Unesco-Google-Kooperation: Per Mausklick durch Stonehenge

Von Stefan Simons, Paris

Das Weltkulturerbe vom Schreibtisch aus erleben: Unesco und Internetgigant Google präsentieren Stonehenge, Pompeji und Co. als individuell steuerbaren Eindruck am PC. Mit der Maus können sich die virtuellen Weltreisenden durch Tempel, Kirchen und Gassen bewegen.


Beim Schlendern entlang der Seine fällt der Blick hinüber zur Kathedrale Notre Dame, eine Drehung, und flussabwärts wird der Eiffelturm sichtbar, während wir auf den Quais mit dem massigen Kopfsteinpflaster entlang spazieren. Noch mehr Paris? Versailles samt Schloss und Gärten laden zum Ausflug ein, und das Beste ist, wir müssen nicht einmal in der langen Besucherschlange vor der Kasse anstehen.

Eine andere Destination gefällig? Sekunden später bewegen wir uns auf den Spuren der Via Appia Antica in Pompeji, bestaunen die Ausgrabungen aus römischer Vergangenheit, blicken auf Thermen und Amphitheater. Nicht genug für den Bildungsbürger? Also hinüber auf die britischen Inseln, wo die urzeitlichen Felskolosse von Stonehenge immer noch Rätsel über Sinn und Konstruktionsaufwand aufgeben. Zum Abschluss der touristischen Sekunden-Tournee schließlich ein Abstecher nach Spanien, zur Altstadt von Santiago de Compostela.

Die Highlights des Weltkulturerbes durchmessen per Mausklick: Die Uno-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (Unesco) macht's möglich. Freilich nicht ganz alleine, der Ableger der Vereinten Nationen mit Sitz in Paris brauchte die Hilfe des US-Internet-Giganten Google. Zusammen machen sie auf einer neu eingerichteten Web-Seite zunächst 19 der insgesamt 880 weltweit schützenswerten Kulturgüter für Internetnutzer zugänglich - die anderen sollen schrittweise folgen. "Ein famoses pädagogisches Instrument", freut sich Unesco-Vertreter Kishore Rao.

Dazu bot der Suchmaschinenbetreiber aus den USA den Uno-Hütern von Tempeln, Kirchen, Wüsten oder Biotopen eine Technik an, mit der Google bisher schon erfolgreich Restaurants, Boutiquen oder Museen vermarktet: Auf den Karten von Google Maps oder der räumlichen Darstellung des Globus unter Google Earth scheinen seit dieser Woche die Eintragungen des Weltkulturerbes auf. Wer sich etwa über Australien heranzoomt, bis im Hafen von Sydney das berühmte Opernhaus sichtbar wird, erhält Informationen zur Architektur und Geschichte des Baus mit den Segelartigen Dachflächen.

Stadtscanner via Tricycle

Noch verblüffender freilich sind die jetzt vorgestellten virtuellen Wanderungen: Anders als bei einem Video oder einer Bilderstrecke, steuert der Besucher hier mit der Maus seinen Weg über Plätze, Gassen und Gärten. Der Augenschein ist in jeder Richtung lenkbar, der Eindruck des Besuchs vor Ort - ob der Marktplatz von Prag oder die Windmühlen in Holland - wirkt täuschend echt, wenn auch nicht "live" wie bei einer Webcam.

Geschaffen wurde das Rundumpanorama mit derselben - nicht unumstrittenen - Technik, mit der Google weltweit ganze Städte minutiös abfotografiert. Autos mit einem Kranz von aufmontierten Kameras nahmen bei geringer Fahrt die Fronten von Häusern und Geschäften auf, Passanten inklusive. Zusammen mit den Luftaufnahmen bilden die Ansichten ein detailgenaues Abbild und lassen damit die Verknüpfung von Werbung zu: ein durchaus lukrativer Ableger des kartographischen Millionenaufwands unter dem Stichwort "Street View".

Der Vorschlag an die Unesco, auch das Weltkulturerbe mit dem profitablen Angebot zu verlinken, gibt sich natürlich ganz und gar philanthropisch. Und weil antike Ausgrabungen, schmucke Gärten oder schmale Gassen nicht immer ein motorisiertes Fahrzeug zuließen, wurde das Hightech-Gerät auf ein Tricycle montiert, das anmutet wie ein Eiswagen mit einem mehräugigen Roboter: Während ein muskulöser Biker in die Pedale trat, knipsten sieben Kameras aus allen Objektiven - am Computer wurden die Aufnahmen dann zu einem nahtlosen digitalen Teppich verknüpft.

Googles Interesse an Klickzahlen

Jetzt bedarf es nur noch des Klicks auf Google und: "Hereinspaziert ins Welterbe der Menschheit". Und dabei hat der ganze Aufwand die Unesco gar nichts gekostet, freut sich einer ihrer Sprecher in Paris. Über den finanziellen Aufwand will auch Google nichts verlauten lassen, schließlich geht es um Kultur und nicht um schnöden Kommerz. "Wir sind stolz mit der Unesco an diesem aufregenden Projekt zu arbeiten", erklärt Google-Vertreterin Jessica Powell. "Damit wird vielen Menschen, die diese Gegenden nicht besuchen können, der Zugang zu außergewöhnlichen Orten möglich", so die PR-Direktorin für Europa, Nahost und Afrika zum Engagement ihrer Firma.

Aber wenn künftig neugierige Internet-Surfer oder kulturbeflissene Bürger einen virtuellen Rundgang zu den Stätten der Unesco machen werden, profitiert auch das US-Unternehmen davon: Weil der Blick auf das Weltkulturerbe von der Google-Adresse gestartet wird und nicht unter der elektronischen Anschrift der Unesco, wird Google viele neue vermarktbare Webseiten-Besuche verzeichnen können.

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  • Datum: Donnerstag 03.12.2009 | 16:21 Uhr
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