Lawinenexperte im Interview: "Das war purer Zufall"

Mindestens neun Tote, weitere werden vermisst: Das Lawinenunglück am Mont-Blanc-Massiv ist der schlimmste Alpenunfall seit Jahren. Im Interview erklärt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein, warum die Natur sich nie berechnen lässt - und welche Ursachen für die Katastrophe in Frage kommen.

Mont Blanc: Lawinenunglück in den Alpen Fotos
AP

München/Chamonix - Im französischen Mont-Blanc-Massiv bei Chamonix hat wohl eine Lawine mindestens neun Bergsteiger in den Tod gerissen. Das Unglück ereignete sich nach Behördenangaben auf rund 4000 Metern Höhe am Mont Maudit, der auf dem Weg zum höchsten Berg der Alpen, dem 4810 Metern hohen Montblanc, liegt. Unter den Opfern sollen mehrere Deutsche sein. Erst in der vergangenen Woche waren in der Schweiz am Lagginhorn fünf deutsche Bergsteiger ums Leben gekommen. Ein Gespräch mit Stefan Winter, Ressortleiter Breitensport beim Deutschen Alpenverein (DAV).

Frage: Schon wieder sind bei einem Bergunfall mehrere Menschen umgekommen - gibt es eine Erklärung, warum gleich zwei große Gruppe so kurze Zeit hintereinander verunglücken?

Stefan Winter: Es sind tragische Einzelfälle. Tatsächlich ist es so, dass es in diesem Fall (am Mont Maudit) purer Zufall war, dass gerade zum Unglückzeitpunkt so viele Personen am Hang gestanden haben. Es gibt für diese Unfälle keine Gesetzmäßigkeiten, so dass man keine Regel daraus machen kann.

Frage: Eine Lawine mitten im Sommer, die auch noch die Größe hat, so viele Menschen auf einmal in den Tod zu reißen - wie kann man das erklären?

Winter: Auch im Sommer haben wir ständig mit Schlechtwettersituationen im Hochgebirge zu kämpfen, gerade jetzt zurzeit. Wir haben eine Westwetterlage, und Nordwestwind kommt noch hinzu. Das bedeutet entsprechend niedrige Temperaturen im Bereich zwischen 3000 und 4000 Metern. Wenn feuchte Luft dazu kommt, gibt es Niederschlag, der in größerer Höhe als Schnee fällt. Wind ist der Baumeister von Lawinen - da können schon kleinere Neuschneemengen von zehn Zentimetern Verfrachtungen ergeben, die auch im Sommer tatsächlich zu einem Lawinenunglück führen. Im Moment ist aber nicht klar, was wirklich die Ursache war. Wir haben auch die Möglichkeit des Eisschlags. Wir müssen abwarten, was die Unfallanalyse ergibt.

Frage: Hätte man das Unglück vorhersehen können?

Winter: Wetterberichte geben nur immer eine grobe Orientierung für eine größere Region. Entscheidend ist dann die Tourenplanung vor Ort, am Berg, wo jeder Bergsteiger noch mal selber aufpassen und schauen muss: Wo sind gefährliche Stellen - und wie verhalte ich mich? Die Verhältnisse wechseln, alle hundert Meter kann es anders aussehen. Insofern ist es auch von der Hütte aus oft nicht möglich, die Verhältnisse unterwegs vollständig zu vorherzusehen. Und Lawinen und Eis reagieren nicht nach der Uhrzeit des Menschen.

Frage: Gerade am Mont Blanc gibt es immer wieder Tote, obwohl der Aufstieg über die üblichen Wege als einfach gilt.

Winter: Wir gehen in Europa von ungefähr einer Million Bergsteigern aus, die auch Hochtouren machen, also auf Gletschern unterwegs sind. Der Mont Blanc ist dabei ein Kumulationspunkt - er ist der höchste Berg der Alpen. Natürlich stürzen sich viele auf diesen prominenten Gipfel, sie wollen ihn unbedingt erreichen. Er ist praktisch ein Höhepunkt jedes Bergsteigerlebens. Klar ist, dass da viele Leute unterwegs sind. Hinzu kommt, dass das Massiv riesengroß ist.

Sabine Dobel/sto/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Aktuell
RSS
alles zum Thema Alpen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Karte

Fotostrecke
Lawinenunglück: Tote in den französischen Alpen