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Urlaub in Krisenregionen: "Manche Touristen glauben, dass für sie eine andere Weltordnung gilt"

19 Urlauber wurden in der Sahara entführt - obwohl es immer wieder Gewalttaten gegen Touristen gibt, reisen viele Menschen in unsichere Regionen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Tourismusexperte Karl Born, was Risikourlauber antreibt und wann Reisen gefährlich wird.

SPIEGEL ONLINE: Waren die in Südwestägypten entführten Touristen leichtsinnig?

Born: Nach meinem Kenntnisstand waren sie es nicht. Sie waren in einer Gruppe unterwegs, haben die üblichen Sicherheitsvorschriften beachtet und hatten einen ägyptischen Bewacher dabei. Die Gegend ist nicht als extrem unsicher bekannt, anders als die algerische Wüste, in der 2003 eine Gruppe von Motorradtouristen entführt wurde. Natürlich gibt es immer ein bestimmtes Risiko - eben so, als ob Sie mit dem Auto zum Flughafen von Hannover fahren. Immerhin gibt es in Deutschland auch rund 5000 Verkehrstote im Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Welche Länder gelten momentan als gefährlich für Reisende?

Born: Es gibt überall ein allgemeines Risiko, ich möchte kein Land herausstellen. Denn im Umkehrschluss hieße das ja, dass Urlauber sich in den anderen Ländern absolut sicher fühlen können.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Touristen trotz offensichtlicher Gefahren und Reisewarnungen des Auswärtigen Amts in Krisenregionen unterwegs - wie etwa die entführten Segler vor Somalia?

Born: Es gibt Menschen, die glauben, dass für sie eine andere Weltordnung gilt. Sie sagen, dass alle Pauschalreisenden sowieso doof seien, dass die nichts vom Land sehen. Sie selbst würden schon aufpassen. Das ist genauso dumm, als wenn jemand sagen würde, ich kann auch besoffen Auto fahren. Wenn denen dann doch was passiert, sind sie total baff. Ich erinnere mich an die fast bewundernswürdige Naivität der entführten Motorradfahrer in Algerien. Die waren überzeugt, alles richtig gemacht zu haben - hatten sich aber nur in Deutschland Informationen geholt.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn eher Individualtouristen von Entführungen betroffen?

Born: Ja, meistens sind es Einzelreisende. Der Fall in Ägypten ist seit längerer Zeit der Erste, bei dem eine Gruppe entführt wurde. Seit vier bis fünf Jahren gibt es aber auch den Berufszweig der Entführer, die auf Lösegeld aus sind und ganz andere Motive als Terroristen haben. Das ist für das Auswärtige Amt die einfachere Übung. Da weiß man, wenn die das Geld bekommen, ist die Sache gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Gerade Ägypten ist ja bekannt für seine Sicherheitsmaßnahmen für Touristen.

Born: Ja, Ägypten waren die Ersten, die offene Präsenz von Polizei und Militär zeigten, um Touristen ein Gefühl von Sicherheit zu geben, ob es notwendig ist oder nicht. Andere Länder in Nordafrika wie Tunesien, Marokko oder Algerien waren da viel zögerlicher.

SPIEGEL ONLINE: Schreckt die Aussicht, im Militärkonvoi reisen zu müssen, nicht auch Urlauber ab?

Born: Nein, das war anfangs lange diskutiert worden. Aber wenn Sie durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen gehen, fühlen Sie sich ja auch nicht vom Fliegen abgeschreckt. Natürlich ist es romantischer, wenn Sie abends in Dubai in die Wüste fahren und den Sternenhimmel genießen wollen, ohne militärische Begleitung unterwegs zu sein. Aber auf den langen Strecken, wie zwischen Kairo und Luxor, stört das niemanden, es gibt eher ein Gefühl der Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Ist Reisen insgesamt gefährlicher geworden?

Born: Nein, die Wachstumszahlen des internationalen Tourismus sind unverändert enorm. Da glaube ich nicht, dass es insgesamt nennenswert gefährlicher geworden ist. Allerdings spielt die Wahrnehmung der deutschen Touristen eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit?

Born: Der Deutsche hat einen Tunnelblick. Wenn im Kongo 50 Leute entführt werden, interessiert es niemanden. Wenn in Miami ein deutscher Tourist umgebracht wird, heißt es wieder, Florida ist gefährlich. Egal, wie viele Morde es zur gleichen Zeit in Deutschland gab.

SPIEGEL ONLINE: Werden Probleme in islamischen Ländern hierzulande anders wahrgenommen?

Gilf al-Kebir: Enführte Deutsche haben sich an Sicherheitsvorschriften gehalten
SPIEGEL ONLINE

Gilf al-Kebir: Enführte Deutsche haben sich an Sicherheitsvorschriften gehalten

Born: Ja. Vor allem Ägypten und die Türkei gelten als besonders gefährlich - im Gegensatz zu zum Beispiel Sri Lanka, wo viel mehr passiert. Bei Vorfällen in Ägypten oder der Türkei gibt es bei Deutschen gleich den Gedanken "Ach, schon wieder". Aber die Touristen bleiben nicht mehr weg wie früher. Im Gegenteil. So nach dem Motto "der Blitz schlägt niemals an derselben Stelle zweimal ein".

SPIEGEL ONLINE: Die Nachwirkungen von Terroranschlägen auf den Tourismus sind nicht mehr so gravierend?

Born: Sie sind wesentlich geringer als noch vor vielen Jahren. Heute wissen die Touristen, dass es ein Risiko gibt. Und spätestens nach den Anschlägen von Madrid und London wissen sie, dass es sie in Frankfurt ebenso treffen kann wie in Scharm al-Scheich. Das ist ein Bewusstseinsmangel nach dem 11. September 2001 und auch Gewöhnung an den Terrorismus.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Born: In Scharm al-Scheich war 2005 die Anzahl derer, die nach dem Anschlag abgereist sind, sehr gering. Die Touristen haben die Opfer bemitleidet, etwas gespendet und sind wieder an den Strand gegangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass noch etwas passierte, war gering, die Infrastruktur war noch vorhanden - im Gegensatz zum Tsunami.

SPIEGEL ONLINE: Ist das jetzt immer so?

Born: Das ist eine Wellenbewegung: Die Urlauber, die bei Anschlägen vor Ort waren, bleiben dort. Die Leute, die auf dem Anflug sind, fliegen erstaunlicherweise auch los. Der Einbruch kommt später, wenn Urlauber ihre nächste Reise planen und die Region der Anschläge meiden. Dann aber kommen die Sonderangebote - und alle sind sie wieder da.

SPIEGEL ONLINE: Sonderangebote versus Anschlagangst?

Born: Es ist erstaunlich, wie schnell Touristen insbesondere in Ägypten und der Türkei wieder kommen, auch wenn ein größeres Attentat passiert ist. Gerade diese Länder geben schnell Sonderangebote heraus, die von den Kunden relativ schnell akzeptiert werden, nach dem Motto: Wenn Neckermann das Angebot geprüft hat, wird es schon sicher sein, und so billig kommen wir so schnell nicht wieder nach Ägypten. Bei den höherpreisigen Segmenten sieht das allerdings anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Urlauber sollten sich nach den Empfehlungen des Auswärtiges Amts richten. Was muss man dabei beachten?

Born: Das AA ist keine zukunftsgerichtete Veranstaltung, es kann keine Prognosen abgeben. Wenn etwas passiert ist, überprüft die Behörde die Lage vor Ort, ob dort konkret Gefahr für Leib und Seele der Touristen besteht. Das AA steht unter enormen Druck der ausländischen Regierungen und geht bei Reisewarnungen sehr defensiv ran.

SPIEGEL ONLINE: Ein Tipp für Individualreisende?

Born: Wer vor Ort auf eigene Faust oder mit einem einheimischen Führer Touren abseits der Touristenpfade unternehmen will, sollte sich vor Ort bei Reiseveranstaltern, -agenturen und Behörden erkundigen, wie die Sicherheitslage dort ist. Die kann sich manchmal innerhalb von Stunden ändern.

Das Interview führte Antje Blinda.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1. Kein LÖsegeld!
Backpacker 24.09.2008
Zitat: Das ist für das Auswärtige Amt die einfachere Übung. Da weiß man, wenn die das Geld bekommen , ist die Sache gelaufen. Na danke, ich kann nur hoffen, dass sich das unter den Kriminellen in den Ländern, in denen ich so reise, nicht rum spricht. Ansonsten muss ich meinen dunkel-pinken Pass abdecken und mich als Russe o.ä. ausgeben, wenn ich nicht bei nächster Gelegenheit einführt werden will (ist ja eine einfache Übung fürs AA, Geld raus, und erledigt..) Das ist hier einfach Pech der Betroffenen, da hat man keine groben Fehler begangen (wie das umsegeln des Horns) und wird trotzdem entführt. Trotzdem darf man diese Verbrecher mit unseren Steuergeldern bewerfen. Wenn erstmal die erste Gruppe Entführer bei einer militärischen Befreiung zu Schaden kommt, spricht sich das vielleicht rum und die nächsten überlegen sich das 2x.
2. empfehlungen von kar born (""experte"")
auswanderer123, 24.09.2008
karl born, selbsternannter ""tourismus-experte"" gibt hier im 'spiegel' erstaunlich naive empfehlungen: ein zitat: """...Born: Wer vor Ort auf eigene Faust oder mit einem einheimischen Führer Touren abseits der Touristenpfade unternehmen will, sollte sich vor Ort bei Reiseveranstaltern, -agenturen und Behörden erkundigen, wie die Sicherheitslage dort ist. Die kann sich manchmal innerhalb von Stunden ändern. (Das Interview führte Antje Blinda.)...""" zitat-ende dies ist schlicht hanebuechener bloedsinn ! es ist voellig ausgeschlossen, dass lokale einheimische reiseagenturen oder lokale einheimische behoerden potentiellen kunden (touristen) abraten zu kommen.. so gut wie niemals wird ein lokaler touristen-unternehmer oder eine einheimische lokale behoerde 'zugeben' - dass es zu gefaehrlich ist fuer touristen.. !?!?!? der ""experte"" karl born scheint in seiner heimat in deutschland auch in einer 'anderen welt' zu leben..!? vielleicht sollte karl born mal wieder selber ins ausland reisen - und sich mit lokalen, einheimischen touristen-behoerden und/oder einheimischen lokalen touristen-agenturen selber unterhalten.. z.b. ueber die "sicherheitslage" vor ort.. bevor karl born uns so einen schmarrn als "experte" zum besten gibt..
3. Traurig aber wahr
Hubert Rudnick, 24.09.2008
Zitat von sysop19 Urlauber wurden in der Sahara entführt, obwohl es immer wieder Gewalttaten gegen Touristen gibt, reisen viele Menschen in unsichere Regionen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Tourismusexperte Karl Born, was Risikourlauber antreibt - und wann Reisen gefährlich wird. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,580006,00.html
-------------------------------------------------------- Zuerst muß man man leider feststellen, dass unsere Welt nicht überall friedlich ist und das Touristen nicht überall willkommen sind, es ist traurig aber auch Realität. Wer unbrdingt so einen Abenteuerunrlaub machen möchte und die Herausforderungen sucht, na bitte dann soll er es tun, nur das sich der Staat um die Freilassung dieser Abenteurer bemüht das sollte er sich von diesen Touristen auch gut vergüten lassen. Zu viele Menschen suchen heute eine Herausforderung, ihr tägliches Leben schein ihnen zu langweilig zu sein, sie suchen den ganz großen Kik, so ist es auch mit vielen Extremsportlern, aber wenn ihnen was passiert, dann schreien sie wieder nach ihrem Staat und das kann ich nicht verstehen. Man kann es solchen Nimmerklugen nicht verbieten, aber wenn sie zu Schaden kommen, dann sollte es auch ihre eigene Angelegenheit sein. Hubert Rudnick
4. Gefahren
Ragnarrök 24.09.2008
Hallo, ich bin in Algerien (bis nach Tamanrasset) "runter" gewesen, in Israel (Westjordanland und auch 1 x Gazastreifen). Würde ich heutzutage nicht mehr machen. Einen Ausflug in den Libanon, den ich auch damals gerne gemacht hätte schloss ich aus Sicherheitsgründen von vornherein aus. Mein Spruch damals: Mein "Mopped" ist langsamer als eine Kugel. Bisschen Hirn sollte man als (Individual)reisender schon einsetzen. Das fängt mit der Information u Vorbereitung an. Nachrichten, Bücher, Pistenbeschaffenheit, Gefahrenpunkte nicht nur von menschlicher Seite und zusätzlich heute das gute Internet sollten nicht schaden.;-) Im Falle von Algerien, auch wenn man nicht mehr viel hört, stimmt es mich traurig. Was ist aus den Polizisten geworden die mich neugieriger weise anhielten, was aus dem Teestubenrenovierer der mich zum Tee einlud an einer staubigen Piste, was aus dem Nordalgerischem Bauern auf dessen Grundstück ich an einem verfallenem Haus rastete und wir uns mit Händen u. Füßen unterhielten? Von irgendwelchen *A.....l...* ermordet?! :-(( Egal ob FIS (steht für alle "Rebellen) oder irgendwelchen Sicherheitskräften. Begreife ich bis heute nicht, warum man irgendwelche Dörfler überfällt und sie massakriert. Die phantastische Wüste, Sandwind, Die Oasen, die Riesenabstände dazwischen, das Hoggar Gebirge. Ich würde glatt wieder fahren, aber nicht bei der Sicherheitslage! Auch nicht geführt! Das gleiche gilt für Israel zumindest Westjordanland, eigentlich ja autonome Gebiete von Israels Gnaden und Gaza Streifen schon gar nicht. Tipp: Immer schön auf die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes hören http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/01-Reisewarnungen-Liste.html und sich öfter in Foren informieren, nicht nur über die Sicherheitslage. Trotzdem schöne Reise! Gruß R.
5. AA Infos taugen nix.
Jochen Kissly, 24.09.2008
Zitat von RagnarrökHallo, ich bin in Algerien (bis nach Tamanrasset) "runter" gewesen, in Israel (Westjordanland und auch 1 x Gazastreifen). Würde ich heutzutage nicht mehr machen. Einen Ausflug in den Libanon, den ich auch damals gerne gemacht hätte schloss ich aus Sicherheitsgründen von vornherein aus. Mein Spruch damals: Mein "Mopped" ist langsamer als eine Kugel. Bisschen Hirn sollte man als (Individual)reisender schon einsetzen. Das fängt mit der Information u Vorbereitung an. Nachrichten, Bücher, Pistenbeschaffenheit, Gefahrenpunkte nicht nur von menschlicher Seite und zusätzlich heute das gute Internet sollten nicht schaden.;-) Im Falle von Algerien, auch wenn man nicht mehr viel hört, stimmt es mich traurig. Was ist aus den Polizisten geworden die mich neugieriger weise anhielten, was aus dem Teestubenrenovierer der mich zum Tee einlud an einer staubigen Piste, was aus dem Nordalgerischem Bauern auf dessen Grundstück ich an einem verfallenem Haus rastete und wir uns mit Händen u. Füßen unterhielten? Von irgendwelchen *A.....l...* ermordet?! :-(( Egal ob FIS (steht für alle "Rebellen) oder irgendwelchen Sicherheitskräften. Begreife ich bis heute nicht, warum man irgendwelche Dörfler überfällt und sie massakriert. Die phantastische Wüste, Sandwind, Die Oasen, die Riesenabstände dazwischen, das Hoggar Gebirge. Ich würde glatt wieder fahren, aber nicht bei der Sicherheitslage! Auch nicht geführt! Das gleiche gilt für Israel zumindest Westjordanland, eigentlich ja autonome Gebiete von Israels Gnaden und Gaza Streifen schon gar nicht. Tipp: Immer schön auf die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes hören http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/01-Reisewarnungen-Liste.html und sich öfter in Foren informieren, nicht nur über die Sicherheitslage. Trotzdem schöne Reise! Gruß R.
Wenn ich mir die Kommentare des Aussenministeriums zu meinem zweiten Wohnort - Transnistrien - anschaue dann kann ich nur von Realitätsverlust reden. Hier lebt es sich sicherer als in mancher dt. Grosstadt. Diese "Ratgeber" haben, zumindest was Moldawien anbetrifft, keine Ahnung und haben die Reisewarnung wohl von der Seite der US Botschaft in Kishinev abgekupfert. Wer sich darauf verlässt ist verlassen! JK
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