Bergunglück im Himalaja "Plötzlich war alles dunkel"

Hunderte Meter wurden die Zelte samt Insassen mitgerissen: Beim schwersten Bergunglück im Himalaja seit Jahren sind am Achttausender Manaslu mindestens elf Menschen ums Leben gekommen. Überlebende berichten, wie sie von der Lawine getroffen wurden - und noch immer gibt es Vermisste.

Von Stephan Orth


Hamburg - Im Dunkeln wurden die Bergsteiger von der Lawine überrascht: In der Nacht auf Sonntag sind bei einem verheerenden Unglück am 8163 Meter hohen Manaslu mindestens elf Menschen ums Leben gekommen, darunter ein Deutscher. Weitere Alpinisten werden an dem Achttausender im Norden Nepals noch vermisst - schon jetzt ist dies eine der schwersten Bergkatastrophen in der Geschichte der Achttausender-Expeditionen.

Die Lawine traf gegen 4.30 Uhr morgens das Hochlager 3 in etwa 7000 Meter Höhe, mehr als zwei Dutzend Bergsteiger befanden sich dort in ihren Zelten. "Plötzlich war alles dunkel. Wir waren unter einer Lawine begraben", wird der deutsche Bergsteiger Andreas Reiter in der "Himalayan Times" zitiert. "Ich war Zeuge, als ein Gruppenmitglied starb", sagte der 26-Jährige in einem Krankenhaus in Kathmandu.

Er nahm an einer Expedition des deutschen Reiseveranstalters Amical Alpin teil, die aus elf Deutschen, einem Österreicher sowie einem österreichischen Bergführer bestand. Bis zu 300 Höhenmeter seien manche von ihnen in die Tiefe gerissen worden, teilte Amical mit. Der Leichnam des getöteten Bergsteigers sei der deutschen Botschaft übergeben worden. Der Rest der Gruppe sei mit Helikoptern ins Basislager geflogen worden, sämtliche Angehörigen seien bereits informiert worden.

Alle Zelte kaputt

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Manaslu in Nepal: Tragödie am Achttausender
Die Lawine richtete auch im tiefer gelegenen Lager 2 schwere Verwüstungen an. Dort befand sich der erfahrene US-Bergführer Phil Crampton, der schon Dutzende Achttausender-Expeditionen geleitet hat. Im Blog des Tourenveranstalters Altitude Junkies beschreibt er die Ereignisse: "Um 4.25 Uhr war ich wach und hantierte an einem klemmenden Schlafsackreißverschluss herum. Ich hatte mich gerade wieder zurückgelegt, als ich um 4.30 Uhr von Eismassen am Kopf getroffen wurden. [Mein Zeltpartner] Kevin und ich wurden in dem Zelt mehrere Male herumgeschleudert, bevor ich in einem zerstörten Zelt auf Kevin liegen blieb."

Sämtliche acht Zelte seiner Gruppe seien nicht mehr zu gebrauchen, schrieb Crampton. Es habe Stunden gedauert, die Expeditionskleidung und Bergschuhe auszugraben, bis auf einen Schuh sei jedoch schließlich alles gefunden worden.

Während der Aufräumarbeiten sei ihnen ein nepalesischer Sherpa-Helfer aus Camp 3 entgegengekommen. "Er stolperte in unser Lager, hatte Kopfverletzungen und Erfrierungen erlitten. Er war ohne Schuhe abgestiegen, zeitweise dachten wir, er würde nicht überleben." Dann habe sich sein Zustand einigermaßen stabilisiert, ein Hubschrauber brachte den Sherpa ins Tal.

Laut einem Bericht der "Himalayan Times" werden nun noch drei Bergsteiger vermisst. Am Montagmorgen hätten die Rettungshubschrauber wegen schlechten Wetters ihre Versuche abbrechen müssen, in die Nähe der Unglücksstelle zu gelangen.

Der Vorfall weckt Erinnerungen an die beiden schwersten Achttausender-Bergunglücke der vergangenen Jahre:

  • Im August 2008 kamen am K2 durch einen herabstürzenden Eisblock elf Menschen ums Leben.
  • 1996 starben zwölf Menschen am Mount Everest, weil sie während eines Massenansturms zum Gipfel in schlechtes Wetter gerieten.

Auch der Manaslu war schon vorher Schauplatz eines verheerenden Unglücks: Im April 1972 zerstörte eine Lawine ein Zeltlager auf 6500 Meter Höhe, zehn Nepalesen und fünf Südkoreaner kamen dabei ums Leben.

Tagelanges Warten auf gutes Wetter

Vor dem Lawinenabgang am Sonntagmorgen hatten ungünstige Wetterbedingungen das Fortkommen der Expeditionen erschwert. Etwa eine Woche lang hatte es ohne Unterbrechung geschneit, am Samstag klarte es endlich auf. Deshalb waren mehrere Gruppen ins Lager 3 aufgestiegen. Oben lagen enorme Mengen Schnee, mit großer Wahrscheinlichkeit war die mehrstündige Sonneneinstrahlung mit dafür verantwortlich, dass sich eine Lawine lösen konnte.

In diesem Herbst herrscht am Manaslu, dem achthöchsten Berg der Welt, ein ungewöhnlich starker Andrang. Von rund 300 Bergsteigern, die in den nächsten Tagen auf den Gipfel wollten, sprach der deutsche Extremskiläufer Benedikt Böhm am Freitag gegenüber SPIEGEL ONLINE. Einige seien nur deshalb am Manaslu, weil der in Tibet gelegene Achttausender Cho Oyu in diesem Herbst wegen chinesischer Visa-Einschränkungen nicht zugänglich ist. Mehrere Expeditionen hätten deshalb ihr Ziel geändert - obwohl eine Besteigung des Manaslu als riskanter gilt.

Böhms Plan war eine Skiabfahrt vom 8136 Meter hohen Gipfel. Bei dem Unglück wurde er nicht verletzt. Am Sonntagmorgen half er bei den Bergungsarbeiten, danach kehrte er ins Basecamp zurück. Jetzt will er zusammen mit seinem Skipartner Sebastian Haag überlegen, ob sie absteigen oder einen späteren Gipfelversuch wagen sollen, wie eine Pressesprecherin seiner Expedition mitteilte.

Der US-Bergführer Crampton hat diese Entscheidung bereits getroffen: "Alle unsere Teammitglieder und Sherpas haben weiterhin eine sehr positive Einstellung zu dem Berg", schreibt er. "Nach ein paar Tagen, in denen wir uns erholen und die Ereignisse reflektieren werden, werden wir den Gipfel versuchen. Wir sind Bergsteiger, und das ist es, was wir tun." Er habe zwei der Getöteten selber gekannt. "Die würden sich wünschen, dass wir weitermachen mit unserem Plan, den Manaslu zu ersteigen."

Mit Material von dpa



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Lebostein 24.09.2012
1.
Na wenigstens machen sie weiter. Wegen ein paar Toten mehr am Berg das Klettern und Bergsteigen aufzugeben wäre schon ein bisschen lächerlich. Schließlich ist ja genau das der Reiz an der Sache...
mundi 24.09.2012
2. Traurig aber dumm
Es ist bescheuert, ohne Not irgendwelche Gipfel zu besteigen und dann Rettungskräfte gefährden. Diese "Berg"steiger sollten lieber auf hohe Bäume oder einen Fernsehturm klettern, wenn sie schon kletter müssen.
hintensitzer 24.09.2012
3. Titel
Zitat von LebosteinNa wenigstens machen sie weiter. Wegen ein paar Toten mehr am Berg das Klettern und Bergsteigen aufzugeben wäre schon ein bisschen lächerlich. Schließlich ist ja genau das der Reiz an der Sache...
Nein, das ist nicht der Reiz an der Sache, aber wer in die Berge geht akzeptiert es wohl oder übel als Begleitrisiko. Letztendlich macht das ja aber auch jeder Autofahrer bei uns. Pro Tag sterben auf Deutschlands Straßen auch etwa 10 Menschen. Mit gleichem Zynismus lassen sich Ihre Sätze auch auf diese Situation anwenden. Passend sind sie aber weder für die eine noch für die andere.
angst+money 24.09.2012
4.
Natürlich ist so etwas total unvernünftig. Aber die Faszination, die die Berge darstellen, kann ich trotzdem nachvollziehen. Nur dass der Himalaja-Tourismus in eine solche Massenveranstaltung ausartet, ist sehr unschön, inklusive der möglichen Folgen. Aber Häme oder Belehrungen sind in dieser Situation noch etwas weitaus unschöneres.
richardheinen 24.09.2012
5. optional
Über Tote im Straßenverkehr regt sich niemand (mehr) auf, weil in der modernen Gesellschaft der Straßenverkehr nicht mehr wegzudenken ist und akzeptiert wird, dass Opfer letztendlich nicht zu vermeiden sind. Diese Opfer kann man allerdings nicht gleichsetzen mit den Opfern unter Extrem-"sportlern", die ohne Not des Kicks wegen Opfersituationen herbeiführen.
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