Urlaub in der Ferne Wie sicher ist meine Airline?

Air Mandalay, Tiger Airways oder Gazpromavia - wer hat schon von diesen exotischen Fluggesellschaften gehört? Sicher oder unsicher, buchen oder nicht, bei diesen Fragen können sich Urlauber Hilfe auf Portalen wie aerosecure.de holen.

Von Silja Schriever


Wer sich in diesen Tagen für eine Flugreise entscheidet – Klimaschutz hin oder her -, ist meist davon überzeugt, zumindest mit dem sichersten Verkehrsmittel zu reisen. Das ist wohl nicht ganz falsch. "Insgesamt kann man das Flugzeug als sehr sicheres Fortbewegungsmittel einstufen", sagt Christian Scherbel, Chef von Aerosecure. Das Unternehmen betreibt eine Website zum Thema Airline-Sicherheit. Eine absolute Sicherheit könne man allerdings nie erreichen. "Aber durch die Auswahl der Fluggesellschaft lässt sich das Risiko minimieren." Deshalb sei es ihm "unverständlich, dass so viele Urlauber nur aufs Schnäppchen und viel zu wenige auf die Sicherheit der Airline schauen", sagt der 24-jährige studierte Luft- und Raumfahrttechniker.

Nach dem Flugzeugunglück im brasilianischen São Paulo ist die Diskussion um die Sicherheit rund um das Fliegen wieder entflammt. Gerade Urlauber, die in fernen Ländern ihnen unbekannte Fluglinien nutzen wollen oder müssen, stellen sich vor der Buchung Fragen wie: Welche Airline sollte man nach fleißigem Studieren der Unfallstatistik besser meiden? Und: Steht mein Urlaubsflieger womöglich auf einer "Schwarzen Liste"? Mit ein paar Klicks im Netz können sich Reisende vorbereiten. Auf der Homepage von www.aerosecure.de stehen Sicherheitsprofile von über 300 Fluggesellschaften aus aller Welt kostenpflichtig zur Verfügung.

Unfall-Statistiken bieten auch amerikanische Websites wie airdisaster.com oder airsafe.com, im deutschsprachigen Raum noch www.flugzeug-absturz.de. "Wir sind jedoch die Einzigen, die einen ganzheitlichen Sicherheitsansatz fahren und ein komplettes Profil inklusive Flotte, Unternehmen und Unfällen erstellen", sagt Scherbel. Neben der Datenbank führt die Website täglich News, Unfallberichte, Studien und Analysen. Verschiedene Online-Tools geben einen schnellen Überblick: darunter ist die Blacklist-Suche, mit der in der "Schwarzen Liste" der EU recherchiert werden kann: Welche Gesellschaften dürfen Länder der Europäischen Union gar nicht erst anfliegen?

Gleich klingende Airlines - verschiedene Sicherheitsstandards

Auch Checklisten zu Themen wie "Fliegen mit Kindern", "Handgepäck" oder "Verhalten im Notfall" sollen bei der Vorbereitung helfen. Diese Informationen sowie die Kurzprofile der Fluggesellschaften sind kostenlos abrufbar, das Herunterladen ausführlicher Sicherheitsprofile der Airlines kostet zwischen fünf und sieben Euro. Dort erfährt der User alle sicherheitsrelevanten Details der aufgerufenen Fluggesellschaft. Dazu gehört die Unfallstatistik der Airline, aber auch Angaben über die Flotte, die Anzahl und das Alter der eingesetzten Maschinen. Die Wirtschaftszahlen geben Auskunft darüber, ob das Flugunternehmen finanziell gut dasteht oder eben nicht.

Das Knowhow von Aerosecure ist auch bei Experten der Reisebranche gefragt. Mehrere tausend deutsche Reisebüros nutzen bereits den Sicherheitscheck des Münchner Dienstleisters. Etwa eine halbe Million Page Impressions im Monat kann das Portal jetzt schon verbuchen. "Weil zahlreiche Urlauber ihre Flüge mittlerweile nur noch online buchen, bieten wir unsere Informationen jetzt auch für jedermann zugänglich im Internet an", sagt Scherbel. "Es gibt Gesellschaften mit ähnlich klingenden Namen, die fast dieselben Routen anfliegen und annähernd die gleichen Maschinen einsetzen. Trotzdem gibt es bei der Sicherheit eklatante Unterschiede."

"Nicht umsonst gibt es im Extremfall Airlines, die in Deutschland zum Beispiel gegenwärtig nicht landen dürfen", sagt Heinz Bartsch, emeritierter Universitätsprofessor und Spezialist für das Thema "Flugsicherheit aus arbeitswissenschaftlicher Sicht". Bartsch gehört zum Redaktionsteam von aerosecure.de. Seiner Meinung nach erfüllt das Portal eine wichtige Funktion "im Interesse einer weiteren Transparenz und damit auch Beeinflussung der Flugsicherheit allgemein". Viele Kunden würden es schon heute als "eine wichtige Grundlage für Flugentscheidungen ansehen und nutzen".

Experte: Verkehrsdichte verdoppelt sich bis 2020

Auch offizielle Stellen bieten Infos gegen das mulmige Gefühl vor dem Start in den Urlaub an: Cornelia Cramer, Pressesprecherin des Luftfahrt Bundesamtes, verweist auf die Website des Amtes (www.lba.de): "Auf unserer Homepage kann sich jeder Fluggast gut vorbereiten – von der "gemeinschaftlichen Liste" unsicherer Fluggesellschaften, gegen die in der EU ein Flugverbot vorliegt, bis zu den verschärften Sicherheitsmaßnahmen für das Handgepäck und die Fluggastrechte." Ohnehin gäbe es in Deutschland ein sehr komplexes Überprüfungssystem. "Deutschland ist Vorreiter, was die Kontrollen der Flugunternehmen betrifft." Aber auch sie sagt: "100 Prozent Sicherheit wird es nie geben." Schließlich könnten menschliches Versagen, bestimmte klimatische Bedingungen und so weiter nicht ausgeschlossen werden.

Bartsch fordert jedoch mehr: "Der Gesetzgeber sollte nochmals darüber nachdenken, eine angemessene Kerosin-Steuer zu erheben. Das ist nicht nur eine Frage zur Verbesserung des Umweltschutzes, sondern eben auch der Flugsicherheit." Schließlich bevorzugen die Reisenden wegen der günstigen Preise immer mehr das Flugzeug, was zu einer immer größeren Flugverkehrsdichte führt. Gleichzeitig wird der Schienen- bzw. Bahnverkehr nicht ausgelastet. "Das alles sind Entwicklungsanfänge, die langfristig die Flugsicherheit negativ beeinflussen werden. Die zivile Flugverkehrsdichte wird sich bis zum Jahre 2020 im europäischen Luftraum verdoppeln", glaubt Bartsch. So sei die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass dann auch die Anzahl der Flugunfälle zunehmen wird.

Ein Grund mehr, vor dem Buchen von obskuren Fluggesellschaften zu recherchieren. Christian Scherbel: "Wer mit dem Urlaubsflug einer fremden Fluglinie sein Leben anvertraut, sollte sich die Frage nach der Sicherheit nicht verkneifen, denn viele Unglücks-Airlines der vergangenen Jahre waren schon vor ihren spektakulären Unfällen anhand ihrer Flotte, Unternehmens-Situation und vorherigen Unfallhistorie zumindest als potentiell gefährdet identifizierbar."



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