Bergsteigens in seiner ursprünglichsten Form: Den Triumph an der Annapurna erlebte Steck einmal ganz für sich allein.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
tromsø 18.10.2013
1. Steck spinnt
Aber das weiss er wahrscheinlich selber. Trotzdem Anerkennung & viel Glück
nadennmallos 18.10.2013
2. Bevor die ersten wieder ...
Zitat von sysopPatitucciPhoto3000 Höhenmeter Aufstieg in knapp 20 Stunden: Mit der erfolgreichen Besteigung der Annapurna-Südwand hat der Schweizer Ueli Steck Achttausender-Geschichte geschrieben. Unterwegs verlor er einen Handschuh und seine Kamera. "Ich hatte großes Glück", sagt er. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/ueli-steck-erfolg-an-der-annapurna-suedwand-in-nepal-a-928637.html
... maulen über den Sinn und Unsinn solcher Aktionen: Jeder soll das tun was ihm Spaß macht. Ist schon eine tolle Leistung. Natürlich geht alles immer mehr in Richtung Medienevent, aber wenn es einer braucht, dann lasst ihn doch und gönnt es seinen Fans! Ansonsten sind aber solche Aktionen, für mich, überflüssig wie ein Kropf.
spon-facebook-10000002533 18.10.2013
3. Anapurna der schwierigste Berg?
Und ich dachte immer der K2 ist am schwersten zu besteigen.
holomorph 18.10.2013
4.
Wahnsinnig beeindruckende Leistung. Die Nervenstärke aufzubringen alleine und ungesichert ein solches Projekt anzugehn, ist fast unglaublich. Damit hat sich Stueck sicherlich ein Platz in den Geschichtsbüchern gesichert.
Celegorm 18.10.2013
5.
Zitat von spon-facebook-10000002533Und ich dachte immer der K2 ist am schwersten zu besteigen.
Schwierigkeit ist relativ und hängt u.a. auch von der Route, Jahreszeit, etc. ab. Annapurna hat allerdings die höchste Todesrate, wobei K2 gleich dahinter folgt. Ob man den einen oder anderen als schwieriger betrachtet ist insofern wohl Geschmackssache. Eine enorme Herausforderung sind jedenfalls beide, erst recht in einem Rahmen wie bei Steck nun. Andererseits profitierte dieser auch von optimalen Bedingungen, bei schlechterem Wetter hingegen sind beide nicht nur schwierig, sondern im Prinzip unmöglich. Insofern wie gesagt: Alles ist relativ..
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