Urlaub zum Komplettpreis All-inclusive gehört die Zukunft

Das bunte Plastikband am Arm des Urlaubers signalisiert: Unterkunft, Mahlzeiten und Getränke ohne Limit hat er mit dem Reisepreis bereits bezahlt. Der All-inclusive-Urlaub wird immer beliebter - die Kunden schätzen vor allem die Budgetsicherheit.


Berlin/Wernigerode - Das Thema Mehrwertsteuer-Erhöhung spielte kaum eine Rolle, als die Reiseveranstalter in den vergangenen Wochen die Sommerkataloge 2007 vorstellten. Denn auf die Reisepreise wirkt sich die Anhebung von 16 auf 19 Prozent zum 1. Januar nur dann unmittelbar aus, wenn es um Urlaubsziele im Inland geht. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich sind die Folgen der höheren Steuer für das Reiseverhalten der Deutschen noch gar nicht abschätzbar.

Robinson Club Pamfilya in der Türkei: Viele Veranstalter haben ihr All-inclusive-Programm ausgebaut
GMS

Robinson Club Pamfilya in der Türkei: Viele Veranstalter haben ihr All-inclusive-Programm ausgebaut

"2007 werden viele Menschen weniger Geld in der Tasche haben und sparen müssen - auch an ihrem Urlaubsbudget", erwartet der Tourismusforscher Karl Born von der Hochschule Harz in Wernigerode. All-inclusive-Ferien dürften daher noch mehr gefragt sein als bisher. Die Veranstalter richten sich darauf ein.

"Ganz klar, All-inclusive nimmt weiter zu", sagt Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband (DRV) in Berlin. In Zeiten sinkender Realeinkommen sei Budgetsicherheit für viele Reisende ein entscheidender Faktor - und genau diese Budgetsicherheit bietet der "Urlaub ohne Nebenkosten", bei dem alles schon vorher bezahlt wurde. "Gerade Familien mit kleineren und mittleren Einkommen wollen ihre Kosten im Urlaub im Griff behalten", beobachtet Born. Da sei es vielen Eltern wichtig, dass sie nicht jedes Mal zur Geldbörse greifen müssen, wenn der Nachwuchs einen Saft trinken möchte.

Viele Reiseveranstalter haben ihre All-inclusive-Angebote zur Sommersaison 2007 noch einmal erweitert. Alltours aus Duisburg etwa hat nun 72 statt 67 Prozent seiner Bettenkapazität in entsprechenden Hotelanlagen. Neckermann hat allein im Flug-Nahbereich, zu dem der Mittelmeerraum gehört, die Zahl der sogenannten AI-Hotels von 452 auf 503 erhöht. Die zur TUI gehörenden Robinson Clubs bieten im kommenden Jahr in fünf statt in nur drei ihrer Anlagen All-inclusive an.

Mallorca: Niemand will All-inclusive, bis auf die Urlauber

Auch in Urlaubsregionen, in denen das bisher ungewöhnlich war, setzt sich "AI" immer mehr durch. In Österreich etwa hat Neckermann bald 64 statt 43 entsprechende Hotels unter Vertrag, auch in Italien und auf dem spanischen Festland steigt die Zahl der "AI"-Anlagen.

Das hat damit zu tun, dass sich die Motivation, All-inclusive zu buchen, in den vergangenen zehn Jahren deutlich verschoben hat. Am Anfang sei es meist das Fehlen von Restaurants, Bars, Geschäften und anderer Infrastruktur rund um die Hotels gewesen, das "AI"-Anlagen einen Sinn gegeben hat, sagt Born. Dies sei in der Karibik und in der Türkei der Fall gewesen. Heute sei Budgetsicherheit das wichtigste Argument für All-inclusive-Reisende - und zwar auch an Orten, an denen es eigentlich genug Alternativen zum Hotel gäbe.

"Vor zehn Jahren hätte ich es zum Beispiel für unmöglich gehalten, dass All-inclusive auf Mallorca ein Thema wird", sagt Born. Dort sei die Infrastruktur für Urlauber schließlich sehr gut. Heute aber kommt auch die liebste Ferieninsel der Deutschen nicht ohne "AI" aus, "obwohl es dort keiner will: die Inselregierung nicht, die Hoteliers nicht und die Reiseveranstalter auch nicht. Es sind aber die Verbraucher, die es mit ihrem Verhalten durchgesetzt haben."

Die Probleme, die All-inclusive-Anlagen bewirken, sind längst bekannt: "Die Leute trinken dann eben nichts mehr in den Bars am Ort, selbst wenn sie an der Promenade unterwegs sind, sondern sie gehen für jedes Bier zurück in ihr Hotel", sagt Born.

"Ultra-All-inclusive" schließt örtliche Angebote mit ein

Doch auch darauf gibt es eine Gegenbewegung. Bei Neckermann Reisen heißt sie "Ultra-All-inclusive" und soll im Sommer 2007 in Hammamet in Tunesien getestet werden. Dort sind in vier Hotels nicht nur Verpflegung und Sportprogramm im Preis inklusive, sondern zum Beispiel auch Kinobesuche, Kamelritte und Abendessen in der Medina des Ortes. Das Konzept richte sich an Urlauber, die Budgetsicherheit mit Erlebnissen außerhalb der Hotels verbinden wollen, sagt Peter Fankhauser, Vorstandsmitglied im Thomas-Cook-Reisekonzern. Außerdem komme es den Interessen der lokalen Geschäftsleute deutlich entgegen.

Hammamet soll für Neckermann nur der Startschuss sein. "Wir stehen am Anfang einer ganzen Welle solcher All-inclusive-Angebote", sagte Flugreisen-Direktor Peter Wennel bei der Katalogpräsentation. Die TUI wies bei ihrer Programmvorstellung zwar gleich darauf hin, dass bei ihr ganz ähnliche Modelle zum Beispiel auf Mallorca längst buchbar seien. Wer am Ende die Vaterschaft für das Konzept beanspruchen kann, dürfte dem Touristen allerdings egal sein - Hauptsache, er kann in den Katalogen entsprechende Produkte finden.

Denn der Druck werde wohl noch größer werden in Richtung All-inclusive, erwartet Born. Und Ultra-All-inclusive sei letztlich nur ein Zeichen dafür, dass der Gast eigentlich beides will: Budgetsicherheit und ein gewachsenes örtliches Leben rund um das Hotel am Urlaubsort.

Von Christian Röwekamp, gms



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