Ungarn Stierblut war gestern

Von Jürgen Zichnowitz

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Der Weintourismus in Villány boomt


Richtung Villány im Süden des Landes führt der Weg vorbei am Balaton, dem Plattensee, mit dem Anbaugebiet Badacsony am Nordufer. Dieser flache Steppensee und das umliegende Basaltgestein speichern die Sonnenwärme, so dass ein feucht-heißes, fast mediterranes Klima herrscht. Traditionell wird hier Weißwein angebaut, Roter ist erst seit 1999 zugelassen. László Szeremley hat jetzt auf dem Weingut seines Vaters Huba, einer einflussreichen Figur der ungarischen Weinszene, 40 Hektar Pinot noir angebaut, außerdem kauft er rote Trauben aus der Region hinzu. Der jährliche Qualitätsschub ist unverkennbar, so dass man sicher bald mehr hören wird von den Roten des studierten Petrolingenieurs László, der außerdem noch eine bedeutende Zucht von Graurindern und Büffeln betreibt.

Eger (deutsch: Erlau): Die Stadt war früher die Heimat des Erlauer Stierbluts. Heute haben die Winzer als Qualitätswein Bikavér im Programm
Herbert Lehmann

Eger (deutsch: Erlau): Die Stadt war früher die Heimat des Erlauer Stierbluts. Heute haben die Winzer als Qualitätswein Bikavér im Programm

Die gehaltvollsten Rotweine des Landes werden in der südlichen Region Villány-Siklós produziert. Sowohl Sonne als auch Niederschlag sind genügend vorhanden. Das Villányer Bergland aus Karbonatgestein schützt die Rebhänge – meist in Südwestlagen – und lässt die späte Rebsorte Cabernet Sauvignon voll ausreifen. Auf kalziumreichen Böden des Gebiets entstehen säurestarke Weine, während auf den Lössböden eher mildere Tropfen gedeihen.

"Traditionell leben hier viele Donauschwaben", erzählt Winzer József Bock, "deutschstämmige Familien, die es direkt nach 1945 nicht leicht hatten." So mussten auch seine Großeltern nach dem Krieg ihre Rebflächen an den Staat abtreten, wobei sein Vater bereits 1958 einen Teil wieder zurückkaufte. József selbst lernte Schlosser und übernahm als 33-Jähriger das Mini-Gut, wo er 1987 die ersten Weine auf die Flasche füllte. Heute besitzt Bock 50 Hektar, dazu über den Kellern ein Restaurant für 40 Personen, Fitness- und Konferenzräume sowie 17 Gästezimmer: Der Weintourismus in Villány boomt. Der neue Barriquekeller ist hell und übersichtlich. "Schimmel möchte ich aus optischen Gründen nicht an den Wänden haben", sagt Bock – einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Eger und Villány.

Weiblicheres Aroma in französischen Fässern

Neben sortenreinen Roten aus internationalen Reben und der heimischen Kékfrankos sind vor allem die kräftig-animalische "Bock-Cuvée" aus den Bordeaux-Sorten (mehrheitlich Cabernet Sauvignon) und die "Royal Cuvée", überwiegend aus Cabernet und Pinot noir, sehr interessante Tropfen. Mehr als ein Jahr lagern Bocks Spitzenweine in zumeist neuen Barriques. Ihre Etiketten schmückt der Kopf eines Bocks, die einfacheren Weine sind mit Landschaftsmotiven verziert. 1999 erzeugte Bock zudem die Cuvée "Capella" aus 60 Prozent Cabernet franc, dazu Cabernet Sauvignon – tiefdunkel, würzig, fruchtig, gut strukturiert, 21 Monate nur in neuen Fässern gereift – aus ungarischem Holz!

Attila Gere hat – anders als viele seiner Kollegen – mehrere Weine auch in französischer Eiche gelagert. Einige 2002er holt er zum Vergleich direkt aus dem Fass. Der Unterschied ist deutlich: spitzere Tannine bei ungarischem Holz, rundere in französischen Fässern. "Weiblicher", sagt Gere, "und harmonischer." Wie Bock ist auch Gere nicht direkt zum Wein gekommen. Zwar waren seine Urgroßeltern schon Winzer, er selbst aber hat als Förster gearbeitet, bis er durch die Heirat mit seiner Frau Katalin zu Weinbergen kam. 1987 füllte er das erste Mal Wein auf die Flasche, 20 Hektoliter Blauen Portugieser. Die malolaktische Gärung (d. h. der biologische Säureabbau) seiner Weine war für ihn damals ein erfreulicher Zufall: "Ich wusste gar nicht, was das ist."

Seit 1992 kooperiert Gere mit Franz Weninger, dem er vom Bürgermeister empfohlen wurde und mit dem er heute etwa ein Drittel seiner Flaschen produziert. Aus dieser Zusammenarbeit stammt zum Beispiel seine "Cuvée Phoenix", in großen Holzfässern gereift. Geres große Weine kommen in mageren Jahren wie 1998 nicht auf den Markt. Grandios sind die 2000er Cabernet franc Selection von 40 Jahre alten Reben aus dem Sterntal sowie der vollmundige 2000er Kopár, eine Cuvée von der gleichnamigen südlichen Steillage aus Bordeaux-Rebsorten.

Größe schließt Qualität nicht aus

Direkt neben Gere hat Ede Tiffán mit Sohn Zsolt seine Kellerei. Ede ist mit Wein groß geworden, hat Weinbau studiert, lange Jahre in Staatsweingut und Genossenschaft gearbeitet und 1989 seinen Betrieb gegründet. Die Tätigkeit für den Staat tat seinem Renommee keinen Abbruch: 1991 wurde er als Erster zum ungarischen "Winzer des Jahres" gekürt und genießt höchstes Ansehen bei seinen Kollegen. 2003 ließ er für Neupflanzungen in der Lage Teufelsgraben 400.000 Kubikmeter Boden bewegen. "Die letzte Chance, bevor Ungarn EU-Mitglied wurde", sagt der schnauzbärtige Winzer lächelnd. Sein 2000er "Carissimae" aus der Spitzenlage Kopár wurde auf der Vinexpo in Bordeaux prämiert; mindestens ebenso beeindruckend ist aber sein 2001er Pinot noir mit fülliger Frucht, feiner Säure und exzellenter Struktur.

Csaba Malatinszky stammt nicht aus der Region. Seine Karriere begann er als Sommelier – "der Erste in Ungarn" – im Budapester "Gundel", arbeitete dann als Weinhändler, bevor er 1997 sein heute 28 Hektar großes Gut in Villány erwarb. "Ich brachte damals die ersten Barriques in die Gegend", erzählt er. Blitzblank sein Keller, konzentriert seine Weine wie die vom Fass probierten 2002er Cabernet franc mit animalischen und ledrigen Noten und der 2002er Villányi Cabernet Sauvignon, unfiltriert, sehr fruchtig und mit Potenzial für viele Jahre.

Größe schließt Qualität nicht aus: Der Kellerei Vylyan, mit 125 bepflanzten Hektar einer der gewichtigsten Betriebe der Region, ist mit ihrer Prestige-Cuvée "Duennium" aus Cabernet, Merlot und Zweigelt ebenfalls ein Wein gelungen, der sich in die Reihe der Villányer Spitzen hervorragend einfügt.

Noch ist die Produktion hochwertiger ungarischer Rotweine recht jung, doch eines wird bereits deutlich: Wer dieses Weinland ignoriert, hat selber Schuld.



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